Blutiges Drama in Giubiasco TI: Ex-Polizist tötet Pärchen und richtet danach sich selbst(01:30)

Ex-Polizist erschiesst Noch-Ehefrau, ihren Neuen und sich selbst
Psychiater Thomas Knecht erklärt blutiges Drama von Giubiasco TI

Ein ehemaliger Polizist (†64) hat am Sonntag im Tessin seine Ex und ihren neuen Partner erschossen. Am Ende richtete er die Waffe gegen sich. Doch warum lässt sich ausgerechnet ein Gesetzeshüter zu einer solchen Wahnsinnstat hinreissen? Psychiater Thomas Knecht erklärt.
Publiziert: 18.05.2020 um 23:09 Uhr
|
Aktualisiert: 19.05.2020 um 14:14 Uhr
1/12
Ein blutiges Beziehungsdrama spielte sich in Giubiasco TI ab.
Anastasia Mamonova

Eine Bluttat erschüttert am Sonntagnachmittag das Tessin. Ein 64-jähriger Mann stürmt die Osteria degli Amici in Giubiasco und erschiesst eiskalt seine Noch-Ehefrau (†47) und ihren neuen Lebenspartner, Salvatore T.* (†60). Dann richtet er sich selbst (BLICK berichtete).

Nur einen Tag zuvor findet die Solothurner Polizei in Wangen bei Olten die Leichen von Kerim D.* (†61) und seiner Ehefrau Aliya S.* (†30). Auch hier kommt es zu einem Femizid-Suizid. Die Indizien deuten darauf hin, dass der Deutsche die Tunesierin tötete und sich dann ebenfalls das Leben nahm.

«Die Schuld wird der Frau zugeschoben»

Was treibt die Männer dazu, ihre Frauen umzubringen? «Sie können sie nicht gehen lassen und tun alles, um die Frauen an sich zu binden. Das zeugt von starker Unsicherheit und einem Mangel an Selbstwertgefühl. Wenn ihre Bemühungen nicht gelingen, agieren sie nach dem Motto ‹Wenn ich sie nicht haben kann, soll sie auch kein anderer kriegen›», sagt Thomas Knecht, leitender Arzt der forensischen Psychiatrie am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden, zu BLICK.

Dabei komme es nicht mal darauf an, ob die Frau den Mann tatsächlich bereits verlassen habe oder er in seiner Realität bloss befürchtet, dass sie gehen könnte, erklärt Knecht.

Lebensfreude und Stabilität würden den Tätern in der Regel fehlen. Die Schuld an ihrer Misere schieben sie aber stets der Frau zu und betrachten sich selbst als Opfer. Ihre krankhafte Eifersucht treibt sie an.

War Salvatore T. zur falschen Zeit am falschen Ort?

Beim Tessiner brannten die Sicherungen offenbar derart durch, dass auch Salvatore T.* daran glauben musste. «Die Amok-Komponente des Delikts verdeutlicht den Rachegedanken des Täters. Es stellt sich allerdings die Frage, ob der Anschlag auch dem neuen Lebenspartner der Frau galt oder ob er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort war», so der Psychiater.

Werbung

Neben Eifersucht fällt Knecht eine weitere Gemeinsamkeit auf. «In beiden Fällen besteht ein grosser Altersunterschied zur Partnerin. Die Statistiken zeigen: Je grösser der Altersunterschied ist, umso grösser ist die Gefahr, dass es zu einem Konflikt kommt. Es geht unter anderem um die Aussichten auf dem Partnermarkt bei einer Trennung. Der alte Mann glaubt, niemanden mehr abzubekommen, während die junge Frau vermittelbar bleibt.»

«Kurzschluss beim Denken»

Der 64-jährige Tessiner arbeitete bis vor Kurzem als Polizist, war früher sogar in der Anti-Terror-Einheit tätig. Jemand, der eigentlich andere Verbrecher jagt, wird nun selbst zu einem. Ausgerechnet seine Dienstwaffe wird dabei zum Tötungswerkzeug.

Für Knecht ist klar: «Man kann sich jahrelang im professionellen Umfeld korrekt verhalten. Sobald man persönlich involviert ist, übernehmen die Gefühle das Kommando. Das technische Wissen rückt in den Hintergrund. Eigentlich bekannte Problemlösungen wie Deeskalation und Krisenmanagement kommen dann im entscheidenden Moment nicht in den Sinn. Man kann von einem Kurzschluss beim Denken sprechen.»

Nach der Tat folge die Ernüchterung und Selbstmord. «Entweder, weil man sich selbst bestrafen will, oder um den juristischen Konsequenzen zu entkommen.»

Werbung

Der Psychiater betont, dass Dienstwaffen bei solchen Delikten relativ selten im Spiel wären. Allerdings: «Dort wo eine Waffe greifnah, ein Mensch in der Benutzung geübt und im Töten trainiert ist, passieren solche Tragödien wahrscheinlicher. Wenn ein Konflikt überkocht, wird es unter diesen Voraussetzungen gefährlicher, als wenn sie nicht gegeben sind.»

* Namen geändert

Fehler gefunden? Jetzt melden
Alle Kommentare