Schweiz schafft burundische Grossfamilie nach Kroatien aus – Pfarrer Edwin Stier aus Kreuzlingen TG fährt hinterher
«Töpfe der Kirche sind prallvoll – helfen ist Pflicht»

Pfarrer Edwin Stier aus Kreuzlingen TG fährt 1000 Kilometer nach Kroatien, um einer geflüchteten Familie aus Burundi zu helfen. Eine Reise ins Ungewisse.
Publiziert: 05.08.2023 um 11:55 Uhr
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Aktualisiert: 05.08.2023 um 21:17 Uhr
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Pfarrer Edwin Stier aus Kreuzlingen TG fährt einer geflüchteten burundischen Familie nach Kroatien hinterher.
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Rebecca WyssRedaktorin Gesellschaft / Magazin

Die Müdigkeit drückt auf seine Augen, es ist kurz nach neun Uhr abends, und seit vierzehn Stunden ist er schon mit seinem Citroën unterwegs, für ihn nur: «Zitrönchen». Und ja, ein Stück Fleisch, ein Bierchen und ein Bett, das wär jetzt schön. Doch Edwin Stier, sechzig Jahre alt, ist auf einer Mission.

Er parkiert das Auto neben dem umzäunten Asylzentrum, kämmt sich den grauen Haarkranz um die Glatze, knöpft sein blaues Hemd zu und steckt seinen Kollar, den weissen Priesterkragen, an. «So könnte es klappen», sagt er und lächelt, er weiss um die Wirkung seines Aufzugs.

Edwin Stier ist katholischer Pfarrer des Pastoralraums Kreuzlingen im Thurgau, eine Grosskirchgemeinde mit rund 10'000 Gläubigen. Sonst predigt er, tauft und verheiratet.

Pfarrer Edwin Stier setzte sich sofort in sein Auto und fuhr der mit einem Sonderflug ausgeschafften Familie hinterher.

Jetzt steht er in Kutina, einem kroatischen Städtchen voller vom Wind abgewetzter Nationalflaggen. Lila (15), Beecky (13), Edna (12), Samuel (10), Joshua (8), die Zwillinge Ben Israel (6) und Ben Moïse (6) sowie Mutter Olive Banyiyezako (39) und Vater Eric Ntibarufata (46) warten auf ihn. Eine Familie aus Burundi, Ostafrika, Geflüchtete.

Sie stehen in Trainerhosen beim Eingang des Asylzentrums, als Pfarrer Stier auf das Backsteinhaus zu marschiert. Er setzt ein Lächeln auf, gibt den verdutzten Wächtern mit Bürstenschnittfrisuren die Hand und stellt sich vor. Als gläubiger Katholik, wie es die meisten Kroaten sind, jagt man keinen Priester davon. Er darf zur Familie.

Pfarrer Edwin Stier: «Die Eltern sind total erschöpft»(01:15)

Die Buben schlingen sofort ihre Ärmchen um ihn. Er segnet sie mit einem Kreuzchen auf der Stirn. Nun haben sie eine Antwort auf ihre bohrende Frage, wo «le père» ist, und wann er sie holen kommt. Die Eltern stehen mit zusammengesunkenen Oberkörpern da, Mutter Olive sagt leise: «Sie sind gekommen, mon père.»

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Am Anfang dieser Reise steht dieses Versprechen. Pfarrer Stier hat es ihnen gegeben. Und sich selbst. Am 19. Juli 2023.

Eine Ausschaffung mit Folgen

Es ist der Tag, an dem Kantonspolizisten die neunköpfige Familie in aller Herrgottsfrühe im Asylzentrum im Thurgauer Hefenhofen aus den Betten holen. Unangekündigt. Als sie die Mutter vor den Augen der Kleinen mit Handschellen fesseln, alle in Transporter verfrachten und sie mit einem Sonderflug nach Kroatien ausschaffen. Pfarrer Stier ist an jenem Morgen dabei, Vater Eric hat ihn angerufen.

Die Bilder von der Ausschaffung bekommt der Pfarrer später nicht mehr aus dem Kopf. Er habe nicht den Mut gehabt, sich gegen das Nein der Beamten durchzusetzen und einfach mitzufahren. Er habe sie allein gelassen. «Ich schäme mich.»

Noch am selben Tag lädt er mich als Journalistin ein, ihn zu begleiten. Ich solle mir selbst einen Eindruck verschaffen. Kurz darauf sitzen wir frühmorgens im Citroën mit einem Rosenkranz auf der Konsole und dem Kofferraum voller Chips für die Kinder. Pfarrer Stier wäre jetzt eigentlich auf dem Weg nach Padua, seinem Lieblingsort in Italien, weil dort Antonius (1195–1231) wirkte – Schutzheiliger der Kinder und Frauen. Er wäre jetzt im Urlaub, doch, sagt er: «Ich könnte es nicht geniessen.»

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Eric Ntibarufata (46): «Die Aussschaffung hat meine Familie traumatisiert»(01:49)

Er tätschelt das Lenkrad, «mein C4le», sagt er, der so selbstverständlich überall ein «le» dranhängt – «Gschöpfle», «Mädle», «Bebele» – wie wir bei uns ein «li». Als selbsternannter «Autospinner» mit «Auto Bild»-Abo würde er mehr zu seinem Wagen erzählen, fiele ihm nicht plötzlich ein Mercedesfahrer mit einem Huper ins Wort. Hupen reizt das schwäbische Gemüt. Pfarrer Stier schmettert dem «Kärle» ein «jawohl, ich hab dich lieb» entgegen. So hält er es im Leben: Kommt ihm einer dumm, spricht er für ihn einen Segen, hofft, dass jener den gleichen Frust nicht zu Hause an seiner Frau auslässt.

Pfarrer Stier denkt mit dem Herzen. Er handelt aus dem Bauch heraus. So lässt sich diese Aktion erklären. Was sein Plan ist, ist schwer zu durchblicken. Klar ist nur: Er will jetzt da runter. Schnell. Will schauen, ob es ihnen gut geht. Allen voran: den Kindern. Um sie hat er am meisten Angst.

Vor einem halben Jahr flüchtete die Familie über den Balkan in die Schweiz. Sie waren allein, sprachen kaum, assen wenig. Suchten dort Geborgenheit, wo sie sie in Burundi immer spürten: in der Kirche.

Jeden Sonntag sassen sie in Pfarrer Stiers Gottesdienst. Sieben schwarze Kinder in einer Kirchenbank im Thurgau, das fällt auf. Pfarrer Stier sprach sie an.

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Edwin Stier in «seiner» Pfarrkirche St. Ulrich und St. Afra in Kreuzlingen TG, wo er die geflüchtete Familie kennenlernte.

Damit fing alles an. Schnell kümmerte sich ein kleines Team von Kirchgemeindemitgliedern um die Familie. Frauen, teils über achtzig, kochten für sie, kauften den Buben Trottinette, Rucksäcke für die Schule.

Als die Familie im Frühling den Wegweisungsentscheid erhielt und klar war, dass sie gehen musste, war für die Frauen und Pfarrer Stier klar: Wir lassen das nicht zu. Sie schrieben Briefe, schreiben sie bis heute, an Amnesty International, an Asylorganisationen, an die Justizministerin Elisabeth Baume-Schneider – zwei Mal!

Ständig rufen die Frauen nun Pfarrer Stier an. Sie schlafen kaum, sind in Sorge. Sie haben nicht mit der Ausschaffung gerechnet. Fragen, was er vorhat. Irgendwann nach der slowenischen Grenze sagt er im Auto: «Vielleicht muss ich sie auch einfach dort rausholen.»

Ein alter Bekannter mit einem Transporter würde ihm helfen, würde sie mit ihm notfalls illegal aus Kroatien rausschaffen, ein Anruf reicht. Pfarrer Stier weiss: Darauf steht Gefängnis. Sich für Menschen in Not in Schwierigkeiten bringen – es wäre nicht das erste Mal.

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Zu Hause werden sie verfolgt

Um welche Not handelt es sich bei der burundischen Familie? Was bewegt die Eltern von sieben Kindern dazu, alles aufzugeben und sich den Gefahren einer Flucht auszuliefern?

Eine Umarmung für den Pfarrer, der vom Bodensee nach Mittelkroatien gefahren ist.

Tag zwei nach Pfarrer Stiers Ankunft in Kroatien. Schon am frühen Morgen schreibt ihm eine Frau in einer Lebenskrise aus der Schweiz, die in seine Gebete aufgenommen werden möchte. Mehrmals am Tag tut er das. Mit dem Morgenpsalm frühmorgens, dem Laudes, fängt es an. Es ist mehr als ein Ritual. So pflege er seine Beziehung zu Gott, sagt er. «Wenn man das als Priester nicht tut, wird man schräg.» Man verliert die Kraft, für andere da zu sein. Und das braucht er nun.

Bis vor zwei Jahren lebte die Familie in Burundi in Frieden. Die Mutter arbeitete auf der Bank, der Vater bei einem Telekommunikationsunternehmen. Sie besassen ein Haus und ein Auto. Mittelstand. Dann gerieten sie ins Visier der Behörden. Die Umstände sind so kompliziert wie der Konflikt, der eine Blutspur durch das Land zieht. Amnesty International weiss: Der Hutu-Präsident Évariste Ndayishimiye lässt vermeintliche Oppositionelle, vor allem Tutsis, verhaften, foltern und töten. Allein 258'272 Menschen sind deshalb 2022 aus Burundi in die Nachbarländer geflüchtet.

Die Eltern Eric und Olive haben Tutsi-Verwandte, gelten als Tutsis. Etliche Male durchsuchte die Polizei ihr Haus, sagen sie. Irgendwann kam ein Fahndungsbefehl wegen Gefährdung der Staatssicherheit gegen den Vater, der der Redaktion vorliegt. Im Juni 2022 begann die Flucht.

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In Kroatien, ein paar Monate später, nahmen die Beamten ihre Fingerabdrücke. Es gilt damit als Erstaufnahmestaat und ist zuständig für das Asylverfahren. So will es das Dublin-Abkommen. Doch Kroatien unternahm damals nichts, schickte sie bloss fort. Wegen «Dublin» hat die Schweiz ihren Asylantrag abgelehnt und sie nun hierher zurückgeschafft, ohne die Fluchtgründe zu prüfen.

Pfarrer Stier fährt sie nun gestaffelt zu einem Restaurant in Kutina. Sie sollen etwas Richtiges essen. Die Buben essen einen Burger und zeichnen. Die Eltern rühren ihre Pizza kaum an. Die Ausschaffung, die Eindrücke, alles ist noch frisch.

Pfarrer Edwin Stier lädt die aus der Schweiz ausgeschaffte Familie in Kroatien in ein Restaurant ein.

Die Mutter erzählt, wie die Beamten sie und ihre älteste Tochter gefesselt haben. Davon, dass sie nicht mitgehen wollten. Dass sie keine Hose habe anziehen dürfen. Dass sie aus Angst während der Fahrt an den Flughafen habe erbrechen müssen. Von den Tränen und Schreien ihrer Buben.

Der Vater schämt sich, weil er an jenem Morgen vor ihnen zusammengebrochen ist, er sagt: «Ich habe als Vater versagt.» Und verstummt, als ihm einer der Buben eine Zeichnung in die Hand drückt: ein Flugzeug, mehrere Kastenwagen und grosse Köpfe, die neun kleine Köpfe mit Ärmchen und Beinchen in Betten bedrängen.

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Wie rechtfertigen die Behörden das Vorgehen in diesem Fall?

Der Sprecher des Migrationsamts Thurgau schreibt auf Anfrage: Handfesseln seien bei unkooperativem Verhalten der Ausreisepflichtigen die Regel. Das diene auch dem Eigenschutz der Einsatzkräfte. Und: Die Mutter habe sich geweigert, eine der im Hausrat zur Verfügung stehende Hose anzuziehen.

Der Sprecher des Staatssekretariats für Migration schreibt, er könne wegen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes keine Aussagen zum Einzelfall machen.

Er versorgt sie mit dem Nötigsten

Pfarrer Stier tut das, was er immer macht, wenn Menschen in schwierigen Situationen stecken: Er hört zu. Spendet Trost. Betet. Strahlt Ruhe aus. Doch in ihm drin rumort es. Die Wächter der Asylunterkunft, die Behörden – keiner sagt etwas. Niemand weiss, wie es für die Familie weitergeht. Die Ungewissheit treibt ihn um. Treibt ihn an.

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Nach dem Essen fährt er mit Olive, Eric und den Kindern zum Supermarkt. Sie haben kein Geld, brauchen Zahnbürsten, ihre liegen noch in der Schweiz. Die Buben streunen durch die Gänge, inspizieren jedes Spielzeugauto, jede Action-Figur, rühren aber nichts davon an. Die Mutter legt von den Äpfeln, Orangen und vom Saft immer nur zwei Stück in den Einkaufswagen. Sie traut sich nicht, richtig zuzulangen. Pfarrer Stier schüttelt den Kopf, packt Ware nach und sagt: «Ich komme mir so gönnerhaft vor. Aber die brauchen die Sachen. Fertig.»

Später am Abend gönnt er sich selbst ein gutes Nachtessen. Pfarrer Stier liebt saftige Steaks, mit viel Rohschinken gefüllte Sandwiches, Gummibärchen. Manchmal ein bisschen zu sehr. Das Hemd spannt jetzt mehr als sonst über seinem Bauch. Pfarrer Stier ist ein Stress-Esser. Hochzeiten, Taufen, Kommunionsfeiern, Gottesdienste – sie geben ihm den Takt vor. Und der schlägt schnell. Während die anderen am siebten Tag ruhen, steht er bis zu vier Mal auf der Kanzel. So will er es haben, sagt er. «Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.» Er hat sich dafür entschieden: für ein Leben im Dienste Gottes und für die Menschen. Und dafür bringt er sich auch schon mal in Schwierigkeiten.

Als er noch Pfarrer in Süddeutschland war, gab er während zehn Jahren insgesamt 100’000 Euro für Bedürftige aus. Rund 70 Familien half er zügig, pragmatisch, unbürokratisch. Der Haken: Er verbuchte es nicht anständig. Keiner wusste davon. Die Kirchgemeinde hatte keine Freude. Doch, und das stellte eine Untersuchung fest: Er hatte sich nicht selbst bereichert. Die Sache ging gut aus. Darauf angesprochen lächelt er und sagt: «Die Töpfe der Kirche sind prallvoll, zu helfen ist unsere Pflicht.»

Die folgenden Tage in Kroatien sind zäh. Die Mutter und die älteste Tochter wollen ihre Sachen packen und weglaufen. In Deutschland, glauben sie, hätte die Familie bessere Chancen. Pfarrer Stier redet ihnen ins Gewissen: Wartet ab. Habet Vertrauen. Denkt an die Kinder!

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Die Ohnmacht macht ihn rastlos. Er fährt zwischen Hotel und Asylunterkunft hin und her. Hängt dauernd am Telefon. Holt Rat bei der Caritas vor Ort. Am Ende steht er in der Hauptstadt Zagreb bei den Jesuiten in der Stube, der Orden kümmert sich um Geflüchtete. Das ist ein Wendepunkt. Pfarrer Stier erfährt, dass in einem alten Hotel in Zagreb eine kleine Gemeinschaft von Geflüchteten aus Burundi lebt. Die Eltern arbeiten, die Kinder gehen zur Schule. Ihre Rechte sind gewahrt. Und Eric, Olive und die Kinder sind nicht allein.

Ein letztes Mal setzt er sich in sein «Zitrönchen» und fährt zu Vater Eric. Bekniet ihn, in Kroatien zu bleiben. Er soll Frau und Tochter überzeugen. Und er stellt für ihn den Kontakt zu den Jesuiten her. Er spürt: Die Familie ist in guten Händen. Er kann loslassen. Fürs Erste. Müde fährt er doch noch ans Meer. «In ein g’scheites Hotel, da schlaf ich zehn Stunden durch», sagt er. Und widmet sich dem Buch, auf das er sich so freue wie andere auf ein Fussballspiel: «Fratelli tutti». Papst Franziskus’ Aufruf zur Geschwisterlichkeit über alle Grenzen hinweg als neue Weltordnung.

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