Feier im Eishockey-Stadion: So war der Wahlauftakt der SVP mit 4000 Zuschauern(01:49)

SVP lanciert ihren Wahlauftakt
Ein bisschen heile Welt, ein bisschen düster

Mit einem Mega-Event schwörte sich die Volkspartei ein für ihren Kampf gegen den Rest der Schweiz. Geboten wurden herbe Sprüche und Parolen. SonntagsBlick war an der Show in Zürich-Altstetten dabei.
Publiziert: 27.08.2023 um 00:12 Uhr
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Aktualisiert: 27.08.2023 um 08:42 Uhr
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«Stopp 10-Millionen-Schweiz» – die SVP setzt einmal mehr voll auf das Thema Zuwanderung.
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Thomas SchlittlerWirtschaftsredaktor


Es sind Töne, wie sie in Zürich-Altstetten kaum je zu hören sind: Alphornbläser locken Sympathisanten der SVP in die Swiss Life Arena, dem Stadion der ZSC Lions. Rund 4000 Menschen pilgern zum Wahlkampfauftakt der Volkspartei. Es sind so viele wie nie zuvor. Selbst FDP-Präsident Thierry Burkart (48) muss eingestehen: «Das ist beeindruckend.»

Zur Begrüssung ruft Nationalrätin Martina Bircher (39, AG) den Anwesenden zu: «Es kommen zu viele und es kommen die Falschen.» Gemeint sind aber natürlich nicht SVP-Anhänger, sondern Ausländer. Die Menschen ohne Schweizer Pass, die rund ein Viertel der Wohnbevölkerung stellen, sind in und um die Swiss Life Arena überall präsent. Allerdings nur auf Plakaten, die fordern: «Stopp 10-Millionen-Schweiz».

Auch sonst lässt die aufwendig hergerichtete Kulisse kein Klischee aus: Ländler, Trychler, Fahnenschwinger und Sägemehl sollen zeigen, wie sehr die Partei für traditionelle Schweizer Werte einsteht. «Das ist unsere Kultur», ruft Wahlkampfleiter Marcel Dettling (42, SZ) ins Mikrofon. «Heute müsst ihr keine Angst haben, dass irgendjemand den Teppich auspackt und Richtung Mekka betet.»

Die Jung-SVPler Sarah Regez (29, BL) und Nils Fiechter (27, BE) ziehen über Berufspolitiker und die «Classe Politique» vom Leder, die ihnen ihr Land weggenommen habe, und ernten tosenden Applaus.

Jubel für Berufspolitiker

Die Ironie: Wenige Minuten zuvor wurde mit Bundesrat Albert Rösti (56) ein Mann bejubelt, der vor seiner Wahl in die Regierung sein Geld als Berufspolitiker und Pöstchenjäger verdiente. Die «Weltwoche» – in der Swiss Life Arena aktiv auf Abonnentenjagd – hatte den Berner Oberländer als «Hansdampf an allen Kassen» bezeichnet.

Für die Vertreter der Jungen SVP ist diese nicht weiter definierte «Classe Politique» auch daran schuld, dass «tagtäglich Schweizerinnen und Schweizer angegriffen, ausgeraubt und vergewaltigt werden».

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Es ist eine düstere Schweiz, in der die zwei Nachwuchspolitiker leben. Zum Glück scheint diese in Zürich-Altstetten weit weg. Hier, wo in den Schrebergärten Fahnen aus allen Herren Ländern hängen, reichen ein Polizeiwagen und ein paar Beamte, um die Sicherheit der streitbarsten Bundesratspartei des Landes zu gewährleisten. Selbst amtierende und ehemalige Magistraten bewegen sich frei in der Masse.

Was die Verantwortlichen nicht von ihrer brachialen Rhetorik abhält. Munter werden in der Arena die «Schlacht um unsere Zukunft» und ein «Krieg um unsere Kultur» beschworen. Der richtige Krieg ist ja weit weg. Moderator Roman Kilchsperger (53) meint nach dem Auftritt der Jungen: «Diese Energie möchte ich nochmals haben. Das macht Freude!»

Kilchsperger lässt auch sonst keinen Zweifel daran, dass er die SVP-Party nicht nur aus monetären Gründen moderiert. Stolz verkündet er, dass sein 17-jähriger Sohn seit kurzem Parteimitglied sei.

Sprüche gegen Ausländer sind vom Stadtzürcher keine zu hören. Lieber scherzt er über politische Korrektheit («Manchmal bestelle ich einen Mohrenkopf, obwohl ich gar keinen will») und stichelt gegen Berufskollegen («Ich war 15 Jahre beim Schweizer Fernsehen und habe es so gut gemacht, dass keiner gemerkt hat, dass ich kein Linker bin»).

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Angst vor neuen Geschlechterrollen

Esther Friedli (46, SG), Ständerätin und Lebenspartnerin von Ex-SVP-Präsident Toni Brunner (49), wettert ebenfalls gegen den «Gender- und Woke-Wahnsinn»: «Fühlt sich ein Mann heute als Frau, kann er in die Frauen-Sauna. Das darf nicht sein!»

Die einzige Partei, die sich dagegen wehre, sei die SVP, so Friedli. «Wir setzen uns dafür ein, dass Buben noch Buben und Mädchen noch Mädchen sein können.» Dass sich längst auch alle anderen Bürgerlichen und Teile der Linken gegen Wokeness stellen, wird natürlich verschwiegen.

Dann tritt Nationalrat Roger Köppel (58) auf. Der «Weltwoche»-Verleger, der bei der Wahl vom 22. Oktober nicht mehr antritt, zieht das Publikum mit seiner Rede in Bann. Der ehemalige Journalist des Tages-Anzeigers dankt der SVP, dass sie ihn «auf den Pfad der politischen Erleuchtung» geführt habe: «Was mir an der SVP immer imponiert hat und mir noch immer imponiert: Der Mut, seine eigene Meinung zu sagen. Der Mut, zur Schweiz zu stehen. Der Mut, sich nicht auf die Kappe scheissen zu lassen von fremden Vögten.» Die Halle bebt.

Die Reaktion auf Köppel zeigt, dass die SVP den Spagat zwischen Outlaw und Establishment, zwischen Opposition und Regierungspartei perfekt beherrscht.

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Treffen der Reichen und Mächtigen

Dazu passt, dass mit Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig (66) sowie den Unternehmern Walter Frey (80) und Peter Spuhler (64) drei der mächtigsten Wirtschaftsführer des Landes einen Auftritt hatten. Aussenseiter sehen anders aus.

Dasselbe gilt für die Bundesräte Guy Parmelin (63) und Albert Rösti (56). Ihre Auftritte verdienen allerdings das Prädikat staatstragend.

Ueli Maurer (72) dagegen, bis vor wenigen Monaten Finanzminister und Bundesratsmitglied, stürzte sich ins Sägemehl und redete sich im Stile eines Jungpolitikers in Fahrt. «Fast jedes Problem, das wir heute haben, hat mit der Zuwanderung zu tun», so der Zürcher Oberländer. Und man glaubt es ihm, wenn er sagt: «Ich will nicht, dass die Identität von meinem Land kaputt geht.»

Alleine gegen alle

Dagegen bleibt der Auftritt von Christoph Blocher (82) und seiner Tochter Magdalena Martullo-Blocher (54) auf einem Heuwagen im heiter-harmlosen Bereich. Erst ganz am Schluss wird Vater Blocher doch noch ein bisschen kämpferisch: «Unsere Gegner gehen auf dem letzten Zahn. Jetzt müssen wir durchbrechen.»

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Der Wahlkampfauftakt der SVP zeigt: Für die grösste Partei des Landes ist die Politik ein Kampf. Die unmissverständliche Message lautet: «Wir sind Volkspartei – und alle anderen sind unser Feind.» Raum für Kompromisse sucht man vergebens.
Fast schon ein bisschen unschweizerisch.

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