Josef Jakob wird mit «Büsney»Aussage sogar zum Meme
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Nach Film von Hanspeter Bäni:Josef Jakob wird mit «Büsney»Aussage zum Meme

Dokumentarfilmer Hanspeter Bäni packt in Buch aus
Die Story hinter seinen Storys

Seine SRF-Dokumentarfilme sind Schweizer Kulturgut. In einem Buch erzählt Bäni, wer ihn beschimpfte – und wie er mit einem Fluch belegt wurde.
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Hanspeter Bäni arbeitete ab dem Jahr 2000 für das SRF und drehte unzählige Reportagen. Ende 2022 wurde er pensioniert.
Foto: Hanspeter Bäni

Darum gehts

  • Hanspeter Bäni schuf populäre und kontroverse SRF-Dokumentarfilme
  • Die Gewalterfahrung in der Kindheit prägte seine Reporterarbeit nachhaltig
  • Bäni dokumentierte unter anderem den Fall Carlos
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Marco LüssiBlattmacher

Er begleitete eine Bernerin, die in Afrika einen Prinzen heiratete, und einen Betrüger, der immer wieder rückfällig wurde. Er dokumentierte den beschwerlichen Alltag einer Bergbauernfamilie. Und er drehte den Film, der den Skandal um Brian Keller (30), damals «Carlos» genannt, auslöste: Von Hanspeter Bäni (69) stammen viele der populärsten, aber auch umstrittensten Dokumentarfilme, die SRF je gezeigt hat. 

So unterschiedlich diese Werke sind, eines haben sie gemeinsam: Hier öffnen sich Menschen einem Reporter, der zugleich einfühlsam ist und es doch nie unterlässt, jene kritischen Fragen zu stellen, die sich aufdrängen. Vier Jahre nach seiner Pensionierung erzählt der mit zahlreichen Medienpreisen ausgezeichnete Bäni in einem Buch, wie seine Filme entstanden sind – und wie nicht nur seine Arbeit sein Leben geprägt hat, sondern auch sein Leben seine Arbeit. 

Vom Vater geschlagen

Dass er immer wieder über Kinder und Jugendliche in schwierigen Verhältnissen drehte, erklärt sich laut Bäni mit seinen eigenen Erfahrungen. Sein Vater schlug ihn. Seine Mutter war alkoholkrank. Als 18-Jähriger wehrte er sich zum ersten Mal mit Gewalt, als der Vater ihn tätlich angriff. Bäni nennt es in seinem Buch einen «Befreiungsschlag». Nach dem Vorfall musste er aus dem Elternhaus ausziehen – und zog bald durch die Welt: Vier Jahre verbrachte er in Lateinamerika und kam dort mit indigenen Völkern in Kontakt.

Diese Begegnungen trugen dazu bei, dass Bäni zur Erkenntnis kam, es müsse zwischen Himmel und Erde mehr geben, «als es die Vernunft im Sinne der Aufklärung zulässt». Dies habe ihm etwa ein Erlebnis in Ecuador gezeigt, wo er bei einer gescheiterten Expedition in den Urwald von einem Schamanen verflucht worden war. Nach der Rückkehr in die Schweiz habe ihn jede Nacht das Grauen gepackt: «Gnomen packten mich an den Armen und schüttelten mich.» Das Bett habe gewackelt, die Matratze vibriert. «Das war mehr als nur Einbildung. Es war echt», schreibt Bäni. Erst der Besuch bei einer schamanistischen Heilpraktikerin habe den Spuk beenden können. 

«Ich glaube, die Not der Menschen zu verstehen»

Lange hätten die negativen Erfahrungen seiner Kindheit an ihm genagt, gesteht Bäni in seinem Buch. Doch Schritt für Schritt habe er gelernt, seine Vergangenheit zu akzeptieren, ohne sich von ihr beherrschen zu lassen. Es sei gut möglich, dass er ohne seine schmerzhaften Erinnerungen weniger empathisch wäre: «Wenn Menschen mir von ihrer Not erzählen, glaube ich zu verstehen, wovon sie sprechen.» Er habe Ähnliches auf seine eigene Weise erlebt. 

Auch die Anziehungskraft, die Verbrecher auf ihn ausübten, die er immer wieder porträtiert hat, erklärt Bäni mit Erfahrungen aus seiner Familie: Ein Onkel war Bankräuber, ein anderer Verwandter wurde als Brandstifter verurteilt und ist heute verwahrt. Auf der SRF-Redaktion habe man ihm gelegentlich vorgeworfen, er gebe Kriminellen unnötig eine Plattform, erinnert sich Bäni. Darauf entgegnet er: «Als Filmemacher sehe ich einen Sinn darin, die unmoralischen Züge des Menschen zu zeigen.» Dies ermögliche es, über die eigenen Wertvorstellungen nachzudenken und diese zu hinterfragen. Hinterfragt hat Bäni immer auch sich und seine Arbeit – trotz seines grossen Erfolgs. Vielleicht war es genau diese Haltung, die ihn so erfolgreich machte. 


Hanspeter Bäni: Der Reporter – Geschichten jenseits der Dreharbeiten, Aris Verlag, 209 Seiten 

Mit diesen Filmen bewegte Bäni die Schweiz

Die «Weisse Königin»

Prinz Marcelin mit Katharina Hänni.
Foto: SRF

Katharina Hänni, Sozialhilfebezügerin aus Moosseedorf BE, lernt im Internet den afrikanischen Prinzen Marcelin kennen – und zieht zu ihm nach Kamerun. Beim TV-Publikum stiess diese fantastische, aber wahre Geschichte auf grossen Anklang. Hänni bringt ein Kind des Prinzen zur Welt. Doch das Leben ist schwierig: Prinz Marcelin ist arm, Hännis Mutter muss das Paar finanziell unterstützen. Im Alkoholrausch droht Marcelin Reporter Bäni einmal, ihm mit seiner Machete den Schädel zu spalten, wenn er ihm nicht Geld gebe. Katharina Hänni stirbt in Kamerun im Alter von nur 52 Jahren. Ihr Sohn lebt heute in der Schweiz. 

Begegnung mit Polo Hofer

Hanspeter Bäni (l.) und Polo Hofer.
Foto: Hanspeter Bäni

Hanspeter Bäni dokumentiert 2014, wie der damals knapp 70-jährige Mundartrocker Polo Hofer an seinem letzten Album arbeitet. Es sei eine seiner «ergreifendsten und zugleich tragischsten Begegnungen mit einem Schweizer Star» gewesen, schreibt Bäni. Am frühen Nachmittag sei Hofer jeweils mürrisch aufgestanden. «Je mehr Wein er trank und je häufiger er zwischendurch einen Joint rauchte, desto mehr kam er in Höchstform.» Hofer, so Bäni, habe gewusst, dass ihn seine Sucht verschlingen werde. Drei Jahre später ist Polo Hofer tot. 

Josef Jakob wird mit «Büsney»Aussage sogar zum Meme
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Nach Film von Hanspeter Bäni:Josef Jakob wird mit «Büsney»Aussage zum Meme

Der Betrüger

Betrüger Josef Jakob.
Foto: Screenshot SRF

Den notorischen Betrüger Josef Jakob lernt Hanspeter Bäni kennen, als er in einer Strafanstalt dreht. Danach filmt er, wie Jakob nach seiner Freilassung versucht, sich wieder in der Gesellschaft zu integrieren – und rückfällig wird. Obwohl SRF keinen weiteren Film über Jakob wollte, begleitete Bäni ihn heimlich weiter. Als Jakob an unheilbarem Krebs leidet, ist der Reporter der Einzige, der ihn noch besucht. Josef Jakob lebt als Internet-Meme weiter, was er unter anderem seiner unkonventionellen Aussprache des Worts «Business» verdankt. 

Zu Josef Jakob gibt es sogar Fanartikel.
Foto: ZVG

Die Urner Bergbauernfamilie

Bergbauer Sepp Epp mit seinen Kindern.
Foto: SRF

Hanspeter Bäni trifft den Urner Bergbauern Sepp Epp zufällig auf einer Wanderung im Maderanertal und fragt ihn spontan, ob er den Alltag seiner Familie dokumentieren dürfe. Zwei Jahrzehnte lang tut Bäni dies und hält mit seiner Kamera manches Drama fest: Epps Gesundheit verschlechtert sich, bis er nicht mehr arbeiten kann und Kühe verkaufen muss. Zugleich suchen seine Kinder ihren eigenen Weg – und streiten sich, wer den Hof übernehmen darf. 

Walter Roderers letzte Tage

Walter Roderer im Jahr 2011 – wenige Monate vor seinem Tod.
Foto: Screenshot SRF

Der Schauspieler Walter Roderer (1920–2012) ist 90 Jahre alt, als Hanspeter Bäni ihn 2011 für einen Dokumentarfilm begleitet. Schnell zeigt sich: Der Senior ist einsam – seine 60 Jahre jüngere Grossnichte, die Roderer geheiratet hat, besucht ihn kaum. Bei den Dreharbeiten kommt es zum Konflikt: Roderer will seine junge Ehefrau in ein Luxushotel in Venedig einladen – und fordert, dass das SRF die Kosten übernimmt. Als Bäni ablehnt, beginnt der Altstar, ihn übel zu beleidigen. Bäni bricht das Projekt ab. Erst nach Roderers Tod werden die Aufnahmen ausgestrahlt. 

Straftäter Carlos

Brian Keller, damals «Carlos» genannt, beim Boxtraining.
Foto: Screenshot SRF

Im Film von 2013 soll es eigentlich um Jugendanwalt Hansueli Gürber (1951–2022) gehen. Nach der Ausstrahlung kristallisiert sich jedoch eine andere Hauptfigur heraus: Brian Keller, dem Bäni im Film das Pseudonym «Carlos» verpasst hat. Dass Gürber für den jugendlichen Straftäter ein «Sondersetting» mit eigener Wohnung, Haushälterin und Kickbox-Training organisiert hat, das monatlich 30’000 Franken kostet, löst in den Medien einen riesigen Aufschrei aus. Bäni schreibt in seinem Buch, er bereue nicht, den Film gemacht zu haben. Er hätte aber erwähnen müssen, dass das «Sondersetting» günstiger war als ein Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie.

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