Deutschland spielt um WM-Gold
Eishockey-Märchen im Schatten des Fussball-Wahnsinns

Deutschland hat die erste Eishockey-WM-Medaille seit 70 Jahren bereits im Sack. Setzt der Schweiz-Besieger heute im Final gegen Kanada noch einen drauf?
Publiziert: 28.05.2023 um 13:46 Uhr
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Aktualisiert: 31.05.2023 um 12:46 Uhr
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Overtime-Schütze Freddy Tiffels (links) und Moritz Seider feiern Deutschlands Sieg im Halbfinal gegen die USA.
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Stephan RothStv. Eishockey-Chef

Deutschland ist im Delirium. Nicht in erster Linie, weil die Eishockey-Nationalmannschaft mit einem Overtime-Sieg gegen die USA in den WM-Final von heute gegen Kanada (19.20 Uhr, live SRF2/MySports) vorgestossen ist, sondern weil die Fussball-Meisterschaft hochdramatisch endete.

Wer auf deutschen Online-Portalen über die Heldentaten der Mannschaft von Harold Kreis in Tampere lesen will, muss sich deshalb erst einmal durch eine Wand von Artikeln über den elften Meistertitel in Folge von Bayern München, das x-te Versagen von Borussia Dortmund und viel mehr Fussball scrollen.

Das zeigt, welchen Stellenwert das Eishockey im nationalen Vergleich hat. Doch die Eishockey-Profis nutzen diese Stellung zu ihrem Vorteil. Sie leben die Rolle des Underdogs mit Herz und Seele. Druck von aussen haben sie kaum.

«Wir spüren selbst, dass wir eine gute Mannschaft sind. Und nicht nur mit Kampf – auch mit Kampf, sonst gehts nicht, sondern auch spielerisch in der Lage sind, gegen die Top-Nationen mitzuspielen. Wir selbst müssen uns das nicht mehr beweisen. Gefühlt müssen wir das erst den andern beweisen», sagte Captain Moritz Müller (36) nach dem Viertelfinal-Sieg gegen die Schweiz (3:1). «Wir haben den Vorteil, in jede Partie als Underdog zu gehen.»

Seider: «Gibts was Geileres als das?»

In die gleiche Kerbe schlägt Verteidiger-Kollege Moritz Seider (22) nach dem Sieg gegen die USA (4:3 n.V.): «Wir haben schon die ganze WM gezeigt, dass wir eine unheimlich starke Mannschaft sind, die vielleicht nicht das meiste Talent auf dem Papier hat. Wir kommen über unsere Werte. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir lassen uns auch nicht kleinreden. Es gab viele Leute, die uns vor der WM schon abgeschrieben haben. Jetzt stehen wir da und spielen um Gold», sagte der Star der Detroit Red Wings. «Gibts was Geileres als das?» Gegen die Schweiz war er nach einem Foul gegen Gaëtan Haas vorzeitig unter die Dusche geschickt worden.

Das Selbstvertrauen des deutschen Teams wurde auch durch die drei Startniederlagen gegen Schweden, Finnland und die USA nicht zerstört. Im Gegenteil. Die unglücklichen Resultate und die starken Auftritte gegen die Top-Nationen gaben Auftrieb. Seither haben die Deutschen sechs Spiele in Folge gewonnen. «Wir haben etwas ins Rollen gebracht», sagt Overtime-Held Freddy Tiffels (28) und fragte, warum man das heute nicht vollenden sollte.

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Keine sauberen Socken mehr dabei

«Wir sind als Typen und Mannschaft gereift. Und jetzt reif genug, zu sagen, dass wir auch Weltmeister werden wollen», sagte derweil Captain Müller. «Der Schlüssel gegen die Grossen ist der Glaube daran, dass wir mit den Grossen mitspielen können. Vor Jahrzehnten wurde das Spiel davor in der Kabine verloren, nicht auf dem Eis, weil der Glaube an sich selbst nicht da war.»

Bei allem Selbstvertrauen des Underdogs scheinen dann doch nicht alle mit dem Vorstoss ins Final-Wochenende in Tampere gerechnet zu haben. «Ich habe wirklich für viele Tage gepackt, aber nicht bis Sonntag. Das muss ich ehrlich sagen. Ich habe jetzt seit vier Tagen dasselbe Paar Socken an, aber jetzt ist auch schon wurst», sagte NHL-Stürmer Nico Sturm (28, San Jose Sharks), der letztes Jahr den Stanley Cup mit Colorado gewonnen hatte.

Kreis: «Das, was ich im Herzen habe, ist kein Ahornblatt»

Im Nachhinein scheint es sich als Glücksfall zu entpuppen, dass der SCB im November Bundestrainer Toni Söderholm nach Bern lockte. Unter dessen Nachfolger Harold Kreis sind die Deutschen noch stärker geworden und haben – im Gegensatz zu 2021 (1:2 gegen Finnland) auch die Halbfinal-Hürde übersprungen. Die erste Medaille seit dem Silber von 1953 ist sicher.

Jetzt geht es gegen Kanada. Ein spezielles Spiel für den in Winnipeg geborenen Deutsch-Kanadier Kreis? «Das, was ich im Herzen habe, ist kein Ahornblatt. Ich bin schon so lange da, ich fühle mich zu 100 Prozent als Deutscher», sagt der Mann, der als 19-Jähriger nach Deutschland gekommen war und in der Schweiz Lugano (2006) und die ZSC Lions (2008) zum Meistertitel geführt hatte.

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