Opfer spricht über das Drama von Crans-Montana
«Das Gesicht, das ich im Spiegel sah, existiert nicht mehr»

Der verheerende Brand in der Bar Le Constellation in Crans-Montana am 1. Januar forderte 41 Todesopfer. 114 Menschen wurden teils schwer verletzt. Ein Opfer äussert sich nun, über den schweren Genesungsweg und den harten Alltag, den sie durchlebt.
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Reiste gerne: Mélanie Van de Velde in Ägypten.
Foto: Facebook
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Alexander TerweyStv. Teamlead News-Desk

Am Sonntagabend veröffentlichte Mélanie Van de Velde (32) einen Beitrag auf ihrer Facebook-Seite. Die junge Frau, ursprünglich aus dem französischen Angers, lebt in Crans-Montana. Sie verbrachte die Silvesternacht in der Bar Le Constellation. Sie wurde Opfer des Brandes in jener Nacht. In ihrem Beitrag, den sie einen «offenen Brief» nennt, erzählt sie ihre Geschichte. Eine Geschichte, die tief bewegt.

«Ich bin Mélanie, Opfer der Tragödie vom 1. Januar in Crans-Montana», schreibt sie. «Ich bin eine Frau, über die manchmal gesprochen wird, ohne jemals ihren Namen zu nennen. Die Frau, die über eine Brüstung gesprungen ist. Nicht aus Mut, sondern weil in diesem Moment das Feuer stärker war als die Angst. Weil Bleiben den Tod bedeutet hätte.» Seit diesem Tag lebe sie nicht mehr, schreibt Mélanie. Sie überlebe.

«Mein Körper ist zu fast 40 Prozent verbrannt. Mein Körper gleicht einem Schlachtfeld. Jeder Verbandswechsel ist eine Tortur.» Der Schmerz verschwinde nie wirklich. «Er lässt sich nieder. Er zehrt an mir. Er überwältigt mich.»

«Dieses Gesicht existiert nicht mehr»

Mélanies Zeilen offenbaren aber nicht nur den körperlichen Schmerz, sondern auch den seelischen. «Mein Gesicht wird nie mehr dasselbe sein. Das Gesicht, das ich im Spiegel sah, existiert nicht mehr. Das Gesicht, das meine Tochter kannte, auch nicht.» Es sei ein stiller Verlust, den man denjenigen, die so etwas nie durchgemacht haben, unmöglich erklären könne.

Mélanie wurde in Zürich behandelt, später dann nach Nantes verlegt. Dort wird die 32-Jährige noch immer behandelt, «weit weg von zu Hause, weit weg von meinem Leben und vor allem weit weg von meiner Tochter, die ich nicht in den Arm nehmen kann, wenn die Schmerzen unerträglich werden», schreibt sie.

Man müsse verstehen, dass sie nicht «gesund» werde. «Ich verändere mich gegen meinen Willen. Mein Körper wird nie mehr so sein wie zuvor. Mein Gesicht wird nie wieder die früheren Züge haben. Meine Haut wird mein Leben lang die Erinnerung an diese Nacht tragen. Und meine Seele auch.»

«Wo bleibt die Gerechtigkeit?»

Während sie sich Operationen unterziehen müsse, lernen müsse, in einem schwer gezeichneten Körper zu leben, würden andere wie gewohnt weiterleben, so Mélanie weiter. «Ohne Verbrennungen, ohne Narben, ohne Alpträume in der Nacht.» Die junge Frau fragt sich: «Wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn das Opfer ein Leben lang sichtbare und unsichtbare Spuren trägt und die Verantwortlichkeiten unklar, verschwiegen und verwässert bleiben?»

Sie schreibe diese Zeilen nicht aus Rache. «Ich schreibe, weil Schweigen eine zweite Verbrennung ist. Weil das Vergessenwerden unerträglich ist, wenn man mit bleibenden Narben lebt. Weil Überleben niemals Schweigen bedeuten sollte. Ich schreibe, damit man versteht, dass hinter einer Meldung in den Nachrichten verstümmelte Körper, erschütterte Identitäten und von ihren Kindern getrennte Mütter stehen. Ich schreibe, damit endlich die Stimmen derer gehört werden, die den höchsten Preis zahlen.»

Sie schliesst ihren Brief ab. «Ich bin Mélanie. Ich bin am Leben. Aber ich lebe nun in einem Körper und mit einem Gesicht, die nie mehr dieselben sein werden. Und solange diese Realität nicht vollständig anerkannt wird, wird mein Schmerz nicht nur medizinischer Natur sein. Er wird zutiefst menschlich bleiben.»

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