Eine Begegnung zeigt, wer Guido A. Zäch war. Vor einem Jahr in Nottwil LU traf der Gründer des Paraplegiker-Zentrums zufällig in einem Untergeschoss auf den mehrfachen Olympiasieger Heinz Frei (68). Beide strahlten. Zäch stand, der Parasportler sass im Rollstuhl. Ohne zu zögern, kniete der damals 89-jährige Arzt nieder. Nicht aus Schwäche, sondern weil er Frei auf Augenhöhe begegnen wollte.
Auf Augenhöhe begegnete Zäch seinen Patienten während mehr als fünf Jahrzehnten als Arzt. «Kein anderer Fussgänger versteht unsere Probleme so gut wie Dr. Zäch», sagte Frei. «Ohne ihn wären wir nicht da, wo wir heute sind.» Zäch? Frei nannte ihn «unseren Vater».
Nun ist Guido A. Zäch im Alter von 90 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die Schweiz eine Jahrhundertfigur: Arzt, Pionier, Unternehmer.
Zäch ging es besser, wenn er anderen helfen konnte
Vor 51 Jahren gründete er die Schweizer Paraplegiker-Stiftung, aus der das 1990 eröffnete Paraplegiker-Zentrum in Nottwil entstand. Eine weltweit einzigartige Institution, die Chirurgie, Rehabilitation, Forschung und soziale Integration vereint und das Leben Zehntausender geprägt hat.
Warum tat er das? «Weil mein Leben einen Sinn brauchte», erzählte er mir. «Ich musste meine depressive Verstimmung überwinden.» Es ging ihm besser, wenn er anderen helfen konnte. «Menschen, die wir aufrichten, stützen uns.»
Als 18-Jähriger sprang Zäch in ein Becken mit zu wenig Wasser und erlitt Stauchungen an der Wirbelsäule. Der Ostschweizer hatte Glück. Später behandelte er als junger Arzt einen Mann, der nach einem ähnlichen Unfall querschnittgelähmt blieb. Zäch stellte sich eine Frage, die zu seiner Lebensaufgabe wurde: «Wie möchte ich behandelt werden?»
Basel und Risch ZG wollten keine Rollstühle im Ortsbild
Was er sah, schockierte ihn. Querschnittgelähmte Patienten vegetierten in Pflegeheimen, litten an Druckgeschwüren und Infektionen; viele starben früh. Als Zäch bessere Bedingungen forderte, bekam er zynische Antworten. «Jetzt zahlt die Suva 1750 Franken für die Beerdigung. Lebt er, kostet er 300'000 Franken», sagte ein Vorgesetzter.
Zäch entwickelte ein ganzheitliches Modell, das medizinische Behandlung mit sozialer Reintegration verband. Heute kehren in Nottwil 61 Prozent der Patienten ins Berufsleben zurück – ein Spitzenwert, der weit über dem globalen Durchschnitt von 37 Prozent liegt.
Der Weg dahin war steinig. Basel und Risch ZG wollten keine Rollstühle im Ortsbild. Erst Nottwil sagte Ja. Doch selbst danach zweifelten Versicherungen, und Ärzte winkten ab.
Vater von sieben Kindern, Chefarzt, Nationalrat, Oberst
Zäch blieb unbeirrbar. Seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus: Die hohe Wiedereingliederungsrate spart der Allgemeinheit jährlich rund 100 Millionen Franken an IV-Renten. Darauf war er stolz.
Er lebte schnell, zog sieben Kinder gross, war Chefarzt, Stiftungspräsident, Nationalrat, Oberst mit 1250 Diensttagen. Ob das nicht zu viel gewesen sei? «Eine Woche hat 168 Stunden, nicht 40. Die meisten verschlafen den grossen Teil ihres Lebens», sagte er.
2002 kam der Bruch – öffentlich. Er wurde wegen Veruntreuung angeklagt und letztlich vom Bundesgericht verurteilt. «Ich schwöre, ich habe nie einen Franken Stiftungsgelder veruntreut», sagte er mir 2015. Zehn Jahre später pochte er auf sein Recht auf Vergessen. Die Menschen hätten ihn trotz allem getragen. «Wann immer ich in den Medien an die Kasse kam, füllte sich unsere Kasse.»
«Ein Rollstuhlfahrer braucht keine Tränen, sondern Chancen»
Zäch wusste um seine polarisierende Wirkung. «Die Schweiz mag keine Ausnahmeerscheinungen. Wer sich über die Norm erhebt, dem schlägt man den Kopf ab.»
Was bleibt, ist ein Ort am Sempachersee, wo draussen Schafe grasen und drinnen modernste Medizin versehrten Menschen hilft, ihr Leben neu zu beginnen. Und die Haltung eines Arzts, der Mitleid verabscheute. «Mitleid ist eine Herabsetzung», sagte er. «Ein Rollstuhlfahrer braucht keine Tränen, sondern Chancen.»
Sie zu geben, war sein Leben.