Kindermord in Flaach ZH
Die letzten Stunden vor der Tragödie

Weihnachten mit der Familie. Die Stimmung ist gut, die Sorgen weit weg - man ahnte nicht, welche Tragödie sich noch ereignen würde.
Publiziert: 07.01.2015 um 00:00 Uhr
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Aktualisiert: 30.09.2018 um 19:19 Uhr
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Von Romina Lenzlinger

Stunden bevor Natalie K.* (27) ihre Kinder tötet, ist sie auffällig ruhig. «Sie wirkte gefasst und strahlte eine unglaubliche Ruhe aus», sagt ihre Mutter Christine K.* Den Neujahrstag verbringen die Grossmutter und Grossvater Björn K.* mit der Tochter und den Enkeln Alessia († 2) und Nicolas († 5) in Flaach ZH.

Alles ist harmonisch: Mutter und Grosseltern spielen mit den Kindern, testen die neue Chügelibahn. Die Sorgen sind weit weg. Niemand will daran denken, dass die Kinder am 4. Ja­nuar zurück in das Heim sollen, in dem sie die Kindes- und Erwachsenenschutzbe­hörde (Kesb) Winterthur-Andelfingen platziert hat.

Als die Gross­eltern aufbrechen, ist die Stimmung gut, man hat Pläne: «Am Wochenende wollten wir uns zum Raclette treffen.»

Bereit zur Flucht?

Was ihnen erst später seltsam vorkommt: In der Wohnung stehen zwei gepackte Koffer. «Realisiert haben wir das erst auf der Heimfahrt», sagt Christine K. Sie werden nervös, denn: Natalie K. spielte offenbar schon länger mit dem Gedanken, zu flüchten. «Sie wollte sich mit den Kindern im nahen Ausland oder auf einer Alp verstecken», sagt Björn K. «Sie hoffte, dass die Kesb ihre Entscheidung dann nochmal überdenken würde.Wir haben unserer Tochter von einer Flucht abgeraten und ihr die Konsequenzen aufgezeigt.  Doch ihre Verzweiflung war wohl einfach zu gross.»

Um 21.23 Uhr schickt der Vater ihr noch eine aufmunternde Nachricht: «Gib nicht auf.» Es ist zu spät. Zu diesem Zeitpunkt hat Natalie K. ihre Kinder bereits getötet. Erstickt, wie die Staatsanwaltschaft gestern mitteilte. Sie antwortet ihrem Vater ebenfalls per SMS: «Es ist zu spät, die Kinder sind im Himmel und ich gehe jetzt auch.»

Die gelernte Pflegefachfrau hatte wohl jede Hoffnung verloren, ihre Kinder zurückzubekommen. Denn: Am 23. Dezember um 10.53 Uhr mailte ihre Anwältin ihr einen Entscheid der Kesb. Natalie K. erfährt, dass die Kinder nach den Feier­tagen nicht bei ihr bleiben dürfen. Und dass die Behörde die Wochenendbesuche streicht.

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Mit dem Entscheid alleingelassen

«Wir finden es besonders gemein», sagt Grossmutter Christine K., «dass wir erst so kurz vor Weihnachten informiert wurden. Wir haben sofort und mehrfach angerufen. Doch wir bekamen keinen Verantwortlichen der Kesb ans Telefon. Man liess uns mit dem Entscheid einfach allein.»

Für den Zürcher Psychologen Thomas Steiner ist die gelöste Stimmung der Mutter vor der Tat nicht ungewöhnlich. «Es zeigt, dass ein Entscheid gefallen ist. Sie glaubte wohl, eine Lösung gefunden zu haben.» Bei Menschen in ähnlichen Situa­tionen erlebe man das oft.

Warum aber bringt eine Mutter ihre Kinder um? «Sie fühlte sich hilflos und ausgeliefert», vermutet Stei­ner. «Ihre Gefühle gingen nur noch in eine Richtung – bis sie keinen anderen Ausweg sah. Sie wollte wohl die Kinder vor dem Heim bewahren.» Steiner ist überzeugt: «Wären die Kinder bei den Gross­eltern platziert worden, hätte das Drama so wohl nicht stattgefunden.»

* Name der Red. bekannt

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