Urwald gerodet für Plantage – und trotzdem ist das Palmöl öko
Knospe-Bschiss bei Bio Suisse

Die grüne Knospe ist ein Deal. Konsumentinnen und Konsumenten bezahlen mehr, dafür bekommen sie gesunde, faire Produkte. Jetzt weckt ein Fall Zweifel am Wert des Bio-Zertifikats.
Publiziert: 09.09.2021 um 11:02 Uhr
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Die Socfin-Palmöl-Plantage in Sao Tomé wurde 2019 von Bio Suisse zertifiziert.
Aline Wüst

Auf der afrikanischen Insel São Tomé hat Bio Suisse eine Plantage zertifiziert, die von einem belgischen Agrokonzern geführt wird: Socfin. Die Plantage verstösst gegen Bio-Suisse-Richtlinien. Die Knospe gab es trotzdem.

Und zwar für das Palmöl, das aus den Früchten der Ölpalmen dieser Plantage entsteht. Beim Grossverteiler steht Palmöl nicht neben Olivenöl im Regal, ist aber trotzdem omnipräsent: Palmöl ist in Guetzli und Schokolade, aber auch in Babynahrung und vielen Kosmetikprodukten. In den letzten Jahren ist das Öl allerdings immer mehr in Verruf geraten, weil es auf riesigen Plantagen produziert wird und dafür Millionen Hektar Urwald gerodet worden sind. Im Zusammenhang mit dem Referendum zum Freihandelsabkommen mit Indonesien wurde intensiv über den Rohstoff diskutiert. Das Stimmvolk lehnte das Referendum ab. Doch die Nachfrage nach fairem Palmöl steigt. Die Lebensmittelindustrie reagierte. Bloss: Nachhaltiges Palmöl ist nach wie vor Mangelware.

Lokale Bauern wehren sich gegen Socfin

Socfin ist ein grosser Player im Palmölgeschäft. Der belgische Konzern mit einer Vergangenheit im Kolonialismus besitzt Plantagen in zehn afrikanischen und asiatischen Ländern. Aus steuerrechtlichen Gründen hat die Firma auch eine Niederlassung in der Schweiz. In den Produktionsländern kam es in den letzten Jahren wiederholt zu Konflikten mit der lokalen Bevölkerung. In Kambodscha forderten Bäuerinnen 2019 die Rückgabe ihres Landes. Sie sagen, es sei von Socfin besetzt worden. Das Gleiche in Nigeria, wo Bauern sagen, Socfin habe ohne ihre Zustimmung Land erworben. Und auch in Sierra Leone gibt es Probleme: Pachtzahlungen seien statt den Grundeigentümern den lokalen Eliten zugeflossen.

Im Dezember 2019 liess Bio Suisse die Plantage in São Tomé kontrollieren. Die Zertifizierung erfolgte im Januar 2020 – Bio-Palmöl aus São Tomé floss in die Schweiz.

«Bio-Suisse-Inspektoren komplett überfordert»

Bei der Schweizer NGO Uniterre rieb man sich darüber verwundert die Augen. Denn seit Jahren liegen Kartenbeweise für grossflächige Urwaldrodungen für diese Plantage vor. Es gibt Beweise, dass die weltweit einzigartige Pflanzen- und Tierwelt durch die Plantage beschädigt wurde. Und auch dafür, dass Socfin den Bäuerinnen, in Zusammenarbeit mit der Regierung, ohne angemessene Entschädigung Land wegnahm. Mathias Stalder von Uniterre sagt: «Die Inspektoren von Bio Suisse scheinen komplett überfordert zu sein, wenn es darum geht, solche Probleme zu erkennen.»

Was Bio Suisse nicht tat, lieferte nun also Uniterre: Beweise, dass die Plantage nicht den Knospe-Richtlinien entspricht.

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Erst ein Jahr nach der Zertifizierung und nach einer Beschwerde von Uniterre im Februar schaute Bio Suisse genauer hin. Der Verdacht erhärtete sich, dass diese Plantage die eigenen Richtlinien nicht einhalten kann. Im März wurde die Zertifizierung entzogen. Für Stalder von Uniterre ist das Vorgehen unverständlich: «Bio Suisse muss vor der Zertifizierung kontrollieren, nicht ein Jahr später.»

Beschwerde ist hängig

Insgesamt 2200 ausländische Partnerbetriebe liefern Produkte, die in der Schweiz mit dem Knospe-Label verkauft werden. Hat die Kontrolle in São Tomé versagt? Nein, sagt Bio Suisse-Sprecher David Herrmann. «Zertifizierung, Kontrolle und Sanktionierung des Betriebes liefen im üblichen definierten Rahmen.» Mathias Stalder von Uniterre sieht es anders: «Der Druck der Grossverteiler nach Bio-Produkten führt im Importbereich immer wieder dazu, dass die eigenen Werte verraten werden.»

Socfin hat Rekurs gegen den Entzug des Knospe-Labels eingelegt. Die Beschwerde ist bereits seit einem halben Jahr hängig. Auf Anfrage heisst es seitens des belgischen Konzerns, dass das Ganze nur eine Formsache sei. Die Knospe-Zertifizierung sei bald abgeschlossen.

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