Schulleitungen in Wiedlisbach BE schauen bei Mobbing weg – Eltern sind verzweifelt
«Das Einzige, was wir noch tun können, ist wegzuziehen»

Mehrere Eltern erzählen, ihre Kinder würden in Schulen in Wiedlisbach BE gemobbt: Mitschüler würden Schläge austeilen, Schwächere zu Boden stossen und drohen. Einige Familien sind bereits weggezogen. Eine Schulleitung tut die Vorfälle als «Streitereien» ab.
Publiziert: 11.07.2024 um 00:01 Uhr
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Aktualisiert: 11.07.2024 um 08:05 Uhr
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Sarah F. erlebte, wie ihre Tochter Marie an Mobbing fast zerbrochen wäre.
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Helena SchmidReporterin

Alles beginnt mit Kopfschmerzen. Marie*, damals 15, will nicht mehr in die Schule, begegnet ihrer Mutter Sarah F. (46) zunehmend aggressiv. Sie trägt weite Kleidung, versteckt die blauen Flecken an ihren Armen. Manchmal hyperventiliert sie morgens. Ihre Noten sacken ab. Sarah F. fragt nach, tröstet, ermutigt. Doch ihre Tochter entzieht sich. Und so erfährt Sarah F. erst viel später, dass Marie über Selbstmord nachdenkt.

Marie geht in Wiedlisbach BE zur Schule, einer ländlichen Gemeinde im Oberaargau – und wird dort gemobbt. Mehrere Wochen, nachdem die Kopfschmerzen angefangen haben, öffnet sie sich ihrer Mutter. «Es ist wie aus ihr herausgebrochen», erzählt Sarah F.: «Weinend sagte sie, dass ihre Mitschüler sie schlagen, sie gegen die Schränke stossen, bedrohen.»

Die Mutter reagiert schnell. Sie schickt ihre Tochter in ein Mobbing-Coaching, nimmt Kontakt zur Schulleitung auf. Deren Reaktion entsetzt sie: «Man hat meine Tochter für einen Monat freigestellt. Während der Haupttäter weiterhin zum Unterricht gehen durfte!»

«Sie haben zugelassen, dass Marie geschlagen wurde»

Der Verbandsrat des Oberstufenzentrums Wiedlisbach erklärt gegenüber Blick: «Im vorliegenden Fall kamen Massnahmen gegen Mobbing zum Tragen: Intervention durch Klassenlehrpersonen, Coaching durch den Schulsozialarbeiter und Mobbing-Intervention durch einen externen Dienstleister.» Zudem arbeite die Schulsozialarbeit systematisch und mit allen Klassen zum Thema Mobbing und Gewaltprävention.

Für Sarah F. ist dennoch klar, dass die Schule ihre Obhutspflicht verletzt hat. «Sie ist es, die meiner Tochter nicht frühzeitig geholfen hat. Sie hat zugelassen, dass Marie diskriminiert und geschlagen wurde – und überlegt hat, sich das Leben zu nehmen.»

Schulranzen mit Müll vollgestopft

Das ist nun drei Jahre her. Familie F. ist mittlerweile weggezogen. An den Schulen in Wiedlisbach bleibt scheinbar alles beim Alten.

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«Gestern kam mein Sohn weinend nach Hause. Sein Schulranzen war mit Abfall vollgestopft», erzählt Pamela E. (39). Ihr Sohn Andri*, Zweitklässler an der Primarschule Wiedlisbach, werde von seinen Mitschülern andauernd geplagt. Genau wie seine grosse Schwester Emilia*, die in die 3. Klasse geht: «Sie hat ständig blaue Flecken», sagt E. Als sie die Schulleitung damit konfrontiert habe, hiess es, Emilia sei bestimmt gestürzt. «Und wie soll sie sich die Verletzungen an Bauch und Armen geholt haben?», fragt sich die Mutter.

Claudia P.s (40) Tochter Mathilda* ist eine Klassenkameradin von Emilia. «Sie erzählt, ein Mitschüler habe Mathilda mehrmals in den Bauch geboxt und ihr das Bein gestellt», so P.

Als Claudia P. sich bei der Schulleitung meldete, wurde sie mit allgemeinen Sätzen abgetan: «Wo Menschen zusammen sind, entstehen Konflikte», hiess es etwa.

Kein Mobbing – sondern «Streitigkeiten»

Gegenüber Blick sagt die Primarschulleiterin Beatrice Fischer: «Wir haben Streitereien, aber uns ist kein Mobbing-Fall bekannt. Die Anlaufstelle der Schulsozialarbeit wird genutzt. Von dort haben wir die Rückmeldung, dass sich die Unruhen in einem völlig normalen Mass befinden.»

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Streitereien nehme man ernst und suche mit den Eltern stets das Gespräch. «Wir haben den Eindruck, dass unser Vorgehen von den meisten Eltern mitgetragen wird», so die Schulleitung. Ausserdem würden in jeder Klasse jährlich zwei Schüler zu sogenannten Peacemakern gewählt: «Wir bilden die Peacemaker aus, Konflikte zu lösen. Sie lernen, zu vermitteln und können bei Streit gerufen werden.»

Dass die Schule die Gewalt gegenüber ihren Kindern nicht anerkennt, schmerzt Claudia P. «Ich habe immer wieder mit der Lehrerin gesprochen, versucht, die Schulleitung auf die Probleme aufmerksam zu machen, den Schulinspektor angeschrieben, die Bildungskommission. Nichts ist passiert.»

Schüler verletzte sogar Lehrerin

Pamela E. ging sogar zur Polizei: «Leider können wir nicht beweisen, woher die Verletzungen stammen und deshalb keine Anzeige erstatten», so die Mutter.

Ein Vorfall ist den Müttern besonders im Kopf geblieben: Ein Schüler, der wegen aggressiven Verhaltens häufig auffalle, sei sogar gegenüber einer Lehrperson gewalttätig geworden. «Er hat angefangen, Stühle herumzuschmeissen und verletzte eine Lehrerin», erzählt P. Das Kind sei daraufhin für einige Tage suspendiert worden.

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Schulleiterin Fischer bestätigt, es habe einen Vorfall mit einem Schüler gegeben, «bei dem die Lehrerin und danach auch weitere Lehrpersonen eingreifen mussten, um eine Selbst- und Fremdgefährdung auszuschliessen». Das Ereignis sei mit internen und externen Fachpersonen sowie allen Betroffenen aufgearbeitet worden.

«Mobbing muss möglichst früh gestoppt werden»

Die Stiftung Berner Gesundheit unterstützt im Auftrag des Kantons Schulen beim Umgang mit Mobbing. Zur Situation in Wiedlisbach kann sich Regionalleiterin Claudia Paiano nicht äussern, erklärt aber allgemein: «Tritt ein Mobbing-Fall auf, ist es entscheidend, dass dies möglichst früh erkannt und gestoppt wird.»

Ein vorgeschriebenes Vorgehen oder eine Meldepflicht von Mobbing gibt es im Kanton Bern nicht. «Doch wie bei einem Brandfall müssen die Abläufe und Verantwortlichkeiten auch bei Mobbing klar geregelt sein», so Paiano. Man helfe Schulen bei Bedarf mit der Ausarbeitung solcher Konzepte.

Sarah F. nahm sich einen Anwalt, nachdem ihre Tochter Marie freigestellt wurde. «Plötzlich wurde der Haupttäter in die Parallelklasse versetzt», erzählt sie.

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Mobbing kann zu Suizid führen

Marie hat die Schule abgeschlossen, leidet aber weiterhin: «Es fällt ihr schwer, anderen zu vertrauen und Freundschaften zu schliessen», so die Mutter.

Marie setzte ihre Suizidgedanken nicht in die Tat um, bekam rechtzeitig Unterstützung. 2017 nahm sich jedoch die 13-jährige Céline aus Spreitenbach AG das Leben, weil sie von ihren Mitschülern gemobbt und mit intimen Bildern erpresst wurde. Kinder, die von Mobbing betroffen sind, unternehmen bis zu dreimal häufiger Suizidversuche als ihre Altersgenossen, wie eine Studie von 2011 zeigt.

Durchbeissen – etwas anderes bleibt Emilia, Mathilda und Andri nicht übrig. «Das Einzige, was wir noch tun können, ist wegzuziehen», sagt Pamela E. «Das wollen wir eigentlich nicht.»

*Namen geändert

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