Paketbote packt aus: So dreist werden die Post-Mitarbeiter ausgenutzt(02:08)

Alles noch viel schlimmer! Wer langsamer ist als der Kollege, wird abgestraft
Post presst Pöstler aus

Bei der Abendzustellung will die Post den flexiblen Arbeitsbeginn einführen – Mitarbeiter befürchten Minusstunden und eine kaum planbare Freizeit. Nun zeigt sich: Auch bei den Paketboten werden bereits systematisch Stunden von der effektiven Arbeitszeit gekürzt.
Publiziert: 10.04.2019 um 00:09 Uhr
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Aktualisiert: 10.04.2019 um 11:00 Uhr
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Konrad F.* ist Paketbote bei der Distributionsbasis Hinwil ZH. Der gelbe Riese klaue den Paketboten seit September 2018 systematisch Arbeitsstunden und treibe sie im grossen Stil in die Minusstunden, sagt er.
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Flavio Paolo RazzinoNachrichtenchef

Konrad F.* ist Paketbote bei der Distributionsbasis Hinwil ZH – und hat langsam genug. Nach den jüngsten BLICK-Enthüllungen über die Einführung des flexiblen Arbeitsbeginns bei der Abendzustellung berichtet der Pöstler auch von einer Ausbeutung bei Paketboten. So klaut der gelbe Riese seinen Angestellten seit September 2018 systematisch Arbeitsstunden – und treibe sie im grossen Stil in die Minusstunden.

«Was wir Postboten erleben, ist pure Ausbeutung», sagt F. – und führt aus: «Begonnen hat es vergangenen September mit der Einführung des Systems ‹mytime›.» F. dazu: «Damit wird unsere effektive Arbeitszeit registriert. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie auch gutgeschrieben wird.» Denn: Wie viele der geleisteten Stunden am Ende wirklich verbucht werden, entscheidet nämlich das computergesteuerte System selber. In dem es Durchschnittswerte aller Paketboten pro Tour ausrechnet – und diese dann für einzelne Mitarbeiter quasi zum Gesetz werden.

Wer länger braucht pro Tour, muss Stunden schenken

Ein Beispiel: Brauchen Pöstler auf einer Tour montags für 240 Pakete durchschnittlich 7 Stunden, nimmt das System diese Zeit für die Berechnung einer Durchschnittszeit auf. Erbt nun ein weiterer Pöstler die Tour, muss er unter Leistungsdruck die gleiche Zeit schaffen.

Benötigt er aber 8 Stunden, ist das sein persönliches Problem. Gutgeschrieben werden nur die 7 Stunden von den Vorgängern. Die übriggebliebene Stunde muss B. der Post schenken. Quasi zur Strafe, weil er zu langsam war. Ist er indes schneller, kommen seine Teamkollegen unter Druck, denn die Durchschnittszeit sinkt so für den kommenden Montag für diese Tour. 

Für F. ein Skandal: «Das Nachsehen haben am Ende alle Pöstler – die älteren oder nicht topfiten Mitarbeiter, weil sie unter enormen Leistungsdruck geraten. Und die schnellen Pöstler, weil sie damit ihrem Team schaden.» Alle Postboten stünden seither miteinander in Konkurrenz, die teils kiloschweren Postpakete schnellstmöglich zum Kunden zu bringen. Frauen treten gegen Männer an, Alte gegen Junge, Ortskundige gegen solche, die eine Tour nur selten machen.

Nur die Post gewinnt

Und wie schon beim flexiblen Arbeitsbeginn gewinnt auch bei «mytime» am Ende nur die Post. Denn der Druck auf die Mitarbeiter führt dazu, dass sie immer schneller arbeiten müssen. Die errechnete Durchschnittszeit pro Tour kann so unter die 8 Stunden und 24 Minuten sinken, welche Mitarbeiter gemäss Gesamtarbeitsvertrag (GAV) pro Tag zu leisten haben.

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Die Folge: Schafft ein Mitarbeiter die Tour in der vorgegebenen Durchschnittszeit, macht er dann trotzdem Minusstunden. Schafft er es nicht, muss er der Post die Mehrzeit schenken – und kassiert selbst das Minus. Der Hinwiler Pöstler F. hat so schon über 40 Minusstunden angehäuft, obwohl er weit mehr gearbeitet hat als im GAV vereinbart.

Bei älteren Mitarbeitern nimmt es die Post dann ganz genau

Besonders arm dran sind die älteren Mitarbeiter. Das sagt auch Mario P.*, der im Raum Basel als Paketbote angestellt ist. Er ist 62 Jahre alt und muss die gleiche Leistung erbringen wie ein junger Pöstler: «Ich habe seit Einführung des neuen Systems darum Hunderte Stunden gratis gearbeitet, weil es für mich extrem schwer ist, die Vorgaben des Systems zu erfüllen.»

Zwar gewährt die Post bei älteren Mitarbeitern etwas mehr Zeit pro Tour – aber nur, wenn sie über 55 Jahre alt und seit 25 Jahren bei der Post angestellt sind. Mit 62 erfüllt P. zwar Punkt eins – er ist aber erst 23 Jahre bei der Post. Nicht lange genug. Ergo: Den Zuschlag bekommt er nicht.

Allein im Monat Oktober 2018 hat P. der Post so elf geleistete Arbeitsstunden schenken müssen – Ende Monat wurden ihm dann sogar noch drei Minusstunden verrechnet. 

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Syndicom fordert Gutschriften

Die Syndicom kennt das Problem, wie Zentralsekretär David Roth bestätigt. «Das neue System hat bei der Transparenz zwar Fortschritte gemacht, doch bei der Berechnung der Soll-Zeiten gibt es systematische Probleme, die für Mitarbeiter grosse Nachteile bringen», so Roth. Syndicom werde darum von der Post fordern, Änderungen am System vorzunehmen. «Wir werden uns zudem dafür einsetzen, dass die Stunden rückwirkend gutgeschrieben werden.»

Die Post verteidigt «mytime». «Im liberalisierten Paketmarkt ist es der Post ein wichtiges Anliegen, dass dieses System sowohl fair als auch wirtschaftlich ist. Wir sind der Ansicht, dass ‹mytime› beide Voraussetzungen erfüllt», so Mediensprecher François Furer. Man sehe aber auch Verbesserungspotenzial: «Die Post hat mit den Gewerkschaften bereits am 18. März vereinbart, dass eine Justierung von ‹mytime› zu Gunsten der Mitarbeitenden erfolgen wird», so Furer. Auch die Post wisse, dass «nur ein faires System täglich Höchstleistungen zulässt».

* Namen der Redaktion bekannt 

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