Kinder und Jugendliche leiden
Psychiater schlagen Alarm

Familien müssen monatelang auf Behandlungen warten: Der Bundesrat soll sofort handeln, fordern Mediziner.
Publiziert: 06.03.2022 um 16:01 Uhr
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«Wir müssen feststellen, dass die Zahl psychischer Probleme drastisch zugenommen hat», halten die Ärzte fest.
Simon Marti

Die Schweiz bemühte sich in den vergangenen zwei Jahren, besonders Verletzliche wie Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen vor dem Coronavirus zu schützen.

Während die Fallzahlen stiegen und fielen, die Gesellschaft zum Stillstand und das Pflegepersonal an seine Grenzen kam, litten viele Kinder und Jugendliche im Stillen. Das macht den vereinten Organisationen der Kinder- und Jugendmedizin Sorgen.

In deutlichen Worten wenden sie sich an Gesundheitsminister Alain Berset (49, SP) und Lukas Engelberger (46, Mitte), den Präsidenten der kantonalen Gesundheitsdirektoren. «Wir müssen feststellen, dass die Zahl der psychischen Probleme und die Zahl der Suizidversuche drastisch zugenommen haben. Zu befürchten ist, dass nicht nur die Zahl der Suizidversuche, sondern auch die Zahl der Suizide steigen wird, weil Kinder und Jugendliche keinen Ausweg mehr sehen», heisst es in dem Schreiben, das SonntagsBlick vorliegt. Unterzeichnet ist es unter anderem von Professor Alain di Gallo, Mitglied der Covid-Taskforce des Bundes und Co-Präsident der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, sowie Philipp Jenny, Präsident von Pädiatrie Schweiz, Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmediziner.

Wartezeiten von sechs Monaten sind die Regel

Die Wartefristen für Abklärungen und Behandlungen hätten ein Ausmass angenommen, das nicht mehr hinzunehmen sei, so der Appell. Bund und Kantone seien dringend aufgefordert, Mittel zu sprechen und Sofortmassnahmen zu ergreifen, «um niederschwellige Angebote zu ermöglichen».

Die Rückmeldungen aus der Praxis lassen tief blicken. Daniel Barth, der im Kanton Solothurn als Kinder- und Jugendpsychiater tätig ist, bestätigt, die Wartezeiten für betroffene Familien seien tatsächlich lang. «Auch meine Kolleginnen und Kollegen müssen laufend Familien in Not abweisen. Wartezeiten von bis zu sechs Monaten sind zur Regel geworden», so Barth weiter. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie habe seit Jahren ein Nachwuchsproblem. «Diese Lücke legt die Pandemie nun offen.» Er praktiziere noch mit über 70 Jahren, was nicht von ungefähr komme.

Ausbildung und Beruf müssten attraktiver werden. «Das fängt schon damit an, dass Jugendpsychiaterinnen – es handelt sich um einen klassischen Frauenberuf – im Vergleich mit anderen Medizinern weitaus am wenigsten verdienen», erklärt der erfahrene Psychiater.

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Den Jüngsten muss geholfen werden

In einem ersten Schritt haben Parlamentarierinnen und Parlamentarier aus mehreren Parteien begonnen, die Regierung in die Verantwortung zu nehmen. «Der Bundesrat, das Bundesamt für Gesundheit und die Kantone reagieren einfach zu zögerlich. Das muss sich ändern, die Lage eskaliert», sagt die Solothurner SP-Nationalrätin Franziska Roth (55).

Der Bund müsse das Heft in die Hand nehmen und mehr Plätze zur Behandlung von psychisch erkrankten jungen Menschen sicherstellen. Der Kulturbranche und manchen Wirtschaftszweigen sei in der Pandemie schnell geholfen worden. «Nun müssen wir als Gesellschaft auch unseren Jüngsten helfen.»

Hier findest du Hilfe!

Wenn ein Ereignis auch bei dir auch seelisch Spuren hinterlassen hat, zögere nicht, Hilfe zu holen. Auch für Kinder und Jugendliche gibt es passende Angebote.

Pro Juventute, Telefon 147, Beratungstelefon und Chat für Kinder und Jugendliche oder www.147.ch. 24/7. Dargebotene Hand, Telefon 143, www.143.ch, 24/7.

Elternnotruf, 0848 35 45 55 (Festnetztarif) oder www.elternnotruf.ch. Nicht für medizinische Notfälle. Zwischen 23 und 8 Uhr wird der Anruf auf Pro Juventute umgeleitet.

Dureschnufe, www.Dureschnufe.ch, Plattform mit Tipps für psychische Gesundheit rund um Corona.

Hotline für Angststörungen und Panik, Telefon 0848 801 109. Öffnungszeiten an Feiertagen nur von 12 bis 14 Uhr, www.aphs.ch.

Wenn ein Ereignis auch bei dir auch seelisch Spuren hinterlassen hat, zögere nicht, Hilfe zu holen. Auch für Kinder und Jugendliche gibt es passende Angebote.

Pro Juventute, Telefon 147, Beratungstelefon und Chat für Kinder und Jugendliche oder www.147.ch. 24/7. Dargebotene Hand, Telefon 143, www.143.ch, 24/7.

Elternnotruf, 0848 35 45 55 (Festnetztarif) oder www.elternnotruf.ch. Nicht für medizinische Notfälle. Zwischen 23 und 8 Uhr wird der Anruf auf Pro Juventute umgeleitet.

Dureschnufe, www.Dureschnufe.ch, Plattform mit Tipps für psychische Gesundheit rund um Corona.

Hotline für Angststörungen und Panik, Telefon 0848 801 109. Öffnungszeiten an Feiertagen nur von 12 bis 14 Uhr, www.aphs.ch.

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