Ärger wegen alter Tradition: Hier wird das Maitannli gefällt(00:56)

«Es ist einfach absurd»
Polizei-Posse um Tannenbäumli in Solothurner Kreisel

Es ist eine jahrhundertealte Tradition: In Selzach SO stellen junge Erwachsene «Maitannli» auf. Dieses Jahr hat die Polizei aber interveniert.
Publiziert: 06.05.2023 um 10:37 Uhr
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Aktualisiert: 08.05.2023 um 17:30 Uhr
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Stein des Anstosses: Die Kapo Solothurn liess dieses Maitannli entfernen.
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Michael SahliReporter News

Eine uralte Tradition sorgt in Selzach SO für zünftig Ärger. Jedes Jahr stellen die Jungen, nachdem sie volljährig geworden sind, in der Nacht auf den 1. Mai sogenannte «Maitannli» auf. Die unteren Äste werden dazu abgeschnitten und die Bäume im Dorf verteilt aufgerichtet. Überlieferungen zum Maitannli-Brauch datieren bereits aus dem 16. Jahrhundert. Dieses Jahr machte der Jugend aber eine Organisation aus dem 19. Jahrhundert einen Strich durch die Rechnung: die Kantonspolizei Solothurn.

Denn die Kapo sieht in den Bäumchen ein Risiko für den Strassenverkehr – und gab einen Fäll-Befehl aus. Maitannli-Organisatorin Chérine Amiet (18) ärgert sich: «Das ist so schade! Wir Jungen halten die alten Traditionen am Leben. Und dann werden uns solche Steine in den Weg gelegt.» Mit-Organisator Thilo Jäggi (19) fügt an: «Wir haben uns grosse Mühe gegeben. Haben uns mit der Gemeinde abgesprochen. Und wir haben alles selber bezahlt und organisiert.»

«Es ist einfach absurd»

Etwa 20 Junge machten bei der Tradition mit. Und haben dazu etwas mehr als ein Dutzend Bäumchen aufgestellt. Die meisten davon in Privatgärten, zwei stehen im Dorfzentrum von Selzach. Und zwei in Nachbargemeinden. Als Risiko für den Strassenverkehr wurde ein Tannli in der Nachbargemeinde Bellach SO taxiert, das die Jungen in einen Kreisel der Kantonsstrasse gesetzt haben.

Nur einen Tag stand das Bäumchen, dann klingelte bei Organisatorin Amiet das Telefon. «Jemand von der Gemeinde rief mich an. Und sagte, dass wir das Bäumchen auf Geheiss der Kantonspolizei innert Tagesfrist entfernen müssen.» Verständnis hat sie dafür nicht: «Jedes Jahr wird an genau dieser Stelle ein Tannli aufgestellt, seit langem und ohne, dass die Polizei irgendetwas beanstandet hätte.» Widerwillig griff die Dorfjugend also zur Axt, machte aus dem Bäumchen Kleinholz. Und wandte sich danach an den Blick: «Schon unsere Väter haben diese Tradition gepflegt – es ist einfach absurd.»

«Wir müssen unserem Brauchtum Sorge tragen»

Die Stimmung verderben lassen sich die Jungen nicht. Denn die anderen 12 Bäumchen sind offenbar kein Problem. Und übers Wochenende wird der Ärger in zwei Festzelten heruntergespült. Aber, so Thilo Jäggi: «Wir müssen unserem Brauchtum Sorge tragen. Sonst machen die Jungen einfach nicht mehr mit – dann heisst es wieder, wir interessieren uns nicht für Traditionen.»

Der zuständige Bauverwalter der Gemeinde Bellach sagt: «Ich verstehe die Enttäuschung der Jungen. Aber ich verstehe auch die Haltung der Kantonspolizei, die befürchtet, dass so ein Baum auf die Strasse kippen könnte.»

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Die Kapo Solothurn schreibt, man habe grundsätzlich keine Einwände gegen Traditionen. Aber: «Bei möglichen Unwettern oder starken Regenschauern bietet die erstellte seitliche Abstützung der «Maitanne» mittels Schwartenbrettern eine ungenügende Sicherung.»

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