Max Verstappen über die neue Saison, die Papaya-Konkurrenz und Michael Schumacher
«Es tappen alle im Dunkeln»

Nach vier WM-Titeln in Serie musste sich Max Verstappen in der letzten Saison erstmals wieder Lando Norris geschlagen geben. Im Blick-Interview erklärt er, was er von der Papaya-Konkurrenz hält, wie lange er fahren will und seine Erinnerungen an Michael Schumacher.
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Foto: Lukas Gorys
Verstappen im Interview über Schumacher, McLaren und die Familie
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Roger BenoitFormel-1-Experte

Er war der Fahrer der Saison 2025, auch für die zehn Teamchefs, die wie jedes Jahr abstimmten. Max Verstappen (28) war der Überflieger mit den meisten Siegen (8) und den wenigsten Fehlern. Aber nach 24 Rennen und sechs Sprints fehlten in Abu Dhabi zwei Punkte zum fünften WM-Titel in Serie. Und was macht der Holländer? Er jettete noch vor Weihnachten nach Estoril – und testete in Portugal den Mercedes GT3. Ja, Tourenwagen sind neben dem Sim-Racing seine grosse Leidenschaft. Und bald seine Zukunft?

Blick: Herr Verstappen, vor einem Jahr wollten Sie in unserem Saisonabschluss-Interview keine Prognose für 2025 abgeben. Und jetzt?
Max Verstappen:
Die gleiche Frage ist 2026 noch schwieriger zu beantworten. Wir haben alle keine Idee vom neuen Auto, vom Motor. Ich glaube, bei den ersten Tests ab dem 26. Januar in Barcelona werden wir mehr in den Garagen stehen als auf der Strecke in Aktion. Bei den zwei Februar-Tests in Bahrain sind wir dann hoffentlich alle schlauer.

Haben Sie die Entwicklung des eigenen Red-Bull-Motors mit Unterstützung von Ford mitverfolgt?
Ja, ich war einige Male im Werk. Aber eben: Es tappen alle noch im Dunkeln.

Der Neustart bei null. Ist das vielleicht auch eine Chance für ihren neuen Teamkollegen Isack Hadjar?
Warum nicht? Er hat nach einer tollen ersten Saison bei Racing Bulls eine Chance bei Red Bull verdient. Und da es mit den neuen Regeln sicher Überraschungen geben wird, tauchen vorne vielleicht neue Namen auf.

Noch ist Max Verstappen skeptisch, was das neue Auto für die kommende Saison betrifft.
Foto: Getty Images

Mit Hadjar haben Sie jetzt in Monte Carlo einen guten Französisch-Lehrer.
(lacht) Wer in Monaco wohnt, kommt ohne Französisch nicht sehr weit. Also müsste ich Isack eher Holländisch lehren.

Reden wir nach 24 Rennen über ihre Schulnote. Die Skala geht von 1 bis 10.
Eine 9. Denn die perfekte Saison hat noch kein Formel-1-Fahrer hinlegen können. Also wird die 10 unerreicht bleiben.

Bei Ihnen gingen vor allem Barcelona mit dem Zwischenfall mit Russell sowie der Zehn-Sekunden-Strafe und Budapest in die Hose.
In Ungarn erreichten wir tatsächlich die Talsohle. Da lief ein Wochenende lang nichts zusammen. Aber wir haben uns dann als Team wieder zusammengerauft und hatten ein gutes Finale mit sechs Siegen in den letzten neun Rennen.

Darauf dürfen Sie als «Anführer» des Bullen-Teams stolz sein.
Ja, weil uns dies mitten im Wirbel beim Wechsel des Teamchefs niemand zugetraut hätte. Wir hatten vor diesem Endspurt noch 104 Punkte Rückstand.

Verstappen alleine im Duell mit den beiden McLaren: ein Abbild der letzten Saison.
Foto: Getty Images

Am Ende haben auch die seltsamen Papaya-Regeln die WM entschieden. Mindestens zweimal kam es für Piastri zu einer Stallorder. Wären Sie auch vom Gas gegangen?
Sicher nicht. Wenn du dies einmal ohne klaren Grund machst, verkaufst du deine Seele. Das Team kann dann mit dir machen, was es will. Und vergessen wir nicht: Piastri war mitten im Titelkampf.

Sie sagten, dass die WM mit Ihnen im McLaren lange vor Abu Dhabi entschieden worden wäre.
Diese Aussage stimmt. Aber ich mische mich eigentlich nie in die internen Probleme meiner Gegner ein. Ich kann ihnen ja stets auf der Strecke eine kämpferische Antwort geben.

Sie sind oft das Opfer von Fake News, nehmen die Dinge aber lockerer als andere. In Katar musste Antonelli in der vorletzten Runde in seinem Mercedes Norris auf den 4. Platz vorbeilassen. Eine Welle der Empörung überschlug sich im Netz. Auf beiden Seiten.
Kimi hat dort leider einen Fehler gemacht, der am Ende eine grosse Rolle spielte. Doch Fehler gehören zu unserem Sport. Vor allem, wenn du am Limit kämpfst und ein Gegner im besten Auto direkt hinter dir fährt. Schade, dass Kimi unter Druck zu weit raus rutschte. Doch das kann passieren. Da bin ich auch nicht böse.

Antonelli nannte Sie in einem Blick-Interview einen «Kannibalen», dem man auf der Piste nicht sehr oft begegnen möchte. Das meinte Kimi positiv, also als ein Kompliment.
Ein netter Junge, der von den Rookies 2025 mit dem Werks-Mercedes am meisten unter Druck stand. Da hatten es Bearman, Hadjar oder Bortoleto in schwächeren Autos sicher einfacher zu glänzen.

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«Ich kannte Michael Schumacher als Onkel Michael»
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Die alte Frage: Hat man in der Formel 1 Freunde?
(lacht) Je mehr du gewinnst, desto kleiner wird die Zahl von Piloten, denen du im Fahrerlager problemlos begegnest. Mit Bortoleto habe ich ein besonders gutes Verhältnis, weil wir schon einige Sim-Rennen im gleichen Team gefahren sind. Zudem habe ich ihm früher in der Formel 3 und Formel 2 ein wenig geholfen. Gabriel ist eine normale Person.

Alte Freunde: Verstappen (l.) mit dem nun für Audi fahrenden Gabriel Bortoleto.
Foto: Lukas Gorys

Und trotzdem sind gerade sie beide verschieden: Bortoleto lieferte 2025 im Sauber am meisten Millionen-Schrott ab, Sie waren mit nicht einmal 250'000 Dollar der «billigste Fahrer» im Feld. Woher stammt der Schaden?
Ich weiss es nicht. Heftig angeschlagen bin ich nie, aber da muss mal ein Unterboden oder Flügel defekt gewesen sein.

Wie viel Geld haben Sie jetzt in der Tasche?
Was für eine Frage. (Verstappen greift sich in die Hosentasche und findet keinen Euro). Die Welt ist offenbar eine Kartengesellschaft geworden.

Ich erinnere mich an ein Bild, das Sie mit fünf Jahren an einer Boxenstrasse mit dem damaligen Ferrari-Superstar Michael Schumacher zeigt.
Eine schöne Erinnerung mit Bildern und Videos. Weil mein Vater Jos 1994 Teamkollege von Schumacher bei Benetton war, kannten sich die Familien noch viele Jahre danach. Wir verbrachten sogar einige Urlaube zusammen. Ich kannte ihn als Onkel Michael.

Sein dramatischer Ski-Unfall liegt zwölf Jahre zurück. Wie halten Sie den siebenfachen Champion als Rennfahrer in Erinnerung?
Er war ein Fahrer, der unermüdlich arbeitete und alles gab. Für ihn zählte nur der Sieg, egal, wie er erreicht wurde. Auf der Strecke war er – wie ich – ganz fokussiert. Doch zu Hause kümmerte er sich um seine Familie und schenkte ihr die Aufmerksamkeit, die sie verdiente.

Sehen Sie da Parallelen? Schumacher hat für Ferrari 72 Rennen gewonnen, Sie bisher 71 für Red Bull.
Ja, auf der Strecke und privat. Aber mein Ziel ist nach über 230 Rennen bestimmt nicht, sieben WM-Titeln nachzujagen. Es gibt für mich nichts Wichtigeres als die Familie mit den Kindern. Sie sind die Motivation, die du nur in den eigenen Wänden bekommst.

Sie schwärmen seit Jahren von anderen Serien. Sie jagten im Herbst mit dem Ferrari GT3 im Rekordtempo über die Nordschleife am Nürburgring. 2026 wollen sie dort in der grünen Hölle beim 24-Stunden-Klassiker starten. Und wenn Sie daheim sind, sitzen sie oft stundenlang hinter den Simulatoren.
Ich geniesse solche Abenteuer. Denn irgendwann ist die Formel 1 für mich kein Thema mehr – dafür aber andere Rennen. Sogar die MotoGP kann mich begeistern.

Ist auch auf der Nordschleife unterwegs: Verstappen im Ferrari GT3.
Foto: IMAGO/NurPhoto

Wie viele Simulatoren haben Sie daheim in Monaco?
Einen, aber bald sind es bestimmt mehrere.

Auch im Schlafzimmer?
Um Himmelswillen, nein. Das würde Ärger geben (lacht).

Das Familienleben mit den Töchtern Penelope und Lily ist ein guter Ort der Erholung, der Entspannung. Geht dies, wenn zwischen dem letzten Rennen und dem ersten Test nur 50 Tage liegen?
Sie wissen, ich bin seit Jahren gegen 24 Rennen pro Saison unterwegs, und auch die sechs Sprints lösen in mir keine Glücksgefühle aus.

Nun, sie sind mit 13 Siegen in den 24 bisherigen Sprints der König der Mini-Show.
Meist waren diese unnötigen Auftritte am Samstag auch noch langweilig. Aber noch schlimmer: Sie stören den normalen Ablauf für unseren echten Auftritt am Sonntag. Und etwas vergessen die meisten Fans: Dieser Dauereinsatz stresst vor allem die Mechaniker. In den meisten Teams wird bereits in zwei Schichten gearbeitet.

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«Vielleicht gelingt es Audi, uns alle zu überraschen»
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Vor allem 2024 sind Sie einige Male am Funk oder im Medienzentrum mit der FIA zusammengeprallt. Was geben Sie dem Weltverband 2025 für eine Note?
Keine. Aber ich muss zugeben, dass es diese Saison nicht viele Probleme mit der FIA gab. Mein Rezept war klar: Sage weniger und dann fallen die Schlagzeilen weg. Hat gut geklappt.

Reden wir noch über das Alter. Alonso ist bald 45, Hamilton 41. Wie lange hat Max Verstappen vor, noch im Kreis herumzufahren?
Ich bin jetzt 28 und habe noch bis 2028 einen Vertrag mit Red Bull. Den möchte ich auch erfüllen. Zum jetzigen Zeitpunkt schliesse ich einen Teamwechsel aus. Schade, dass ich 2026 meinen Freund und Förderer Helmut Marko nicht mehr an meiner Seite habe. Ich werde ihn vermissen.

Max Verstappen und Partnerin Kelly Piquet (l.): Die Familie ist für den Rennfahrer in den Mittelpunkt gerückt.
Foto: Lukas Gorys

Das tönt so, als ob sie mit 40 Jahren nicht mehr dabei sind, oder?
Darauf können Sie wetten. Mit 40 Jahren stehe ich vielleicht noch als Teamchef in einer anderen Serie an den Boxen.

Wie es aussieht, wird der Deutsche Nico Hülkenberg der nächste 40-jährige Fahrer im Feld sein. Im Sommer wird Nico bereits 39 Jahre alt.
Ich bin froh, dass er in Silverstone endlich einmal aufs Podest klettern durfte. Viele Piloten schaffen das nie, weil ihnen das richtige Material oder das nötige Glück fehlten. Und keiner verdiente einen Podestplatz mehr als dieser unverwüstliche Kämpfer.

Hat Hülkenberg 2026 mit Audi eine Chance?
Eine schwierige Frage. Es dauert als neues Team sicher einige Zeit. Doch nach ein oder zwei Jahren kann Nico vielleicht vorne mitfahren. Warum nicht?

Weil in den letzten 30 Jahren alle Topteams mindestens fünf Jahre für das Ziel mit dem ersten WM-Titel gebraucht haben. Das gilt für Ferrari 2000, Red Bull 2010 und Mercedes 2014.
Vielleicht gelingt es Audi, uns alle zu überraschen.

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