Schweizer Start-up entdeckt: «Die QAnon-Anhänger werden manipuliert»(02:26)

Schweizer Start-up hat heisse Spur
Wer steckt hinter QAnon?

Die Verschwörungs-Sekte war beim Kapitol-Sturm vorne mit dabei. Nun entlarven Schweizer Forscher: Ihr Guru wird von zwei Personen gespielt.
Publiziert: 23.01.2021 um 16:28 Uhr
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Aktualisiert: 18.03.2021 um 16:16 Uhr
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Am Mittwoch erlebten QAnon-Anhänger einen Realitäts-Schock.
Camille Kündig

Die Anhänger von QAnon waren hundertprozentig sicher, dass sich alles noch drehen und Donald Trump eine grosse Verschwörung aufdecken würde. Doch am Mittwoch erlebten sie einen Realitäts-Schock: Joe Biden wurde nicht verhaftet, Trump musste das Weisse Haus verlassen. Auch an seinem letzten Amtstag zerschlug der scheidende Präsident keinen «Deep State» von Kinderblut-trinkenden Satanisten und Pädophilen. Er hielt eine Abschiedsrede und flog nach Florida. Der Internetprophet «Q» war widerlegt.

Die rechten Verschörungstheoretiker gehören zu den treuesten Anhängern des Ex-Präsidenten. Mit einem grossen «Q» auf T-Shirts und Plakaten stürmten sie am 6. Januar an vorderster Front das US-Kapitol – unter ihnen der selbsternannte «QAnon-Schamane» mit Fellmütze und Büffelhörnern.

Angefangen hat alles im Oktober 2017 auf der ­Internetplattform 4chan. Der anonyme User «Q» gab sich dort als hochrangiger Regierungsbeamter aus. Er begann, irre Theorien zu verbreiten und Trump als Messias darzustellen. Seitdem stellte der vermeintliche Whistleblower tausende sogenannte Q-Drops ins Netz: QAnon wurde zu einer der anhängerstärksten Verschwörungstheorien der Welt.

Q-Drops von zwei verschiedenen Autoren

Nun rüttelt ein Westschweizer Start-up am «Q»-Mythos. Claude-Alain Roten (60), Geschäftsführer von OrphAnalytics: «Unsere Analysen zeigen, dass die Q-Drops von zwei verschiedenen Autoren in zwei verschiedenen Zeiträumen verfasst wurden. Das widerlegt die QAnon-Grundtheorie: Hinter ‹Q› steckt kein hochrangiger Regierungsbeamter – zumindest nicht ein einzelner.»

Der ehemalige Genetiker Roten und sein Team von Physikern, Informatikern und Linguisten in der Genferseeregion und im Wallis entwickelten einen Algorithmus, der Wortkombinationen, Satzbau, Rhythmus und Tempo eines Textes analysiert und individuelle Autorenprofile erstellt:. «Wenn wir schreiben oder sprechen, schaffen wir eine ganz persönliche Signatur, die Sprache wird zum Fingerabdruck», erklärt Roten. Die Stilometrie, Untersuchungen zum Sprachstil mithilfe von Statistik, ist nicht neu, doch der hier verwendete Ansatz ist ausgeklügelter. Er basiert auf dem in der Genetik genutzten Sequenzierungsverfahren.

Stecken Jim Watkins und sein Sohn hinter «Q»?

Die Forscher nahmen die knapp fünftausend Nachrichten von «Q» bis November 2020 unter die Lupe. Mitarbeiter René (63), der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, deutet auf einen Computerbildschirm: «Damit die Analyse nicht verfälscht wird, eliminierten wir zunächst alle Zitate und Floskeln. Übrig blieb ein Korpus von rund 600'000 Zeichen. Das ist gut, denn je grösser die Datenmenge, desto verlässlicher finden sich Muster.»

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Die Ergebnisse im Falle «Q» werden in zwei Punktwolken sichtbar, je eine pro Schreibprofil. René: «Ab 8. Januar 2018 übernahm eindeutig ein zweiter Autor.»

Auch US-Investigativjournalisten vermuten, dass hinter «Q» nicht eine Person alleine steckt. Die Analyse der Schweizer Forscher belegt diese Annahme nun wissenschaftlich. Insbesondere fünf Personen werden immer wieder als «Q» genannt, darunter der Betreiber der Imageboard-Website 8kun Jim Watkins und sein Sohn Ron. Möglich, dass sich Vater und Sohn die Aufgabe teilen.

Mordfall wegen Schweizer Firma neu aufgerollt

«Wir sammeln aktuell so viel Texte der beiden wie möglich, um Vergleiche mit unseren zwei Schreibprofilen zu ziehen», so Roten. Die Schwierigkeit: «Es müssen Texte sein, bei welchen wir mit Sicherheit wissen können, dass die Person sie geschrieben hat.»

Normalerweise stellt seine Firma fest, ob Testamente echt sind oder entlarvt mit ihren Algorithmen Ghostwriter von Prüfungsarbeiten. Herauszufinden, wer hinter einem anonymen Internet-Post, einem unsignierten Brief oder einem transkribierten Anruf mit unterdrückter Nummer steckt, interessiert gelegentlich auch die Justiz. Zurzeit arbeitet das Start-up mit der Schule für Kriminalwissenschaften der Universität Lausanne an einem Forschungsprojekt und unterstützt Ermittler in Kriminalfällen.

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In Frankreich machte OrphAnalytic im Zusammenhang mit dem Tod des vierjährigen Grégory von sich reden, einem Mordfall, der das Land seit 35 Jahren umtreibt. Nun rollen die Behörden den unaufgeklärten Mord, zu dem es ein Bekennerschreiben gab, laut der französischen Presse aufgrund einer Expertise der Schweizer Firma neu auf.

Stilometrische Analysen als Indiz sind allerdings umstritten. Und könnte der Algorithmus nicht in die falschen Hände geraten und auch Whistleblower mit ehrenhaftem Motiv outen? Roten räumt ein: «Wie jede Technologie hat auch diese gute und schlechte Seiten.»

Sicher ist: Pseudo-Whistleblower «Q» steht bei vielen seiner bisherigen Anhänger seit Mittwoch als Betrüger da. Laut der Nachrichtenagentur Reuters erlebt QAnon eine tiefe Glaubenskrise.

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