Wie war das mit den Trompeten von Jericho?

Publiziert: 02.02.2007 um 23:25 Uhr
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Aktualisiert: 06.09.2018 um 20:13 Uhr
VON PASCAL COUCHEPIN

Heutzutage meinen wir, dass neue Konfliktformen auftauchen: Terrorismus, subversiver und psychologischer Krieg, Erpressung. Jede Epoche hat letztlich den Eindruck, in einer völlig neuen Welt zu leben. Aber in Kriegen und Konflikten kam seit jeher nicht nur rohe Kraft zum Zug. Immer wurden auch Erpressung, Spionage, psychologischer Druck eingesetzt. Die biblische Geschichte von den Trompeten von Jericho ist ein schönes Beispiel. Sie wurde vor über 2500 Jahren aufgezeichnet.

Josua ist der Nachfolger von Moses. Er führt die Stämme Israels Richtung Gelobtes Land. Als guter Kriegsherr schickt er Spione nach Jericho, das er in Kürze angreifen will. Aber der Landeskönig misstraut diesen Fremden.

Er befiehlt, sie zu verhaften. Zum Glück für sie gewährt ihnen die Prostituierte Rahab Unterschlupf. Sie versteckt sie, sie rettet sie. Aber nicht umsonst. Sie ringt ihnen das Versprechen ab, ihre Familie im Fall der Eroberung Jerichos zu verschonen. Die Spione kehren unversehrt in Josuas Lager zurück. Sie berichten, wie es um die Moral der Bevölkerung steht.

Die Bewohner von Jericho haben Angst. Sie wissen, dass sich Spione in die Stadt eingeschleust haben. Und dass die israelitische Armee extrem stark ist und denen, die sich ihr widersetzen, nichts schenkt: Wer sich wehrt, wird getötet.

Josua überquert mit seiner Armee den Jordan. Er lagert vor Jericho. Aber statt die Stadt anzugreifen entschliesst er sich, seine gesamten Truppen an sechs aufeinanderfolgenden Tagen unter dem Klang der Kriegstrompeten um die Stadt marschieren zu lassen. In der Stadt steigt die Spannung, die Angst.

Die Leute fragen sich: Wer ist dieser selbstsichere König, der sich damit begnügt, seine Stärke zu zeigen und die Trompeten ertönen zu lassen? Wo sind die Verräter in der Stadt?

Am siebten Tag erhöht Josua den Druck. Er belässt es nicht beim Trompeten. Er lässt seine Leute alle gleichzeitig brüllen. Das gibt den Nerven der Belagerten den Rest. Laut der Geschichte sind da die Mauern Jerichos eingebrochen. Fiktion? Realität ist, dass psychologischer Druck den Widerstandswillen gebrochen hat.

Die Armeen Israels dringen in die Stadt ein. Alle werden getötet ausser Rahab, die Verräterin, und ihre Familie. Eine Warnung für alle, die Josua Widerstand leisten wollen!

Den Begriff gab es damals noch nicht, aber die Eroberung Jerichos ist ein schönes Beispiel für erfolgreiche psychologische Kriegsführung. Alles ist drin: Die Sicherheitskräfte, denen es nicht gelingt, die Spione zu fassen und den Verrat zu verhindern. Der Ruf der Brutalität, der Josua vorauseilt. Die Trompeten, die die Angst der Belagerten Tag für Tag vergrössern. Und dann das Massengebrüll, das die Stadtbewohner glauben macht, Josua habe unerwartete militärische Reserven.

Der Krieg ist verloren, bevor er begonnen hat.
Wenn die Trompeten von Jericho sieben Mal in Folge
erklingen, muss man die Nerven behalten oder kapitulieren. In der Politik versuchen gewisse Kreise besonders, andere einzuschüchtern. Wer dann Angst hat, der hat bereits verloren.

Die Trompeten von Jericho erschrecken nur diejenigen, die innerlich bereits kapituliert haben.

Der Kulturminister schreibt exklusiv im BLICK
Bundesrat Pascal Couchepin (64, FDP) schreibt exklusiv im BLICK über Redensarten und Volkssprüche. Bisher erschienen: «Das Linsengericht»; «Die Kutschenfliege»; «Das Hornberger Schiessen»; «Die Brotvermehrung»; «Der Gordische Knoten»; «Der Turmbau zu Babel»; «Die sieben fetten Jahre».
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Als Bundesrat verzichtet Pascal Couchepin auf ein Honorar. In Absprache mit ihm überweist BLICK die Beträge an gemeinnützige Organisationen. Diesmal geht das Geld an die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.
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