SVP-Mann kämpft für die Vernetzung mit Europa
Die wundersame Verwandlung des Jürg Stahl

Als Nationalfonds-Präsident weibelt Jürg Stahl für Forschungsgelder und die Vernetzung mit Europa. Als SVP-Politiker sah er das noch ganz anders.
Publiziert: 18.09.2022 um 19:56 Uhr
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«Die Zeit drängt»: Jürg Stahl appelliert an den Bundesrat.
Reza Rafi

Es sind klare Worte, wenn nicht Hilferufe, mit denen sich Jürg Stahl (54), Stiftungsratspräsident des Schweizerischen Nationalfonds, am Mittwoch an die Öffentlichkeit wandte. Anlass war der Rauswurf der Schweiz aus dem europäischen Forschungsprogramm Horizon – Brüssels Quittung für das abgelehnte Rahmenabkommen.

Der «exzellente Ruf» der Schweizer Wissenschaft sei infrage gestellt, schrieb der oberste Forschungsförderer des Landes in einem Gastbeitrag in der «NZZ».

Pikant: Stahl kritisiert auch die Schönfärber im Inland, die mit Verweis auf Partnerschaften mit Grossbritannien, den USA, Asien und Israel die Situation verharmlosen. In jenem Lager nämlich sind Stahls Parteifreunde der SVP besonders gut vertreten. «Diese Relativierung ist beunruhigend», findet der Zürcher.

Stahl vergleicht die Diskriminierung der Schweizer mit einem Ausschluss von Beat Feuz oder Mujinga Kambundji von den Olympischen Spielen. Nicht weniger als die «Anerkennung und die Vernetzung mit anderen Forschenden» stünden für sie auf dem Spiel. «Die Zeit drängt», resümiert Stahl und appelliert an den Bundesrat, eine Lösung zu finden: «Es ist seine Aufgabe, die Zukunft der Schweiz im Auge zu haben.»

Nein gestimmt, wenn es um die Forschung ging

Wer die jüngere innenpolitische Vergangenheit verfolgt hat, reibt sich die Augen. Stahl sass 20 Jahre lang für die SVP im Nationalrat, 2016/17 präsidierte er das Gremium.

Das Internet vergisst nie, erst recht nicht die Datenbank des Parlaments, die Stahls Abstimmungsverhalten verrät. Es könnte nicht gegensätzlicher zu dessen heutiger Meinung sein: Ging es um mehr Mittel für die Schweizer Hochschulen, lehnte Stahl ab. Nicht anders bei Geschäften mit klarem Bezug zu Horizon: 2014 verlangte die Wissenschaftskommission in einer Motion Übergangslösungen für Studierende bei den beiden Programmen Erasmus und Horizon, «um die negativen Auswirkungen während der Zeitperiode der Nichtassoziierung zu mildern». Stahl sagte Nein.

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Darauf angesprochen, verweist er auf seine damalige Rolle – darauf, dass er in der Partei stets Verfechter der Bilateralen I war – und nun sowieso eine andere Funktion ausübe.

Immerhin hätte er den Respekt Albert Einsteins, sollte dieses Zitat wirklich vom Physiker stammen: «Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.»

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