Darum gehts
- Der Schweiz fehlen rund 42’000 Handwerker
- 2025 stiegen Unternehmensinsolvenzen um ein Fünftel, Insolvenzen im Handwerk um 38 Prozent
- Oliver Bauer (41) kritisiert Berufseinsteiger auf Linkedin wegen hoher Lohnforderungen
«Junge Handwerker – Ihr zerstört euch gerade selbst.» Mit diesen Worten meldet sich Oliver Bauer (41), Geschäftsführer der ProjektBauer GmbH, auf Linkedin zum Fachkräftemangel. Er konkretisiert: «Wer sich über Wert verkauft hat, fliegt zuerst. Wer nie Leistung zeigen musste, kann keine vorweisen. Der Markt vergisst nicht. Er merkt sich, wer investiert hat und wer nur kassieren wollte.»
Im Handwerk fehlt Personal – und genau das wollen junge, kaum erfahrene Bewerberinnen und Bewerber laut Bauer ausnutzen. Als Folge davon, so der Geschäftsführer, der Handwerks- und Industriebetriebe bei der Rekrutierung von Fachkräften unterstützt, seien sowohl Lohnvorstellungen als auch Zusatzforderungen spürbar gestiegen: «Gelernte Fachkräfte mit ein oder zwei Jahren Berufserfahrung verlangen teils astronomische Gehälter, ohne dabei mehr als das Minimum leisten zu wollen.»
Firmenkonkurse auf Rekordniveau
Auch ein bezahltes Handyabo, ein Geschäftswagen oder fast frei wählbare Arbeitszeiten seien oftmals Teil der Forderungen. Das Kalkül dahinter: «Der Betrieb ist verzweifelt, er wird schon zahlen.»
Fachkräfte im Gewerbe sind gefragter denn je: Der Schweiz fehlen aktuell rund 42’000 Handwerker. Während sie noch 1970 mit 25 Prozent die grösste Berufsgruppe bildeten, ist ihr Anteil heute auf etwa 10 Prozent gesunken. Gemäss aktuellen Angaben des Bundes hat die Zahl der Firmenkonkurse nach kontinuierlichem Anstieg im Jahr 2025 ein Rekordniveau erreicht. Im Handwerk nahmen sie dabei im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent zu.
Fachkräftemangel stärkt Nachwuchs
Seit zwei bis drei Jahren werde jungen Handwerkern zunehmend bewusst, wie ausgetrocknet der Arbeitsmarkt ist, erklärt Bauer. «Das prägt natürlich das Auftreten und die Erwartungen.» Unternehmen wiederum orientierten sich am Lohnrechner des Bundes. Die Lohnforderungen von Berufsanfängern lägen derzeit deutlich über diesen Richtwerten.
Der Berater präzisiert: «Selbstverständlich gibt es spezialisierte oder besonders produktive Betriebe, die solche Löhne wirtschaftlich tragen können.» Für viele durchschnittliche Handwerksunternehmen mit engen Margen sei das jedoch kaum darstellbar.
«Wenn Unternehmen die hohen Forderungen der Bewerber akzeptieren, senden sie aus meiner Sicht intern ein falsches Signal», erklärt Bauer. Der Lohn müsse ja auch gegenüber langjährigen Mitarbeitenden gerechtfertigt werden können. Betriebe bringe dies in eine schwierige Lage: «Geben sie nach, entsteht intern Unruhe. Geben sie nicht nach, riskieren sie, künftig noch weniger Nachwuchs zu finden.» Deshalb brauche es ausgewogene Lösungen. Zum Beispiel einen guten Einstiegslohn, der an klare Leistungsvereinbarungen geknüpft sei.
«Ich bin ausdrücklich nicht gegen hohe Löhne im Handwerk – im Gegenteil.» Aber, so Bauer weiter, hier gehe es um die Relation zwischen Erfahrung, Risiko und Wertschöpfung. «Unerfahrene Fachkräfte leisten selbstverständlich ihren Beitrag, sind aber naturgemäss noch in einer Entwicklungsphase, die betriebswirtschaftlich anders zu bewerten ist als bei langjährig erprobten Leistungsträgern.»
Würde die Erwartung eines hohen Gehalts nicht erfüllt, entstehe Frustration. «Wenn jemand mit einem sehr hohen Einstiegslohn beginnt und die erwartete Leistung nicht bringt, wird diese Person in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten die erste Person sein, die gehen muss.»
Für Bauer ist deshalb klar: «Lehrberufe werden immer noch zu wenig attraktiv dargestellt.» Betriebe müssten aus seiner Sicht mehr Ausbildungsplätze anbieten. Zudem strebten immer mehr junge Menschen ein Studium an. Der akademische Abschluss garantiere noch immer einen höheren Status als ein Handwerksberuf – und das sei falsch.
Ein Umdenken müsse früh beginnen, zu Hause wie auch in den Schulen.