Wachsende Kritik am Lockdown: Die «Einig-Genossenschaft» zerfällt(04:31)

Wachsende Kritik am Bundesratskurs in der Corona-Krise
Die «Einig-Genossenschaft» zerfällt

Die Schweizer haben viel Vertrauen in den Bundesrat, doch die Zahl der Kritiker am Lockdown wächst. Diesen Leuten kommt die Regierung entgegen, doch anderen geht das zu schnell. Das belegt eine GfS-Umfrage von BLICK, «Le Temps» und «Corriere del Ticino».
Publiziert: 01.05.2020 um 23:19 Uhr
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Aktualisiert: 02.05.2020 um 19:30 Uhr
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Lob für den Bundesrat (im Bild Guy Parmelin, Simonetta Sommaruga und Alain Berset): Knapp 80 Prozent vertrauen der Landesregierung. Das zeigt eine Umfrage von GfS Bern für den BLICK.
Gianna Blum, Sermîn Faki

Es war am 31. März. Genau zwei Wochen, nachdem der Bundesrat die Schweiz in den Corona-Schlaf versetzt hatte, da brach ein erstes Stück der Einigkeit weg, mit der sich das ganze Land hinter seine Regierung gestellt hatte: Die SVP schwächte mit ihrer Forderung nach einer schnellen Rückkehr zu Normalität das Vertrauen in den Bundesrat. Dann wagten sich nach und nach auch die anderen Parteien mit Kritik an der Landesregierung aus dem Busch.

Nur 15 Prozent leiden unter der Einsamkeit

Einig ist sich dagegen die Bevölkerung. Die grosse Corona-Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut GfS Bern gemeinsam mit BLICK, der Westschweizer Zeitung «Le Temps» und dem «Corriere del Ticino» durchgeführt hat, gibt Aufschluss darüber, dass der Rückhalt des Bundesrats nach wie vor sehr gross ist. Mindestens drei Viertel der Befragten vertrauen dem Krisenmanagement der Regierung und des Bundesamts für Gesundheit (BAG) «voll und ganz» oder «eher».

Ähnlich autoritätsgläubig zeigen sich die Befragten, wenn es um die Vorgaben des BAG geht – also Händewaschen, Abstand halten, zu Hause bleiben. Über 80 Prozent halten sich daran. Zwar fehlt 79 Prozent der Befragten der Kontakt zu Freunden und Kollegen. Doch nur 15 Prozent empfinden die Einsamkeit als belastend.

Lockerungskurs ist umstritten

Kritischer fällt das Urteil aus, wenn es um die ergriffenen Massnahmen geht, die die Ausbreitung des Virus stoppen sollten, aber auch die Wirtschaft lahmlegten: Die Schliessung der Schulen, um die in letzter Zeit eine grossen Debatte entstand – wird von drei Vierteln der Befragten für richtig empfunden. Auch die abgesagten Sportanlässe haben nur 36 Prozent vermisst. Doch fast die Hälfte der Befragten findet, dass der Wirtschaft zu stark geschadet wurde.

Auch der Öffnungskurs der Regierung stösst auf Kritik: Fast ein Drittel der Befragten empfindet es beispielsweise als willkürlich, dass viele Läden später öffnen dürfen als Coiffeure und Nagelstudios. Fast 40 Prozent forderten zudem eine schnellere Öffnung der Restaurants, wie sie der Bundesrat nun auch vorsieht. Die Umfrage lief vom 22. bis zum 28. April, sie endete also einen Tag vor dem Entscheid der Landesregierung, Beizen am 11. Mai zu öffnen. Breite Kreise dürften die neuesten Lockerungen also freuen.

Bundesrat in der Zange

Ist der Bundesrat alles in allem auf einem guten Kurs? Bis jetzt hat er im Urteil der Bevölkerung vieles richtig gemacht, sagt Lukas Golder, Co-Chef von Gfs Bern. «Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen. Die Umfrage zeigt, dass an vielen Orten Kritik aufgepoppt ist.»

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Der Zusammenhalt, der angesichts der rasanten Ausbreitung des Virus aus der Eidgenossenschaft eine «Einig-Genossenschaft» machte, bricht langsam auseinander – desto mehr, je weniger Neuansteckungen es gab. Das zeigt sich laut Golder daran, dass 15 Prozent der Bevölkerung fundamental gegen den Kurs des Bundesrats sind. «Es war sicher richtig, dass der Bundesrat diesen 15 Prozent Kritikern entgegengekommen ist», sagt er mit Blick auf die Gastro-Öffnung. «Sonst, fürchte ich, wäre diese Gruppe schnell gewachsen.»

Niemand erwartet ein schnelles Ende

Auf der anderen Seite sind aber auch 32 Prozent der Bevölkerung besonders besorgt wegen des Virus'. 40 Prozent etwa wollten keine schnellere Beizen-Öffnung. Auch diese Gruppe sei nicht zu unterschätzen, sagt Golder. Insbesondere, wenn es zu einer zweiten Welle kommen sollte. «Der Bundesrat steckt in der Zange zwischen Fürsorglichen und Kritikern. Er muss eine weitere Polarisierung vermeiden, sonst wird er zerdrückt.»

Immerhin: Die Bevölkerung hat sich darauf eingestellt, dass die Krise noch länger dauern wird. So gehen 73 Prozent davon aus, dass das öffentliche Leben in den kommenden zwölf Monaten eingeschränkt bleibt. Mehr als die Hälfte glaubt nicht, dass Auslandreisen dieses Jahr noch möglich sind. Und nur ein Viertel geht davon aus, dass sich die Wirtschaft schnell wieder erholen wird.

Die detaillierten Ergebnisse der Umfrage finden Sie hier.

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