Dankesfeier Guido A. Zäch (1935–2026)
Chancen statt Tränen

In Nottwil erweisen Hunderte Guido A. Zäch die letzte Ehre. Der Gründer des Paraplegikerzentrums veränderte nicht nur die Medizin, sondern auch den Blick auf Menschen mit Behinderung – weit über die Schweiz hinaus.
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Eine Dankes-, keine Trauerfeier: Hunderte Gäste erweisen Guido A. Zäch in der Aula des Paraplegiker-Zentrums Nottwil die letzte Ehre.
Foto: STEFAN BOHRER

Flach liegt der Sempachersee da. Die Sonne taucht die Zentralschweizer Alpen in warmes Licht. Ihre Strahlen spiegeln sich in den Fenstern des Paraplegikerzentrums von Nottwil LU. In jenem Werk, das Guido A. Zäch (1935–2026) hinterlässt.

Drinnen in der Aula ist kein Platz frei. Hunderte Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer sind an diesem Samstagvormittag gekommen, um Zäch die letzte Ehre zu erweisen. Dazu seine Familie, Weggefährten und Politiker.

Sie danken einem Pionier und Visionär. Vor über fünfzig Jahren setzte sich Zäch das Ziel, Querschnittgelähmten ein besseres Leben zu ermöglichen. Ihnen Chancen statt Tränen geben wollte.

Am 16. Februar starb er im Alter von 90 Jahren. Sein Ziel hatte er erreicht.

Andächtige Musik erklingt. Blumengestecke schmücken die Bühne. Auf der Leinwand erscheinen Fotos: Zäch als Arzt, als Kind, als Familienmensch, als Oberst, als Nationalrat. Die letzten zeigen ihn im Rollstuhl, als gebrechlichen Mann, der dennoch Wärme ausstrahlte.

Niemand könne «in die grossen Fussstapfen von Guido A. Zäch treten», sagt der Rollstuhlsportler und mehrfache Paralympicssieger Heinz Frei (68). Er beginnt zu weinen, als er erzählt, wie Zäch ihm nach seinem Unfall im Alter von 20 Jahren Mut zugesprochen habe. «Er sagte: ‹Das, was zwischen den Ohren ist, ist nicht betroffen von der Lähmung.›»

Weit über die Schweiz hinaus

Eigens aus München angereist ist der deutsche Schauspieler Samuel Koch (38), der seit seinem Unfall in der TV-Sendung «Wetten, dass..?» querschnittgelähmt ist. Er betont den internationalen Rang von Zächs Schaffen: «Es geht weit über die Schweizer Grenzen hinaus, sein Werk sucht international seinesgleichen.»

Unvergessen sei ihm ein Satz: «Er sagte zu mir: Samuel, es ist deine verdammte Pflicht, jetzt in Deutschland auch für die Rechte der Rollstuhlfahrer zu kämpfen.»

Früher seien querschnittgelähmte Menschen «als Krüppel bezeichnet und in Pflegeheime abgeschoben» worden, sagt Heidi Hanselmann (64), Präsidentin des Stiftungsrats der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Zäch habe «diese Art von Denken 180 Grad gedreht». Das sei «eine unglaubliche Revolution, die dieser Mensch umsetzen konnte».

Diese Einschätzung teilt Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren. «Die Schweiz hat einen Visionär verloren, aber wir behalten seine Vision einer modernen und inklusiven Paraplegie», sagt er. «Es ist mir in guter Erinnerung, wie er sich regelmässig bis ins hohe Alter auf die Knie begab, um mit Personen im Rollstuhl auf Augenhöhe reden zu können.»

Für alt bundesrat Samuel Schmid (79) war Zäch vor allem eines: «ein Schaffer». Zäch habe «für viele Leute das Leben wieder lebenswert gemacht». Schmid verschweigt nicht, dass «ab und zu mal etwas nicht so gut war, das gehört auch dazu». Entscheidend sei das Gesamtbild: «Was er gemacht hat, bleibt.»

Es sei unermesslich wertvoll, was Zäch geleistet habe, sagt die Luzerner Mitte-Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger (61). Persönlichkeiten wie er hätten es in der Schweiz nicht immer leicht. Das löse «manchmal Kritik aus, manchmal geht das auch in Richtung Neid».

Grab bei einer Kapelle in Nottwil

Nach der Feier reden die Anwesenden bei Aufschnitt, Birnbrot, Risotto mit Gulasch und Streuselkuchen weiter über den Verstorbenen.

Wer ein paar hundert Meter westwärts geht, gelangt zur Kapelle St. Margrethen. Zeitlebens liess Zäch die Kirche renovieren. Nun liegt dort sein frisches Grab mit einem schlichten Holzkreuz und vielen Kränzen.

Der Ostschweizer ruht dort, wo sein Vermächtnis ist: in Nottwil.

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