Fredy spaziert mit seiner Frau Rosmarie über die Felder. Und sieht auch in dieser Jahreszeit auf der Wiese Kühe mit ihrer Herde. Und Schafe. Und Hühner, die nicht zusammengepfercht auf wenigen Quadratmetern sich aus Langeweile gegenseitig die Federn rauspicken.
Aber warum sieht er so wenig Menschen? Ihnen hat man doch im Gegensatz zu den Kühen und Hühnern ein Leben in Freiheit geschenkt. Doch offenbar bleibt die vermeintlich höchstentwickelte Form des Primaten mit dem Aufziehen der Nebelschwaden und der frostigen Temperaturen lieber im Stall. Respektive in den Trainerhosen und den Adiletten in der warmen Stube mit der Fernbedienung in der Hand.
«Die Bewegungsarmut der Menschheit ist die Seuche des 21. Jahrhunderts», doziert Fredy. Seine Frau antwortet nicht. Sie braucht den Sauerstoff, um Schritt zu halten. Denn wenn sich Fredy in Rage redet, werden seine Schritte immer hastiger. «Seit 1990 hat sich die Zahl der Übergewichtigen verdoppelt», sagt Fredy. Nicht nur auf den Südseeinseln und im Königreich von McDonald Trump. Auch in der Schweiz.
Junkfood und Abnehmspritzen
Fredy rechnet seiner Frau vor, dass es im Einzugsgebiet ihres Dorfes 3000 Einwohner gibt. «Aber beim Spazieren trifft man immer die gleichen zwanzig», sagt er kopfschüttelnd. Und ergänzt: «Genau diejenigen, die sich mit Junkfood und Süssgetränken mästen, rammen sich Abnehmspritzen in ihre voluminösen Oberschenkel. Das sind dann auch die, die beim vierten Bier am Stammtisch über die immer höheren Krankenkassenprämien fluchen.» Derzeit werden jährlich rund 14 Milliarden Franken allein für Abnehmspritzen ausgegeben. Experten schätzen, dass der Adipositas-Markt bis ins Jahr 2030 auf 100 Milliarden jährlich steigen wird. Das Budget der Uno für ihr Welternährungsprogramm im Kampf gegen den Hunger beträgt 6,5 Milliarden.
Rosmarie versteht die Argumente ihres Mannes. Trotzdem geht ihr sein missionarischer Eifer in dieser Frage schon lange auf die Nerven. Sie ist froh, kann sie mit einem kurzen Nicken zwischendurch die harmonische Idylle aufrechterhalten.
Fredy zitiert einmal mehr Hippokrates. Den Vater der modernen Medizin. Der hat schon in der Antike um die Bedeutung der sportlichen Aktivität gewusst: «Gehen ist die beste Medizin. Wenn du schlechter Laune bist, geh spazieren. Wenn du immer noch schlechter Laune bist, geh noch einmal spazieren.»
Das machen die wenigsten. So ist das nun mal. «Alle zehn Sekunden verhungert nach wie vor ein Kind auf dieser Welt. Und wir mästen uns wie Gänse und bringen kaum die dicken Ärsche aus dem weichen Sofa. Die Saturiertheit der Bevölkerung zeigt sich nicht zuletzt auch in der Bewegungsarmut», sagt Fredy und steigert das Tempo nochmals merklich.
Natürlich: Wer nicht geniesst, wird ungeniessbar. Aber ein Winterspaziergang ist auch ein Genuss, denkt sich Fredy. Und fragt seine Frau beiläufig: «Wie viel wiegst denn du überhaupt?»
«Frag mich was Leichteres», antwortet die keuchende Rosmarie.