Staatssekretärin für Bildung
«Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit den USA»

Ein Gespräch mit Martina Hirayama über Forschung in Amerika, zu wenig Medizin-Studienplätze in der Schweiz – und die niedrige Matura-Quote von Männern im Kanton Schwyz.
Kommentieren
1/8
Martina Hirayama ist Staatssekretärin für Bildung und arbeitet Bundesrat Guy Parmelin zu.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Martina Hirayama spricht über Bildung, Forschung und internationale Zusammenarbeit.
  • Schweiz ist seit Januar 2025 wieder Teil des Horizon-Programms
  • Zusätzliche Medizinabschlüsse von 900 (2016) auf 1400 (2025) gesteigert
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Raphael_Rauch (1).jpg
Raphael RauchBundeshausredaktor

Frau Staatssekretärin, Sie waren mit einem Japaner verheiratet. Ein Buch über die japanische Lebenskunst Ikigai ist seit Jahren ein Bestseller in der Schweiz. Was bedeutet Ikigai für Sie persönlich?
Martina Hirayama: In Japan wird Ikigai oft deutlich lockerer verstanden als bei uns, mehr als eine Haltung im Alltag. Es geht darum, Sinn im Tun zu finden. Die Verantwortung für meine Familie sowie für Bildung, Forschung und Innovation ist für mich sinnstiftend und prägt mein Handeln.

Sie waren im Dezember in den USA. Donald Trump macht Stimmung gegen US-Universitäten. Haben Sie verängstigte Wissenschaftler angetroffen?
Ich habe in keinem Gespräch Angst gespürt. Das US-Wissenschaftssystem ist resilient und geht selbstbewusst vorwärts. Was ich aber gemerkt habe: Die Universitäten heben stärker als bislang hervor, welchen Beitrag sie für die Gesellschaft und für die Wirtschaft leisten.

Dank Trump war es noch nie so einfach wie heute, US-Forscher abzuwerben. Warum haben Sie hierzu keine Strategie entwickelt?
Unsere Unis sind sehr attraktiv, offene Stellen werden im Wettbewerb vergeben. Für eine Professur sind immer Bewerbungen aus der ganzen Welt möglich. Wir wissen von Unis, dass sich in letzter Zeit mehr Interessenten aus den USA gemeldet haben. Eine eigene Strategie vom Bund braucht es dafür nicht.

Bei der Vergabe von US-Visa für Schweizer Studierende gab es seit Trumps Amtsbeginn immer wieder Probleme. Hat sich die Situation gebessert?
Für uns war die Zeit von Mai bis Juni 2025 herausfordernd, weil die USA die Erteilung von Visa für akademische Zwecke pausiert haben. Momentan sind wir wieder gut unterwegs.

Eine Stärkung der Berufsausbildung ist Teil des Zolldeals. Was genau haben Sie in den USA vor?
In der Berufsbildung haben wir schon lange eine gute Zusammenarbeit mit den USA, 2018 haben wir eine erste Vereinbarung unterzeichnet. Für die Trump-Administration ist die Reindustrialisierung zentral. Wir sind seit April in Kontakt mit Akteuren der Schweizer Wirtschaft, um die Zusammenarbeit in den USA auszubauen. 

Was heisst das konkret?
Wichtig ist, dass unsere Unternehmen ihre Erfahrungen in Netzwerke vor Ort einbringen und so als Multiplikatoren wirken. In den USA sind oft lokale Community Colleges für die schulische Ausbildung zuständig, auch hier können wir Erfahrungen aus der Schweiz teilen, damit Lernende sowohl eine Ausbildung im Unternehmen als auch in der Schule absolvieren können. Geplant ist auch das Programm «Train the Trainer» für die Zusammenarbeit von Ausbildnern.

Apropos Ausbildung: Die gymnasiale Maturitätsquote des Kantons Schwyz beträgt 17,9 % (Frauen 22,9 %, Männer 13,3 %). Gesamtschweizerisch liegt sie bei 22,9 % (Frauen 27,5 %, Männer 18,5 %). Was ist mit den Schwyzer Männern los?
Mit Ihrer Frage habe ich ganz grosse Mühe.

Warum?
Wir kennen zwei Ausbildungswege: die Berufsbildung und die akademische Bildung. Wir brauchen beides – und auf beiden Wegen sind helle und begabte Köpfe unterwegs.

Als ehemalige Professorin muss es Sie doch beunruhigen, wenn die Maturitätsquote im Kanton Schwyz sehr tief ist – und es einen Geschlechtergraben gibt.
Nein, das beunruhigt mich nicht. Es gibt soziologische Faktoren, über die wir sprechen könnten. Vergessen Sie aber nicht, wie durchlässig unser Bildungssystem ist. Wenn sich Jugendliche mit 15 Jahren für eine Berufsbildung entscheiden, haben sie später noch alle Möglichkeiten. In anderen Ländern müssen Sie aufs Gymnasium, um Karriere machen zu können. In der Schweiz gibt es diesen Druck nicht. Wo Sie aber recht haben: Alle sollten die gleichen Chancen erhalten, unabhängig vom Geschlecht. Mittlerweile haben wir mehr weibliche Medizinstudierende als männliche. In vielen technischen Berufen gibt es aber nach wie vor mehr Männer.

Müssen die Kantone mehr machen, um den Gendergap bei der Matura auszugleichen?
Bund und Kantone sind um die Chancengerechtigkeit im Bildungsraum Schweiz besorgt. Jede und jeder soll sich nach seinen Fähigkeiten und Neigungen bestmöglich entwickeln und bilden können. Ich bin der Meinung, dass die Kantone mit den unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten bezüglich der Genderfrage eine verantwortungsvolle und tragfähige Arbeit leisten.

Sprechen wir über Medizinstudienplätze. Es gibt zu wenige in der Schweiz – was tun Sie dagegen?
Wir hatten in den letzten Jahren das Sonderprogramm Medizinerausbildung. Damit sollte die Zahl der Abschlüsse in Humanmedizin von 2016 bis 2025 um 50 Prozent erhöht werden, von jährlich 900 auf 1350 Diplome. Wir haben das Ziel bereits letztes Jahr mit 1400 Diplomen übertroffen. Die politische Frage ist, ob das reicht. 

Viele Schweizer finden, es gebe zu viele deutsche Ärzte. Wer mehr Schweizer Ärzte will, muss mehr Geld in die Hand nehmen.
Hierzu gibt es verschiedene Vorstösse aus dem Parlament. Die Hochschulkonferenz hat der Rektorenkonferenz Swissuniversities ein Mandat erteilt, um zu schauen, was bei der Zulassung und bei der Ausbildung verbessert werden kann. Das Bundesamt für Gesundheit und die Gesundheitsdirektorenkonferenz prüfen Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen. Für die meisten Rahmenbedingungen sind die Kantone zuständig.

Warum? Auch an der ETH kann man Medizin studieren. Medizinstudium ist damit auch Bundessache.
Ja, auf Bachelor-Stufe, aber in erster Linie ist Medizinerausbildung Sache der Kantone. Wir haben sie mit der erwähnten Anschubfinanzierung erfolgreich motiviert, zusätzliche Studienplätze zu schaffen. Unsere Antworten auf zwei Motionen im Parlament werden zeigen, was wir noch zusätzlich machen könnten.

Die «NZZ» hat enthüllt, dass ein Doktorand in Genf mit einer wissenschaftlich fragwürdigen Arbeit über Spermaschmuggel palästinensischer Häftlinge promoviert wurde. Sie haben die Dissertation finanziert. Wie konnte es dazu kommen?
Wir prüfen, was da schiefgegangen ist. Die Eidgenössische Stipendienkommission für ausländische Studierende vergibt jährlich bis zu 350 Exzellenzstipendien – das von Ihnen genannte Beispiel ist eine echte Ausnahme. Es kann nicht sein, dass ein Antrag mit der späteren Forschung nicht übereinstimmt. Wenn sich im Laufe des Projekts Thema oder Fragestellung ändern, muss das gut begründet werden. Das war nicht der Fall. Ich erwarte von den Betreuungspersonen, dass sie ihre Doktoranden gut begleiten, nicht nur in wissenschaftlichen, sondern auch in ethischen und politischen Fragen. 

Muss der Doktorand das Stipendium zurückzahlen?
Es handelt sich um eine laufende Untersuchung. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Blicken wir auf das EU-Dossier: Ist das Forschungsprogramm Horizon in trockenen Tüchern?
Vorläufig ja! Die Schweiz ist rückwirkend zum 1. Januar 2025 wieder an Horizon assoziiert. Das ist für den Forschungsstandort Schweiz zentral, weil wir unter anderem wieder an den prestigeträchtigen ERC-Programmen teilnehmen können. Hier machen die weltweit besten Forschenden mit – ein Qualitätsmerkmal erster Güte. 

Sollte das Volk die Bilateralen III ablehnen: Könnte die Schweiz trotzdem bei Horizon mitmachen?
Dafür gibt es keine Garantie. Der Bundesrat müsste der EU das Ende der vorläufigen Anwendung des EU-Programmabkommens mitteilen. Für die Forschungszusammenarbeit wäre das beidseits ein grosser Verlust. 

Grossbritannien und Israel nehmen an Horizon teil, obwohl sie nicht der EU angehören. Zeigen diese Beispiele nicht, dass es eine Alternative zu den Bilateralen III gibt?
Am Schluss ist es eine politische Entscheidung der EU, welches Land sie an welchem Programm zu welchen Bedingungen mitmachen lassen will.

Warum ist Ihnen Horizon so wichtig?
Ein Beispiel aus dem Tennis: Roger Federer wäre nie Superstar geworden, wenn er bloss gegen Schweizer gespielt hätte. Erst im Wettkampf mit der Weltelite konnte er seine Höchstform zeigen. Ähnlich ist es in der Wissenschaft: Nur wer sich mit den Besten der Besten misst, spielt in der Weltliga.

Studierende träumen von einem Erasmus-Aufenthalt: im Ausland studieren, eine neue Kultur und eine neue Sprache kennenlernen. Ist die Schweiz wieder Teil der Erasmus-Familie?
Noch nicht, denn für die Assoziierung an Erasmus+ ist ein Finanzentscheid des Parlaments im Rahmen des Pakets EU-Schweiz nötig. Wenn das Parlament die Mittel für Erasmus+ spricht, ist eine Assoziierung ab 2027 möglich.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen