Nach Hafterleichterung
Brian verhält sich «tadellos»

Dem bekannten Häftling Brian Keller wurde im Januar eine Hafterleichterung gewährt. Seitdem verhält sich der Insasse beispielhaft. Hat sich die Justiz in ihm geirrt?
Publiziert: 11.09.2022 um 18:40 Uhr
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Aktualisiert: 12.09.2022 um 07:44 Uhr
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Der Fall Brian löste in der Schweiz grosse Diskussionen aus – auch die «Rundschau» 2020 berichtete über ihn.

Kein Gefängnisinsasse wurde in der Schweiz häufiger thematisiert als Brian Henry Keller, auch bekannt unter seinem Pseudonym Carlos, das er damals von SRF erhielt. Während mehr als drei Jahren sass der 26-Jährige in der Haftanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH in Einzelhaft.

Anfang diesen Jahres wurde der Häftling ins Bezirksgefängnis in der Stadt Zürich verlegt. Die Umteilung war gleichzeitig auch eine Hafterleichterung für Brian, da er seitdem andere Mitinsassen besuchen und in den Schulunterricht gehen darf. Zuvor musste er 23 Stunden am Tag in einer Einzelzelle ausharren. Ausserhalb der Zelle war er stets mit Fesseln an Händen und Füssen fixiert und Besuch durfte er nur einmal pro Woche – hinter einer Panzerglasscheibe – empfangen.

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«Es geht Brian viel besser»

Die Haftermässigung erfolgte erst nach jahrelanger Kritik aus der Öffentlichkeit. So etwa von einem Uno-Sonderberichterstatter oder im letzten Dezember, als das Bundesgericht den Umgang mit Brian Keller rügte. In der Folge wurde das Zürcher Obergericht mit der Erarbeitung eines Konzepts für erleichterte Haftbedingungen beauftragt.

Seit Januar 2022 kann Brian nun gemässigtere Umstände im neuen Gefängnis geniessen. Das scheint sich auch für die Behörden auszuzahlen. So erklärt das Amt für Justizvollzug und Wiedereingliederung gegenüber der «NZZ am Sonntag»: «Es zeigt sich, dass die Verlegung und die Änderung des Vollzugs- und Betreuungssettings tatsächlich die erhoffte Entspannung der Situation bewirkt haben.»

Nach dieser Bilanz sieht sich Max Keller, Brians Vater, bestätigt. Sein Sohn werde nun endlich vom Personal korrekt behandelt. «Es geht Brian viel besser.» Er könne auch seine Familie wieder umarmen, was in den drei Jahren in Pöschwies nie möglich war. Ausserdem verhalte sich sein Sohn in der neuen Anstalt «tadellos»: «Ich habe immer gesagt: Wird Brian korrekt behandelt, dann verhält er sich ebenfalls korrekt.»

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Justiz gesteht keine Fehler ein

Nach der positiven Wandlung seit der Hafterleichterung stellt sich die Frage, ob das strikte Haftregime in der Pöschwies nicht falsch war. Das sieht die Zürcher Justizdirektion aber nicht so. In einer Stellungnahme, die der «NZZ am Sonntag» vorliegt, bekräftigt sie die hohen Standards in Regensdorf. Grundsätzlich ginge es darum, «in welcher Institution ein Insasse aufgrund der gegebenen Umstände die angemessenste Betreuung erhält».

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«Carlos» heute: So berichtete das «NZZ Magazin» über Brian Keller.

Brians Anwalt Philip Stolkin hingegen sieht das ganz anders. Er sagt zur Zeitung: «Das Narrativ der Justizdirektion, wonach Brian ein gefährlicher Psychopath ist, vor dem man sich und andere schützen müsse, ist in sich zusammengefallen.» Er hoffe nun, dass Pöschwies intern unter Druck gerate.

Brian wurde im Jahr 2013 unter dem Namen Carlos bekannt, als SRF im Rahmen der Sendung «Der Jugendanwalt» einen Fernsehbeitrag über ihn veröffentlichte. Dieser löste in der Folge eine Debatte in der Schweiz über die Haftbedingungen aus. Heute werden Brian noch Sachbeschädigung und versuchte schwere Körperverletzung vorgeworfen. (obf)

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