Partner von Marie Keller nahm sich drei Tage nach Weihnachten das Leben
«Er hatte zuvor noch nie psychische Probleme»

Ein Familienvater nimmt sich kurz nach Weihnachten das Leben. Er hinterlässt eine Frau, zwei Kinder – und viele offene Fragen.
Marie Keller ist nach dem Tod ihres Partners allein mit den gemeinsamen Kindern. (Symbolbild)
Foto: Shutterstock

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Stefanie Unbehauen
Stefanie Unbehauen
Beobachter

Wenn Marie Keller durch ihre Wohnung in Winterthur geht, begegnet sie ihrem verstorbenen Partner überall. An der Wand ein Strandfoto aus den Ferien. «Das hat er aufgenommen, und ich verbinde es sehr mit ihm», sagt die 40-Jährige. Im Schlafzimmer das Bett, das er gebaut hat. In der Küche eine Handy-Ablage, die er entworfen hat. Unscheinbar, praktisch, täglich benutzt. «Sehr präzise und sorgfältig – genau so war er», sagt sie zum Beobachter.

Auch die Deckenleuchte aus Marokko erinnert sie an ihn. «Ich weiss noch genau, wie er damals stundenlang auf dem Basar verhandelt hat.» Und dann ist da das Sofa: Auf diesem hat die kleine Familie viel Zeit verbracht – früher zu viert, heute nur noch zu dritt. Denn Maries Partner Florian, Vater ihrer beiden kleinen Kinder, ist tot. Er nahm sich 2023 das Leben. Drei Tage nach Weihnachten.

Artikel aus dem «Beobachter»

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Ein lebenslustiger Mann

Als sich das Paar kennenlernte, da war Florian noch lebensfroh. «Er war kein Entertainer, der die Leute unterhält, aber er war schon lebenslustig», erinnert sich Marie.

Begonnen hat die Liebesgeschichte von Marie und Florian wie bei vielen Paaren: bei der Arbeit. «Wir haben am gleichen Tag in derselben Firma angefangen», erzählt die Architektin. Zehn Monate lang haben sie an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet. Sie wurden Freunde. Marie wusste, dass er danach auf Reisen gehen will – für sieben Monate. «Er hatte das schon länger geplant.» Noch bevor er nach Südamerika abflog, kamen sie sich erstmals näher.

Kurz darauf starb Maries Vater. «Florian hat mir in dieser Zeit Halt gegeben und mir zugehört. Das hat uns noch enger zusammengeschweisst.» Trotz der Distanz blieben sie in intensivem Austausch. Einmal besuchte sie ihn auf seiner Reise. Sie verliebten sich. Wurden ein Paar. Das war 2013.

Fünf Jahre später kam das erste Kind, 2020 das zweite. «Wir wollten eine gleichberechtigte Rollenverteilung. Ich weiss, viele Paare nehmen sich das vor und scheitern dann doch daran, aber bei uns hat es gut funktioniert. Wir haben uns alles fair aufgeteilt: Haushalt, Kindererziehung und Arbeit. Keiner musste wegen der Kinder beruflich zurückstecken.»

Plötzlich Zeit zum Nachdenken

Florian hat immer viel gearbeitet, war als selbstständiger Architekt in viele Projekte eingebunden, für die er die Verantwortung trug. Er mochte seine Arbeit, doch irgendwann wollte er kürzertreten, mehr Zeit für die Familie haben. Marie und Florian nahmen sich eine Auszeit, fuhren mit dem VW-Bus quer durch Europa. «Es war sein erstes Auto überhaupt, er hat den Bus selber zum Camper ausgebaut und eingerichtet.»

Heute braucht die Familie den Camper eigentlich nicht mehr. Verkaufen will ihn Marie dennoch nicht. «Es stecken so viel Arbeit und so viele Erinnerungen an Florian darin, dass ich es noch nicht übers Herz gebracht habe, ihn zu verkaufen.»

Als Florian seine Arbeit wiederaufnahm, stand die Frage im Raum, wie es mit ihm weitergeht. «Vorher hatte er immer so viel Stress, so viel Druck. Nun hatte er mehr Zeit, über Dinge nachzudenken, die sonst im Alltagsstress wenig Raum haben.» Über das Klima. Den Zustand der Welt. Die Knappheit der Ressourcen. Er sagte zu seiner Partnerin: «Mit Kindern fängt man an, über die Welt nachzudenken und darüber, wie wir sie ihnen hinterlassen.» Florian vertiefte sich immer mehr in diese Themen. «Er war ein sorgfältiger Mensch, sehr perfektionistisch, hatte immer einen hohen Anspruch an sich selbst.»

Im Spätsommer 2023 fiel Marie erstmals auf, dass es ihrem Lebensgefährten nicht gut ging. «Das kam sehr plötzlich. Er hatte zuvor noch nie psychische Probleme gehabt.» Einen konkreten Grund, einen Auslöser habe Florian nicht nennen können. Er ging in Therapie. Da war anfangs von Burn-out die Rede, nicht von Depression. «Florian war ein sehr kontrollierter Mensch. Für ihn war es eine Herausforderung, gegenüber einem Therapeuten einzugestehen, was er wirklich denkt – und sich nicht zusammenzureissen.» Nur mit ihr, seiner Familie und seinen engsten Freunden habe er sehr offen geredet.

Schwierige Suche nach Therapie

Im Herbst jenes Jahres verschlimmerte sich Florians Gesundheitszustand – zur Depression gesellten sich starke Ängste. Doch die Suche nach einem Therapieplatz gestaltete sich schwierig. Marie fühlte sich ohnmächtig: «Ich konnte nicht verstehen, dass es für diese Art von Erkrankung in dieser Ausgeprägtheit keine adäquate Betreuung gibt.» Im November wurde es dann so akut, dass Florian nicht mehr arbeiten konnte. Er liess sich stationär einweisen. «Er war fünf Wochen am Stück weg. Das war auch für die Kinder sehr schlimm», erinnert sich Marie.

Die Kinder waren damals drei und fünf Jahre alt. «Sie haben jeden Tag geweint und ihren Papa vermisst.» Erklärt haben sie ihren Kindern die Krankheit mit Hilfe von Büchern. Etwa jenem: «Papas Seele hat Schnupfen». Marie sagt: «Wir haben in Kindersprache erklärt, was Depressionen bedeuten» – warum Papa manche Dinge nicht mehr kann, er nicht mehr allein auf sie aufpasst, zu Ärzten muss, die ihm helfen bei seiner «Gefühlskrankheit», und wieso das nicht mehr von zu Hause aus geht. Ihre Kinder waren für Marie eine wichtige Stütze. «Kinder leben im Moment, das hat mir in dieser Zeit geholfen.»

Nach dem stationären Aufenthalt kam Florian nach Hause. Doch nur kurz. Schnell ging es ihm wieder so schlecht, dass er auf eine Krisenstation überwiesen wurde. Eigentlich, so sagt Marie, sei geplant gewesen, dass er über die Feiertage nach Hause kommt und dann entscheidet, wie es weitergehen soll.

Doch kurz vor Weihnachten erhielten sie einen Anruf. «Man sagte uns, dass spontan ein Therapieplatz freigeworden sei. Wenn er den nicht nehme, werde vielleicht erst im neuen Jahr wieder einer frei.» Nach längerem Überlegen sagte Florian schliesslich zu.

Für das Weihnachtsfest konnte Florian für ein paar Stunden nach Hause zu seiner Familie. Es waren die letzten gemeinsamen. Am 27. Dezember, am Tag, an dem die eigentliche Therapie starten sollte, nahm er sich das Leben. Mit 38 Jahren.

Als die Nachricht kam, waren Marie und die Kinder gerade bei Verwandten. «Die Klinik rief mich an und sagte, Florian werde vermisst.» Einige Stunden später dann die traurige Gewissheit. «Ich habe danach nur noch funktioniert. Ich musste ja für meine Kinder da sein. Meine eigene Trauer konnte ich nicht verarbeiten», sagt Marie. Aufgefangen wurde sie letztlich von der Familie, von Freundinnen und Nachbarn.

In den Wochen nach Florians Tod schwankten Marie und ihre beiden Kinder zwischen Traurigkeit und Erinnerung. «Es war wie ein Pendel. Man kann das eine nur aushalten, wenn man das andere hat.» Die Trauer, meint Marie, nehme manchmal eine extreme Schwere an, die kaum zu ertragen sei. «Mir hat es geholfen, immer mal wieder auszubrechen, etwas zu tun, das mir guttut – und auch mal lachen zu dürfen, denn die anderen Emotionen kommen sowieso immer wieder.»

Mama kann nicht auch Papa sein

Im ersten Sommer nach Florians Tod hat sich Marie selbst Hilfe gesucht. Alle zwei Wochen ging sie für eine Stunde in Therapie. Und sie nahm sich mit ihren Kindern eine Auszeit, organisiert vom Verein Hauszeit mit Herz. Das Angebot richtet sich an Eltern, die kurz vor einem Burn-out stehen. «Es gibt die verschiedensten Angebote: Tagebuch schreiben, Meditation, Yoga. Die Kinder werden betreut, es wird gemalt, gespielt, man ist umsorgt, muss das Essen nicht selbst kochen.»

Nach Florians Tod hat Marie ihre Arbeitszeit zurückgefahren, aber ganz aufgehört mit Arbeiten hat sie nie. Sie brauche die finanzielle Stabilität, vor allem aber auch Struktur. «Dennoch habe ich das Gefühl, ich sollte oft zwei Elternteile auf einmal sein. Aber ich kann den Vater nicht ersetzen. Wenn meine Kinder gerade den Papa umarmen wollen, dann kann ich eben nichts machen. Ich muss das dann aushalten und dem Kind das Gefühl geben, dass es in Ordnung ist, diesen Wunsch zu haben und zu äussern.»

Seit Florians Tod habe sich die Trauer stark verändert, meint Marie. Trauer sei wie eine Art bunter Blumenstrauss. «Neben der Traurigkeit sind da immer auch diese schönen Erinnerungen.»

Und heute, nach zwei Jahren, seien die farbigen Blumen wieder in der Überzahl.

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