Wegen Crack-Szene
Stadt Zürich kritisiert andere Gemeinden

Die Stadt Zürich hat eine Sogwirkung - auch auf Crack-Süchtige. Die Stadt kritisiert nun andere Gemeinden und Kantone, die selber keine oder kaum Angebote für Drogenabhängige haben. Rund die Hälfte der etwa 400 Crack-Süchtigen in der Innenstadt kommt von ausserhalb.
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Der Konsumraum für auswärtige Crack-Süchtige. Bis jetzt wurde noch kein Drogensüchtiger an seine Herkunftsgemeinde zurückgewiesen. Weil es in anderen Gemeinden keine Angebote für sie gibt, kommen sie ohnehin nach Zürich zurück. (Archivbild)
Foto: Andreas Becker
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Keystone-SDADie Schweizer Nachrichtenagentur

Erst vor knapp drei Wochen ortete die Stadtzürcher SVP beim Thema Crack-Szene ein regelrechtes «Staatsversagen». Auch die FDP kam zum Schluss, dass es der Stadtrat «verpennt» habe, rechtzeitig einzugreifen. Beide Parteien forderten, dass auswärtige Süchtige konsequent zurück in ihre Herkunftsgemeinde gebracht werden.

Sie kritisierten damit vor allem den neuen Konsumraum für «Auswärtige», der im Herbst in der Nähe des Einkaufszentrums Sihlcity in einer Holzbaracke eröffnet wurde. Kern dieses Angebots ist es eigentlich, die Süchtigen an ihre Herkunftsgemeinden zu vermitteln - dies erweist sich bisher jedoch als schwierig.

Bisher keine Angebote

In rund zwanzig Fällen habe man erste Kontakte zu den Herkunftsgemeinden hergestellt, hiess es beim Sozialdepartement auf Anfrage von Keystone-SDA. Eine Konzentration auf einzelne Gemeinden werde aktuell nicht festgestellt. Die Süchtigen kommen aus dem ganzen Kanton in die Stadt, viele reisen auch aus anderen Kantonen an, um hier Crack zu kaufen und im Konsumraum zu inhalieren.

Zurückgebracht wurde bisher jedoch niemand. Das Hauptproblem: In ihren Herkunftsgemeinden gibt es bisher keine Angebote für sie. Am nächsten Tag stünden die Abhängigen ohnehin wieder da.

Tragfährige Lösungen finden

Eine Übersichtskarte der Koordinations- und Fachstelle Sucht des Bundes macht die Sogwirkung der Stadt Zürich deutlich: In Winterthur gibt es zwar eine gut besuchte Anlaufstelle, aber keinen Konsumraum. Die nächstgelegenen Crack-Inhalationsräume sind in Luzern, Basel und Schaffhausen. Östlich von Zürich gibt es bisher keinen einzigen. In Chur ist ein geplanter Konsumraum seit Jahren ein Politikum.

In den letzten rund zehn Jahren seien viele Angebote für schwerstabhängige Menschen ausserhalb der Stadt Zürich reduziert oder eingestellt worden, stellt das Sozialdepartement fest. Diese fehlen nun. Deshalb wolle die Stadt nun «gemeinsam mit anderen Gemeinden, Städten und Kantonen» tragfährige Lösungen finden.

Eine suchtfreie Gesellschaft gibt es nicht

In den 1990er- und 2010er-Jahren gab es nur schon im Kanton Zürich über ein Dutzend Kontakt- und Anlaufstellen für Süchtige, über alle Regionen verteilt. Auch Angebote wie Notschlafstellen und begleitete Wohneinrichtungen waren häufiger zu finden. In diesen Übernachtungsangeboten war oft auch Drogenkonsum erlaubt.

Generell gebe es heute weniger Einrichtungen, in denen Drogenkonsum akzeptiert sei, heisst es bei der Stadt. Man müsse die Situation der Menschen aber akzeptieren, eine suchtfreie Gesellschaft gebe es nicht, sagte Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) einst dazu.

Crack wird aus Kokain und Natron hergestellt

Aktuell ist das Thema Crack-Konsum in Zürich etwas weniger sichtbar, was aber vor allem an den kalten Temperaturen liegen dürfte. Sobald das Wetter wieder wärmer werde, sei das Problem zurück, prophezeite ein FDP-Gemeinderat bei der jüngsten, aber sicher nicht letzten Crack-Debatte.

Crack wird aus Kokain und Natron hergestellt und in Form von kleinen «Steinen» verkauft. Das gestreckte Kokain wird in Pfeifen geraucht und sorgt nur für einen kurzen Rausch. Es macht aber rasch abhängig und aggressiv. Essen und Schlafen werden bei der Suche nach der nächsten Dosis zweitrangig, weshalb viele Süchtige in schlechter körperlicher Verfassung sind.

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