Darum gehts
- Aluminiumphosphid-Vergiftung tötete Familie in Istanbul. Experte erklärt Gefahren
- Einsatz nur unter streng kontrollierten Bedingungen zugelassen, nicht im Wohnraum
- Europaweit kommt es etwa alle 20 bis 30 Jahre zu tödlichen Zwischenfällen
Der tragische Tod einer vierköpfigen Familie in Istanbul (Blick berichtete) hat weltweit für Betroffenheit und Schlagzeilen gesorgt. Mittlerweile scheint klar: Ursache war eine chemische Vergiftung durch ein Bettwanzen-Gift mit Aluminiumphosphid. Das Mittel ist hochaggressiv. Matthias Kienzerle (34) ist Geschäftsführer bei der Ecotox GmbH, seine landesweit tätige Firma ist spezialisiert auf die Schädlingsbekämpfung. Kienzerle betont die Gefährlichkeit des Stoffs.
«Aluminiumphosphid ist zwar auch in Europa zugelassen, aber nur für streng kontrollierte Bedingungen. In bewohnten Räumen darf es nicht eingesetzt werden», sagt Kienzerle. Die Einsatzmöglichkeiten seien deshalb sehr begrenzt, das Gefahrenpotenzial hoch.
Deshalb darf Aluminiumphosphid auch nur von Profis angewendet werden. «Aluminiumphosphid reagiert sofort, sobald Feuchtigkeit an das Präparat gelangt. Es entsteht Phosphin, ein Gas, das bereits in geringer Konzentration toxisch wirkt.» Seien Menschen oder Tiere in Reichweite, sei der Einsatz ausgeschlossen.
Grundlegende Sicherheitsregeln missachtet
Dass es in Istanbul zum tragischen Unglück kommen konnte, ist für den Experten mutmasslich auf eine Fehlanwendung des Gifts zurückzuführen. «So etwas passiert, wenn es an Ausbildung mangelt, Schutzausrüstung fehlt oder aber der Stoff an Orten eingesetzt wird, für die er nicht geeignet ist», erklärt Kienzerle. Hotels und Gästezimmer zählten dazu.
Wer Aluminiumphosphid dort einsetze, verletze grundlegende Sicherheitsregeln. Kienzerle sagt: «Unzureichende Abdichtung, falsche Dosierung und fehlende Freimessungen sind typische Fehlerquellen.»
Für Laien kaum erkennbar
Das Problem dabei: Man kann kaum erkennen, ob das Gift kürzlich im Hotelzimmer eingesetzt wurde. «Ein knoblauchartiger oder fischiger Geruch ist zwar möglich, aber unzuverlässig», so Kienzerle.
Zwar könnten auch Metallverfärbungen auf den Einsatz von Aluminiumphosphid hindeuten, die Zeichen seien «für Laien aber praktisch nicht erkennbar».
Aus diesem Grund darf das Gift in Europa auch nicht gegen Bettwanzen in Hotels oder Wohnungen eingesetzt werden.
Dieser tragische Fall wäre vermeidbar gewesen
Das heisst, dass die Tragödie in der Türkei vermeidbar gewesen wäre. «Ein professionelles Schädlingsbekämpfungsunternehmen würde Aluminiumphosphid niemals in bewohnten Räumen oder in Hotels einsetzen», sagt Kienzerle. Denn gegen eine Vergiftung mit Aluminiumphosphid gibt es kein Gegenmittel. «Es ist ein tragisches Ereignis. Professionelles Vorgehen hätte das Leben der vierköpfigen Familie gar nicht erst gefährdet», sagt der Schädlingsbekämpfungsexperte.
Entsprechend kommen in der Schweiz andere Mittel zum Einsatz, wenn Bettwanzen in bewohnten Räumen bekämpft werden müssen.
In der Praxis werden bei der Bettwanzenbekämpfung Hitze, Dampf und gezielte Insektizide, zum Beispiel Pyrethroide, eingesetzt. Hitze tötet alle Entwicklungsstadien von Schädlingen zuverlässig, Dampf wirkt punktgenau und chemiefrei in Ritzen und auf Möbeln, und Insektizide werden präzise dosiert auf die betroffenen Stellen gebracht, um maximale Wirkung bei minimaler Gefahr für Menschen und Umwelt zu erzielen.
Zur aktuellen Bettwanzenlage in der Schweiz sagt Kienzerle, es gebe stabile Fallzahlen ohne erkennbare Zunahme. Einzelne Einschleppungen nach Auslandsreisen seien normal.