Russische Blick-Journalistin: Das schmerzt die russische Bevölkerung(04:48)

«Ich möchte mich bei den Ukrainern entschuldigen»
Das denken Schweizer Russen über den Krieg in der Ukraine

In der Ukraine herrscht seit Mittwochabend Krieg. Was denken Russen, die in der Schweiz leben, über ihren Präsidenten?
Publiziert: 24.02.2022 um 09:23 Uhr
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Aktualisiert: 24.02.2022 um 16:49 Uhr
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Katja Krämer: «Die Nachrichten und Bilder in den Medien machen traurig.»
Fabian Vogt

Marina Minikus lebt seit 20 Jahren in der Schweiz und arbeitet in der IT-/Finanzbranche.

«Es ist schwierig, Erklärungen zu finden dafür, was derzeit passiert. Wladimir Putin ist extrem intransparent. Nicht einmal die Menschen in Russland wissen, warum er was macht. Das war etwa auch bei der Krim-Annexion so, da wurde man einfach vor Fakten gestellt. Fakt ist aber auch, dass viele Ausland-Russen und Russen in der Heimat auf Putin-Linie sind. Meine Eltern beispielsweise kommen aus der Ost-Ukraine, leben aber in Russland. Sie glauben beinahe alles, was im Staatsfernsehen gesagt wird. Mit ihnen zu diskutieren, hat wenig Sinn. Aber es gibt auch andere Stimmen. Ich habe Bekannte (Schweizer), die mich früher fragten, warum ich Putin gegenüber so kritisch eingestellt bin – und meinten, er sei doch ein toller Mann. Jetzt kommen sie und sagen, sie verstünden mich besser und sie hätten ihn falsch eingeschätzt. Jetzt sehen die Menschen, wie gefährlich es ist, wenn ein Diktator gleich um die Ecke wohnt.»

Katja Krämer (31 Jahre alt), Pflegefachfrau in Ausbildung, ist seit 2017 in der Schweiz und arbeitet ehrenamtlich beim Verlag «Russische Schweiz».

«Die Nachrichten und Bilder in den Medien machen traurig. Was ich mitbekomme ist, dass niemand weiss, was der Kreml vorhat. Diese Ungewissheit kann bei Menschen Angst auslösen, finde ich. Wir haben in unserem Verlag entschieden, nicht über die Politik zu schreiben. Einmal haben wir über russisch-ukrainische Beziehungen berichtet. Das Ergebnis: Wir haben fast die Hälfte unserer Leser verloren. Das war ein sehr trauriges Ergebnis und zeigt, dass die politischen Fragen Meinungen spalten. Aber ich glaube daran und stehe immer noch zur hohen Kunst der Diplomatie».

Marina Okhrimovskaya (59) lebte je zwei Jahrzehnte in der Ukraine und Russland und seit 2012 in der Schweiz. Sie arbeitet als freie Journalistin und für das Web-Portal «schwingen.net».

«Grundsätzlich führt Putins Weltansicht zur Aussage, dass die ukrainische Nation an sich gar nicht existiert. Er lügt. Ich bin in der Ukraine geboren. In mir fliesst ukrainisches Blut. In 43 Millionen Menschen fliesst ukrainisches Blut. Es ist ein Verbrechen, unsere Existenz zu ignorieren. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass Europa keinen Genozid zulassen wird. Das letzte Mal, als ich in Russland war, war im November 2017. Ich merkte, dass die meisten meiner Bekannten Putin nur offiziell unterstützten. Hinter geschlossenen Türen machten sie sich über ihn lustig und verfluchten ihn. In Russland wird schon seit langem viel Propaganda gegen Westeuropa und Amerika gemacht. Nun sieht man auch, dass ein Teil des Volks eine sehr aggressive Einstellung anderen gegenüber hat. Dies ist auch stark in den sozialen Medien zu sehen.»

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Dmitry Plekhanov (30), macht seinen PhD an der ETH im Bereich Digitale Transformation der Wirtschaft. Er stammt aus der Region Kurgan, nahe der Grenzen zur Kasachstan.

«Ich möchte mich bei den Ukrainern entschuldigen. Die meisten Russen teilen nicht die Ansichten von Putin und der restlichen Regierung. Das geht gegen alle Werte, für die viele der gewöhnlichen Russen stehen. Wir sind niemandem gegenüber feindselig, schon gar nicht der Ukraine gegenüber, die für uns wie eine Schwester ist. Statt Krieg zu führen, würden wir viel lieber über die grossen Probleme sprechen, die es in Russland gibt. Die Armut beispielsweise, oder das schlechte Gesundheitssystem. Aber solche Diskurse werden dort nicht geführt, die russische Regierung hat keine Vision für die Zukunft. Stattdessen wird alles Geld ins Militär gesteckt für einen Kampf, der niemandem nützt. Ich wünschte mir, wir hätten eine Regierung, die sich für die Meinungen der russischen Bevölkerung interessiert. Wo freie Wahlen möglich sind und Regime-Gegner nicht ins Gefängnis kommen oder umgebracht werden. Dann wäre vielleicht auch Russland ein Land, in dem offen über Probleme geredet werden kann und das nicht versucht, andere Länder zu unterdrücken, sondern die Vorteile des Miteinanders sieht.»

Marina Ivanova (52) arbeitet als Pädagogin für den Russischen Verein Zentralschweiz. Sie unterrichtet Kinder und Jugendliche und will ihnen humanitäre Werte mitgeben.

«Meine Mama kommt aus der Ukraine, mein Papa aus Russland. Diese Durchmischung des Blutes gibt es dort überall. Was mit dem Volk passiert, ist eine riesige Tragödie. Ich habe keine Ahnung von Politik und möchte nicht darüber spekulieren. Aber wenn ich sehe, wie es den Menschen geht, schmerzt mich das extrem. Ich stamme aus einer Region, die an die Ostukraine grenzt. 11’000 Ukrainer kommen derzeit pro Tag in meine Heimat. Sie haben nichts mitnehmen können, ausser ihre Dokumente. Die russische Bevölkerung gibt ihnen zu essen, stellt Wohnungen und Häuser zur Verfügung. Ich und Freunde von mir versuchen, von der Schweiz aus den Menschen dort zu helfen. Mit Geld, mit lieben Worten. Und Hoffnung, dass das Leid bald vorbei ist.

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