Neue Studie der Credit Suisse
1 Prozent der Schweizer besitzt mehr Vermögen als die restlichen 99

Eigentlich hat jeder Schweizer rein rechnerisch 373'000 Franken auf dem Konto. Aber nur eigentlich, denn Reichtum ist in der Schweiz auf sehr, sehr wenige verteilt.
Publiziert: 27.11.2010 um 20:30 Uhr
|
Aktualisiert: 28.09.2018 um 19:29 Uhr
Von Werner Vontobel

Kein Land der Welt ist so reich wie die Schweiz. Und nirgendwo sind die Reichen reicher. Das zeigt eine neue Studie der Credit Suisse über die Vermögen und deren Verteilung in allen Ländern der Welt. Unser Land fällt dabei total aus dem Rahmen. Nicht einmal in Bananenrepubliken wie Nicaragua oder Montenegro ist der Reichtum ungleicher verteilt. Nur die Diktatur Singapur hält noch einigermassen mit.

Nur Singapur liegt vorn

Beim durchschnittlichen Vermögen liegt die Schweiz mit 373000 Franken pro Erwachsenen klar an der Spitze, gefolgt vom Erdölland Norwegen, von Australien, Frankreich, Singapur und den USA (siehe Tabelle). Doch wenn es um das Vermögen des Durchschnittsbürgers (Medianvermögen, 50 Prozent haben mehr, 50 Prozent weniger) geht, liegt die reiche Schweiz weit hinten.

Mit einem Vermögen von 41547 Franken ist der Durchschnittsschweizer zwar gut 15-mal so reich wie der durchschnittliche Weltbürger, aber in vielen Industrieländern wie Australien, Kanada, Frankreich, USA und beispielsweise England sind die Normalbürger bis zu dreimal reicher als bei uns.

Doch es bleibt ein kleiner Trost: Wenigstens in Singapur – aber nur dort – ist der Anteil des reichsten Prozents der Bevölkerung am Gesamtvermögen mit 68,1 Prozent noch höher als in der Schweiz mit 58,9 Prozent. Doch wir holen auf. 1997 besassen die Reichsten «nur» 34,8 Prozent des Gesamtvermögens. Aus dieser Zeit stammt auch der inzwischen schon fast geflügelte Satz, wonach 3 Prozent der Schweizer gleich viel Vermögen haben wie die restlichen 97 Prozent. Auf der Grundlage der neuen Zahlen der Credit Suisse lautet die korrekte Formulierung dieses Sachverhalts neu so: «1 Prozent der Schweizer besitzt mehr Vermögen als die restlichen 99 Prozent.»

Allerdings zählt die Credit Suisse die Guthaben bei Pensionskassen und Versicherungen nicht mit. Die sind aber gerade in der Schweiz besonders wichtig. Sie belaufen sich gemäss Nationalbank auf 804 Milliarden Franken, rund 135000 Franken pro Erwachsenen. Die CS-Studie unterschätzt also den Reichtum der Schweiz deutlich. Gleichzeitig überschätzt sie damit aber wohl auch die Ungleichheit.

Die Oben profitieren

Wie die neuste Statistik der Haushaltsausgaben zeigt, sind aber auch die Pensionskassenguthaben ziemlich ungleich verteilt. Das reichste Fünftel unserer Rentner kassiert fast die Hälfte, die ärmere Hälfte der Rentner jedoch bloss etwa 15 Prozent aller Pensionskassenrenten. Ganz oben ist die Ungleichheit noch viel grösser: Schindler-Chef Alfred N. Schindler etwa hat sich 2009 einen – steuerfreien – Arbeitgeberbeitrag von 545000 Franken gutschreiben lassen – rund 100-mal so viel wie normale Schindler-Arbeiter.

Dass Sozialleistungen, wie Arbeitslosengeld, AHV oder Pensionskassen, die Vermögensverteilung beeinflussen, zeigt sich in der CS-Studie etwa daran, die Sozialstaaten Dänemark und Schweden eine unerwartet einseitige Vermögensverteilung und tiefe Medianvermögen aufweisen. Offensichtlich wird dort die private Vermögensbildung durch die staatliche ersetzt. Das schlägt sich – wie andere Studien zeigen – in einer relativ gleichmässigen Einkommensverteilung nieder.

Woher kommt die zunehmend einseitige Verteilung der Vermögen in der Schweiz? Die Vermutung liegt nahe, dass sie mit einer ebenfalls einseitigeren Verteilung der Einkommen zusammenhängt. Neuste Zahlen von der eidgenössischen Steuerverwaltung stützen diesen Verdacht. Sie zeigen etwa, dass die reichsten 0,25 Prozent der Steuerpflichtigen heute 20-mal so viel wie der Durchschnitt verdienen statt «bloss» 17-mal vor 15 Jahren.

Ab ins Steuerparadies

Vor allem aber konzentrieren sich die Topverdiener – dem Steuerwettbewerb sei dank – immer mehr in den Steuerparadiesen. In der gesamten Schweiz verdienen 0,28 Prozent aller Steuerpflichtigen mehr als 596000 Franken. In Schwyz ist dieser Prozentsatz inzwischen auf 1,19 und in Zug auf 1,24 Prozent gestiegen. Und diese kleine Minderheit kassiert rund 23 Prozent aller steuerbaren Einkommen. Auf die ärmere Hälfte hingegenentfallen gerade mal 20 Prozent. Das sind Verhältnisse wie in Russland, Malaysia oder wie neuerdings in den USA.

Fehler gefunden? Jetzt melden
Alle Kommentare