Felsstürze können 100 Meter hohe Flutwellen auslösen
Glaziologe warnt vor Alpen-Tsunami

Die Gletscherschmelze führt zum Entstehen von neuen Seen in den Alpen – die bröckelnden Berge machen sie zu Zeitbomben.
Publiziert: 27.08.2017 um 00:23 Uhr
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Aktualisiert: 12.09.2018 um 13:50 Uhr
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Felsstürze könnten bis zu 100 Meter hohe Flutwellen auslösen – wie in dieser fiktiven Illustration.
Florian Blumer

Es klingt nach einem Katastrophenfilm eines Schweizer Regisseurs, der zu viel Emmerich-Filme geschaut hat: eine 100 Meter hohe Flutwelle, die nach einem Felssturz über den Seerand schwappt und dann als gigantischer Murgang – um ein Vielfaches grösser als in Bondo GR – Brig VS in Schutt und Schlamm legt. Doch Wilfried Haeberli, emeritierter Glaziologe der Uni Zürich, sagt: «Es ist nicht die Frage, ob ein Ereignis wie dieses passiert. Die Frage ist, wann und wo.»

Haeberli leitete im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 61 ein Projekt, das seine Erkenntnisse bereits vor vier Jahren veröffentlichte. Die Forschergruppe berechnete, wo und wann durch das Abschmelzen der Gletscher in den Schweizer Alpen das Entstehen neuer Seen zu erwarten ist: Es sind in den nächsten Jahren und Jahrzehnten viele kleine und auch einige grosse, mit bis zu 100 Metern Tiefe.

Tödliche Gefahr

Sie haben Potenzial: als Energielieferanten und als touristische Highlights. Doch sie enthalten auch eine tödliche Gefahr: Bilden sie sich am Fuss von steilen Felswänden – wie zukünftig im Bereich des schwindenden Aletschgletschers oder des Unteren Grindelwaldgletschers –, dann kann ein Bergsturz einen regelrechten Tsunami verursachen. Haeberli: «Ein Zehntel des Seevolumens an Sturzmasse kann reichen, um einen See ganz zu entleeren.»

Die Warnung der Forscher stützt sich auf Modellrechnungen – doch die Gefahr ist real: In Peru verursachte 2010 der Sturz einer Fels-Eislawine in einen Gletschersee eine 30 Meter hohe Flutwelle. Der Murgang richtete grossen Schaden an, die Bewohner der betroffenen Gemeinde kamen mit dem Schrecken davon.

Schweiz hat die finanziellen Mittel und das Know-how

Haeberli betont: «Die Schweiz hat die finanziellen Mittel und das Know-how, um solche Katastrophen zu verhindern.» Aber: «Die Mühlen der Demokratie mahlen langsam, der Denkprozess muss jetzt einsetzen.» Im Falle von Brig könnte das bestehende Stauvolumen des Gibidumsees vergrössert werden, um Flutwellen aus Seen aufzufangen, die sich in den kommenden Jahrzehnten beim Rückzug des Aletschgletschers bilden werden. Das kostet viel Geld. Und der Stausee müsste entleert werden, wenn sich die Gefahr eines Bergsturzes abzeichnet: potenziell über Monate oder sogar Jahre, da sich grosse Sturzereignisse selten exakt vorhersagen lassen.

Die Behörden sind gefordert: Hochwasserschutz verlangt unpopuläre und teure Massnahmen – bei Gefahren, die vielleicht erst in 30, 40 Jahren akut werden.

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Katastrophenvorbeugung

In Grindelwald BE, hinsichtlich neuer Seen eine zweite Gefahrenzone neben Brig, hat man bereits reagiert. Für 15 Millionen Franken liess die Gemeinde einen Tunnel bauen, der den bereits entstandenen See am Unteren Grindelwaldgletscher entwässert. Haeberli sagt, das Gletscherdorf und der Kanton Bern seien vorbildlich, was die Katastrophenvorbeugung anbelangt. Doch mit Blick auf den – glimpflich abgelaufenen – Seeausbruch von 2008 meint er, dass man Glück gehabt habe und früher hätte reagieren können. Dazu ist es mit dem einen Tunnel langfristig nicht getan. Haeberli: «Es wird höher oben weitere Seen geben.»

«So tragisch der Felssturz von Bondo war, so hat er doch das Problem von zunehmend destabilisierten Felsflanken im Hochgebirge ins Bewusstsein von Öffentlichkeit und Politik gebracht», sagt Haeberli.

Bleibt zu hoffen, dass sich den Entscheidungsträgern in Brig, Grindelwald und anderen Berggemeinden die Bilder aus dem Bergell tief ins Gedächtnis gegraben haben.

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