Tickende Zeitbombe im Wallis
250 Meter langer Erdriss wächst von Tag zu Tag

Im Wallis öffnet sich ein 250 Meter langer Erdriss – jeden Tag etwas mehr. Die Gefahr: Ein ganzer Hang könnte abrutschen und ins Tal donnern. Wie sich die Verantwortlichen darauf vorbereiten, und warum es überhaupt zu diesem Phänomen kam.
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Da tut sich etwas: In der Gemeinde Anniviers ist der Boden an mehreren Stellen aufgerissen. Die Person in der Mitte ist Gemeinderätin Muriel Beaud.
Foto: Marco Schnyder

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Ein Erdriss im Walliser Val d’Anniviers bedroht das Tal seit Herbst 2025
  • Riss verbreitert sich täglich um bis zu 1,8 Zentimeter
  • Bis zu 1 Mio. m³ Material könnten abbrechen und Chippis gefährden
Text Lynn ScheurerFotos Marco Schnyder
Schweizer Illustrierte

Freiwillig will sich der Boden nicht trennen. Von einer Seite der Kluft bis zur anderen spannen sich Wurzeln. Bis zum Äussersten gestreckt, halten sie fest an dem, was abrutscht.

Auf Erdschollen sitzen kleine Blumen, die schon über einen Meter abgesunken sind. Statt der Kühe und Schafe, die sonst auf dieser Weide grasen, hört man nur entfernt einen Specht klopfen. Was passiert hier?

«An einen Erdriss habe ich nicht gedacht, als ich das Sicherheitsdossier übernommen habe», sagt Muriel Beaud und schüttelt lächelnd den Kopf. «Aber das Wallis ist immer für eine Überraschung gut.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde aus der «Schweizer Illustrierten» übernommen. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Beaud ist 48 Jahre alt, Oberstufenlehrerin und seit einem guten Jahr im Gemeinderat von Anniviers. Die Gemeinde im gleichnamigen Tal an der Grenze zwischen Ober- und Unterwallis hat 2018 und 2024 schlimme Überschwemmungen erlebt. Die Folgen beschäftigen bis heute. Nicht nur wegen der Aufräum- und Vorsorgearbeiten unten beim Fluss Navisence, sondern eben auch wegen der Tatsache, dass sich jetzt auch noch die Erde aufgetan hat.

Gemeinderätin Muriel Beaud betreut die Ressorts Tourismus und öffentliche Sicherheit: «Im Wallis hängt das manchmal zusammen.»
Foto: Marco Schnyder


«Jedes Mal wieder anders»

Schuld daran sind die Hochwasser. Sie haben das Flussbett der Navisence absinken lassen, weshalb nun der über ihr liegende Hang abrutscht und aufbricht. «Letzten Herbst hat es der Landbesitzer bemerkt», erzählt Beaud. Seither wird der Spalt überwacht. Erst ganz rudimentär mit Pfosten und Massbändern. «Der Riss verbreitert sich bis zu 1,8 Zentimeter pro Tag», so Muriel Beaud. «Jedes Mal, wenn ich hier bin, sieht es anders aus.» Inzwischen haben Geologen und Wissenschaftler GPS-Sensoren aufgestellt und überwachen das ganze Gelände. «Der Boden ist weich», sagt Muriel Beaud und stupst mit dem Schuh in die Erde. Der hohe Schlickanteil mache den Hang instabil. Bis zu einer Million Kubikmeter Material könnte sich lösen. Ob, wann und wie das passiert, wissen die Fachleute nicht.

Die gute Nachricht: Sie gehen davon aus, dass der Hang Stück für Stück abbrechen wird – und nicht auf einmal. Und anders als in Blatten (9 Mio. m³) würde hier kein Dorf verschüttet werden. Die Gemeinde Anniviers liegt dem Erdspalt gegenüber. Betroffen wäre aber das Dorf Chippis flussabwärts, das die ungewollte Lieferung aus den Bergen erhalten würde.

Das Dorf Chippis hat gut 1600 Einwohner. Die Evakuationsräume für sie sind bereits reserviert. Der Fluss würde das Material des Erdrutsches hierherbringen.
Foto: Marco Schnyder

Tourismus und öffentliche Sicherheit sind die beiden Ressorts von Muriel Beaud. Die ganze Bandbreite des Wallis vereint in einem Amt. Zwei Dinge sind ihr wichtig: «Es ist wunderschön bei uns.» Und: «Wir tun alles, damit es mit diesem Erdriss glimpflich ausgeht.»

Daran arbeitet auch Claude Peter (55). Der regionale «chef de secours» des Val d’Anniviers steht unten beim Fluss, wo riesige Bagger und Kipplaster auf engem Platz rangieren. Sie stützen einen der Strommasten mit einer hohen Steinmauer. «Wenn der fallen würde, haben wir hier Domino», sagt Peter. Im Moment hat der Fluss wenig Wasser. «Ich wünschte, es würde bald regnen», sagt Peter. «Nicht, dass der grosse Niederschlag und die Schneeschmelze im Mai und Juni genau dann kommen, wenn gerade ein Erdrutsch den Fluss verstopft.» Aus Vorsicht wurden grosse Bäume bereits gefällt, damit es weder zu einem Domino mit den Strommasten noch zu einem Baumstamm-Mikado im Fluss kommt.

Die Kamera hinter dem Chef des regionalen Rettungsdienstes Claude Peter fotografiert das Flussufer. Es wird vom absinkenden Hang bereits verschoben.
Foto: Marco Schnyder


Eine Brücke unter Heimatschutz

Grosses Schwemmholz wäre besonders für Olivier Perruchoud (67) ein Problem. Er lebt etwa 15 Autominuten flussabwärts vom Erdriss in Chippis. «Unsere Vorfahren haben an vieles gedacht, aber daran nicht», sagt er. Und meint damit die gedrungene Bauweise der Brücke, auf der er gerade steht. Ihr viaduktähnlicher Unterbau lässt wenig Platz für ein Hochwasser, geschweige denn eine Gerölllawine von Hunderttausenden Kubikmetern. Deshalb soll sie im Mai abgerissen werden. «Wir haben eine Sitzung dazu mit den Verantwortlichen des Kantons», sagt Gemeindepräsident Perruchoud, denn die über 200 Jahre alte Brücke steht unter Heimatschutz.

Der Gemeindepräsident von Chippis, Olivier Perruchoud, vor der Brücke, die er wegen des Erdrisses abreissen will. «Die Kabel, die durch sie liefen, haben wir schon verlegt.»
Foto: Marco Schnyder

Eine andere Art Heimatschutz betreibt Perruchoud in Chippis schon seit Langem: Auf beiden Seiten des Flusses liess er Mauern hochziehen und verstärken, um die Anwohner und das Dorf zu schützen. «Beim letzten Hochwasser sah man diese Brücke gar nicht mehr», sagt er und zeigt auf den Boden. Die Mauer am Flussufer ist seither voller Risse. «Als 2024 die Felsbrocken hier entlangschrammten, hat das einen unglaublichen Lärm gemacht.» Immerhin hat man bereits dazugelernt: Eine neuere Brücke im Industriegebiet von Chippis ist leicht ausgebuchtet, «damit das Material unten durchflutschen kann».

2028 hört Perruchoud mit der Politik auf. Hat er den Katastrophenschutz langsam satt? Er seufzt: «Ja, aber ich bin froh, dass die Anwohner hier so verständnisvoll sind.» Und er nehme es dem Berg nicht übel, dass nach zweimal Hochwasser vielleicht bald auch noch eine Schlammlawine herunterdonnert. «Wissen Sie, früher lebten die Einheimischen im Sommer oben im Val d’Anniviers und im Winter unten in Chippis. Unsere Grosseltern haben das noch so gemacht. Deshalb arbeiten wir auch jetzt Hand in Hand.» Und so tut sich wenigstens zwischen Berg und Tal keine Kluft auf.

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