Darum gehts
- Bar «Le Constellation» in Flammen, Gäste feiern weiter statt zu fliehen
- Psychologe Endrass: Gruppendynamik und Risiko-Unterschätzung prägen das Verhalten
- Experte: Sicherheitshinweise müssen idiotensicher sein, da nur wenige richtig reagieren
Die Decke der Bar «Le Constellation» steht bereits in Flammen, die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Und trotzdem geht die Party zunächst weiter. Es sind verstörende Bilder, die sich in den sozialen Medien aus dem Inneren der Inferno-Bar verbreiten. Junge Menschen sind nur Meter von den Flammen entfernt. Und johlen, tanzen und hüpfen weiter, während sie rasend schnell vom Feuer eingeschlossen werden. Andere zücken ihre Handys, statt zu flüchten. Wie kann das sein?
Für den forensischen Psychologen Jérôme Endrass ist das Verhalten der Jungen nicht überraschend. «Menschen fällt es schwer, Risiken richtig einzuschätzen. Erschwert wird das noch durch die Gruppendynamik: Es wird gefeiert und getrunken. Es kommen hier mehrere Dinge zusammen. Das Verhalten in den Videos scheint mir eher der Normalzustand als eine Ausnahme zu sein».
Der Irrglaube, man hätte selbst besser reagiert
Genau wegen dieser Verhaltensweise sei es wichtig, sich auf Notfälle vorzubereiten, etwa, Notausgänge übergross anzuschreiben und hell zu beleuchten. Nur sehr wenige Menschen seien in der Lage, in Notfallsituationen direkt richtig zu reagieren. «Aus dem Grund sind üblicherweise Sicherheitshinweise so idiotensicher formuliert und werden gebetsmühlenartig repetiert, zum Beispiel beim Fliegen, weil man sich kein bisschen darauf verlassen kann, dass Menschen bei einer Katastrophe das Richtige tun».
Der Experte warnt davor, das Verhalten der Jungen aus der Ferne abzuurteilen. «Wir sollten innehalten. Vermutlich wäre es uns in der Situation nicht anders ergangen».
Das Gaffer-Phänomen
Was ebenfalls in den sozialen Medien für Empörung sorgt: Auf vielen Videos sind Menschen zu sehen, die filmen, anstatt zu helfen. Sie stehen vor der Bar, während die Schreie aus dem Inneren durch Mark und Bein gehen. Auch dieses Phänomen ist für den Psychologen nicht neu: «Etwas schon fast reflexartig mit dem Handy aufzuzeichnen, hat sich so stark in unserem Verhaltensrepertoire verankert, dass es wenig überrascht, wenn auch hier als Erstes die Kamera gezückt worden ist. Früher sprach man von den Gaffern – heute sind es die Filmer». Dabei könne es sich tatsächlich um eine empathische Reaktion handeln. «Man erschrickt, ist vom Geschehen massiv beeindruckt und tut halt das, was einem am nächsten ist – zu filmen oder zu starren».
Und weiter: «Schwierig wird es natürlich dann, wenn Gaffer oder Filmer die Ermittlungen erschweren – ob das hier der Fall war, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht hilft das Filmmaterial sogar bei der Aufklärung».