Traumatisiert durch Behandlung von IV-Gutachtern
«Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck»

Lehrerin Denise K.* (58) hat ihren Besuch bei einem IV-Begutachtungsinstitut als «unglaublich entwürdigend» erlebt. Bei der Meldestelle zu den IV-Gutachten werden immer wieder die gleichen Ärzte und Institute kritisiert. Der Bund sieht dennoch keinen Handlungsbedarf.
Publiziert: 02.01.2022 um 13:22 Uhr
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Aktualisiert: 03.01.2022 um 06:18 Uhr
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Lehrerin Denise K. (58): Was sie bei einem IV-Begutachtungsinstitut in Basel erlebte, beschäftigt sie bis heute.
Thomas Schlittler

Ein Leben ohne Schmerzen ist Denise K.* (58) fremd: Neurodermitis, Schilddrüsendefekt, Knie- und Rückenprobleme. Für die Lehrerin besonders belastend sind zudem die starken Lungenprobleme, die sie auch schon ins Spital gebracht haben. «In der Schule kann ich Erkältungsviren, die Lungeninfekte auslösen, kaum aus dem Weg gehen.»

Aufgrund ihrer Beschwerden wurde K. jahrelang mit einer halben IV-Rente unterstützt. Mit den 900 Franken pro Monat bezahlte sie ungedeckte Gesundheitskosten, zum Beispiel die Osteopathie. Vor fünf Jahren schlugen ihr die ständigen Gesundheitsprobleme aber auf die Psyche. Sie konnte nicht mehr, Burn-out.

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IV stellte infrage, ob Rente gerechtfertigt ist

Doch K. kämpft sich zurück. Schritt für Schritt schraubt sie ihr Arbeitspensum wieder hoch. Nach ein paar Monaten stellt der Arzt der Taggeldversicherung schliesslich fest, dass sie wieder «vollumfänglich» einsatzfähig sei. Eine folgenschwere Formulierung: «Die Einschätzung bezog sich zwar nur auf mein 50-Prozent-Pensum, führte aber dazu, dass die IV ganz grundsätzlich infrage stellte, ob meine Rente gerechtfertigt ist.»

Die Zürcher Behörden schicken K. zu einem IV-Begutachtungsinstitut nach Basel. Was sie dort erlebt, beschäftigt sie bis heute: «Die Gutachter behandelten mich zwischen gleichgültig und aggressiv. Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck. Es war unglaublich entwürdigend.»

Der Psychiater schaut K. kaum an, will aber von ihr wissen, ob sie mit ihrem Mann das Schlafzimmer teile. Sie bejaht und liest später im Bericht, dass sie noch immer gerne mit ihrem Mann schlafe. «Das wurde als Zeichen gedeutet, dass es mir nicht so schlimm gehen könne.»

«Angst vor Schmerzen sind keine Schmerzen»

Die schrecklichste Erinnerung hat K. an den Arzt, der ihre Rückenprobleme untersuchen soll. Er habe von ihr verlangt, mit geradem Rücken auf eine Liege zu sitzen und die Beine im rechten Winkel zu halten. «Als ich das nicht konnte, hat er einfach gedrückt und gefragt: ‹Tut das weh?›» Sie sagte ihm, dass er das lassen solle, weil sie befürchte, einmal mehr einen Hexenschuss zu bekommen. Seine Antwort: «Angst vor Schmerzen sind keine Schmerzen.»

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In der Schweiz gibt es Jahr für Jahr Hunderte Menschen, welche die Behandlung durch IV-Gutachter als unprofessionell oder gar traumatisierend erleben. Inclusion Handicap, Dachverband der Behindertenorganisationen, hat deshalb Anfang 2020 eine Meldestelle eingerichtet, bei der Versicherte ihre Erlebnisse deponieren können. Bis Ende Oktober 2021 meldeten sich 613 Betroffene.

Beschwerden immer über die gleichen Gutachter

Inclusion Handicap hat diese Meldungen nun detailliert ausgewertet und festgestellt, dass sie sich oft auf die gleichen Gutachter beziehen. Im Bericht heisst es: «Die Ergebnisse geben deutliche Hinweise darauf, dass die genannten Gutachterinstitute und Begutachtenden grundlegende und für eine Begutachtung essenzielle Rahmenbedingungen missachtet haben.»

Viele Versicherte berichteten von einem schlechten Gesprächsklima, von Desinteresse und von Mängeln beim Gesprächsablauf. «Zudem ist die Mehrheit der Betroffenen der Ansicht, dass der Inhalt des Gutachtens nicht dem Inhalt des Gesprächs entspricht.» Inclusion Handicap fordert die IV-Verantwortlichen deshalb dazu auf, die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Gutachtern zu überprüfen.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) will von diesen Forderungen jedoch nichts wissen. «Das aussagekräftigste Kriterium, um die Qualität eines Gutachtens zu beurteilen, ist sein Bestand vor Gericht», hält ein Sprecher fest. Nur eine fundierte Dossierprüfung erlaube es, im Einzelfall die Qualität einer Begutachtung zu beurteilen und allfällige Rückschlüsse auf den Gutachter zu ziehen.

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Gutachten kann man kaum noch umstossen

Des Weiteren betont die Behörde, die Gesundheitsminister Alain Berset (49) unterstellt ist, dass per 1. Januar 2022 wichtige Massnahmen in Kraft getreten seien, welche die Qualität der Gutachten fördern sollen. So etwa die Verpflichtung zu Tonaufnahmen, öffentliche Listen mit Angaben zu den Gutachterinnen und zu den Resultaten ihrer Gutachten, eine unabhängige Kommission zur Förderung und Überwachung der Qualität der Gutachten, das Zufallsprinzip auch für bidisziplinäre Begutachtungen sowie das Einigungsverfahren bei monodisziplinären Gutachten.

Petra Kern, Leiterin der Abteilung Sozialversicherungen bei Inclusion Handicap, begrüsst diese Änderungen. Sie sieht aber eklatante Schwächen: «Den Betroffenen nützt es herzlich wenig, wenn sie im Zufallsprinzip an unseriöse Gutachter geraten.» Sie kritisiert zudem, dass sich die Versicherten bei monodisziplinären Gutachten auch mit dem neuen System proaktiv gegen fragwürdige Gutachter wehren müssen, bevor es zu einem Einigungsverfahren kommt. «Ist ein Gutachten erst einmal erstellt, ist es kaum mehr möglich, dieses umzustossen. Dafür fehlt vielen die Kraft und das Geld.»

Denise K. kommen die Tränen, als sie SonntagsBlick von ihren Erfahrungen mit den IV-Gutachtern erzählt. Da einzig der Lungenarzt eine Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent feststellte, wurde die Rente komplett gestrichen. Ihre Beschwerde gegen das Begutachtungsinstitut hat die IV-Stelle abgelehnt. «Danach habe ich aufgegeben. Ein Gegengutachten und den Gang vor Gericht konnte ich mir nicht leisten – weder finanziell noch kräftemässig.»

Ein Arbeitspensum von mehr als 50 Prozent schafft K. nach wie vor nicht. Weil sie als Lehrerin einen anständigen Lohn hat und ihr Mann voll verdient, kommt sie aber relativ gut über die Runden. «Andere, die von der IV aussortiert werden, haben dieses Glück nicht.»

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Gravierend findet K. zudem, dass sich die verschiedenen Gutachter jeweils nur auf ihren Fachbereich fokussieren. «Das ist eine völlig falsche Herangehensweise. Denn wie es einem Menschen geht, lässt sich nur mit einer ganzheitlichen Betrachtung herausfinden.» Schliesslich sei es die Kombination aller Beschwerden zusammen, die ihr das Leben so schwer machten.

* Name geändert

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