Blick in die Zukunft: Wie verändert die Corona-Pandemie die Welt?(02:04)

Nach dem schicksalshaften 2020 wird die Welt anders
So wird Corona uns verändern

Seit über neun Monaten steht die Welt kopf. Corona schüttelte unser Leben gründlich durch. Doch was ist danach? Welche neuen Gewohnheiten und Veränderungen halten sich auch über die Krise hinaus?
Publiziert: 28.12.2020 um 06:43 Uhr
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Aktualisiert: 05.01.2021 um 11:20 Uhr
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Es ist wahrscheinlich, dass auch künftig viele ein, zwei Tage pro Woche von zu Hause aus arbeiten werden.
Lea Hartmann und Noa Dibbasey

Plötzlich ist kaum mehr etwas wie vorher. Ein rund 0,0001 Millimeter winziges Virus hat die Welt in die grösste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs gestürzt. Wie ein Orkan fegt die Corona-Pandemie seit nunmehr fast einem Jahr über den Planeten und reisst mit, was vorher kaum jemand hatte wanken sehen.

Geschlossene Grenzen und Einreiseverbote. Die Wirtschaft, gestützt von Milliarden-Hilfspaketen des Staates. Ellbogengruss statt eine herzliche Umarmung. Und es stellt sich die Frage: In was für einer Gesellschaft werden wir uns wiederfinden, wenn sich der Sturm etwas gelegt hat?

«Gut möglich, dass neue Verhaltensmuster entstehen»

Die Welt nach Corona wird nicht dieselbe wie vor der Krise sein. Von einer Zeitenwende würde Soziologin Katja Rost (43) zwar nicht sprechen. Zu sehr sei der Mensch in seinen Gewohnheiten verhaftet – in guten oder schlechten. Oder wie es David Bosshart (61), Trendforscher und Geschäftsführer des Gottlieb Duttweiler Instituts, durchaus ernüchtert formuliert: «Wir sind Meister im Verdrängen, Vergessen, Verschieben und Verniedlichen.»

Doch alles lässt sich nicht verdrängen und vergessen. Die Corona-Krise hat Entwicklungen beschleunigt und neue Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und vielleicht auch Politik angestossen. Das betrifft ganz Banales wie Begrüssungsrituale. «Im Privaten werden wir rasch wieder Küsschen geben und uns umarmen», glaubt Soziologin Rost von der Uni Zürich. Aber ob wir uns beispielsweise auch im geschäftlichen Kontext je wieder so nahe kommen werden wie früher? Das sei nicht sicher, sagt sie. «Es ist gut möglich, dass neue Verhaltensmuster entstehen.»

Wir werden wieder reisen – aber vor allem privat

Das werden etwa die Fluggesellschaften zu spüren bekommen. «Geschäftsreisen, mit denen das Geld verdient wurde, werden in den nächsten Jahren deutlich abnehmen», prognostiziert Trendforscher Bosshart. «Hier kommt der Lerneffekt aus Produktivitätsgründen: Oftmals genügt ein Videocall.»

Anders sieht es bei privaten Reisen aus. Dass die Krise einen nachhaltigen Effekt auf unsere Ferienplanung hat, glaubt keine und keiner der Expertinnen und Experten. «Da hat sich so viel angestaut, dass wohl kurzfristig in einigen Regionen eher mit einem Übertourismus gerechnet werden muss», sagt Rost.

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Das Homeoffice kam, um zu bleiben

Anders in der Arbeitswelt: Petra Schmid (37), Assistenzprofessorin für Verhalten in Organisationen an der ETH Zürich, geht davon aus, dass das Homeoffice bleibt – auch wenn Corona vorbei ist. Während ein bis zwei Tagen von zu Hause aus arbeiten, das biete Flexibilität für den Arbeitnehmer und spare Kosten für den Arbeitgeber. Diese Entwicklung bringe mit sich, dass Menschen vermehrt aufs Land oder zumindest in eine grössere Wohnung wollen, sagt Schmid. «Man will sich ein schönes Umfeld schaffen» – schliesslich verschwimme die Grenze zwischen Wohnen und Arbeiten mehr und mehr.

Nicht an den Rückzug ins Grüne glaubt Architektin und Städteplanerin Fabienne Hoelzel (44). Das Leben in der Stadt werde nicht weniger attraktiv – im Gegenteil, ist sie überzeugt. Wenn weniger Büroflächen gebraucht werden, führe das zu einer neuen Lebensqualität in Städten. Quartiere werden durchmischter, Städte wohnlicher. «Die Krise verstärkt diesen Strukturwandel», sagt Hoelzel.

Gesellschaftliche Gräben werden tiefer

Apropos Wandel: Für Soziologin Rost ist die Nach-Corona-Gesellschaft noch gespaltener als jene zuvor. «Der Graben zwischen denjenigen, die das Gefühl haben, sie hätten zu viel zur Bewältigung der Krise beitragen müssen, und jenen, die profitierten, wird noch lange bestehen.»

Caspar Hirschi (45), Historiker an der Uni St. Gallen, stellt zudem fest, dass auch der Graben zwischen der Bildungselite im Homeoffice und Praktikern an der Front sowie zwischen Wissenschaft und Politik gewachsen ist. Polarisierungen, die schon vorher da waren, verschärfen sich. «Das ist gefährlich», warnt Hirschi.

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Wirtschaft muss Lehren aus der Krise ziehen

Einen nachhaltigen Einfluss wird Corona auf die Wirtschaft haben. Die Rede ist nicht nur von Rezession, Konkursen und erhöhter Arbeitslosigkeit. Unternehmen werden aus der Krise auch lernen – lernen müssen. «Ein Lockdown ist ein Geschäftsrisiko, das man künftig berücksichtigen muss», sagt Ökonom Aymo Brunetti (57) von der Uni Bern.

Er warnt allerdings davor, aus der Krise den Schluss zu ziehen, dass die Schweiz künftig noch stärker auf Selbstversorgung setzen muss. «Das wäre überhaupt nicht sinnvoll.» Firmen bräuchten aber grössere Lager, mehr Liquidität und müssten ihre Lieferkette diversifizieren. «Denn die Unternehmen dürfen nicht damit rechnen, dass der Staat bei einer nächsten Krise erneut ein solches Hilfsprogramm auf die Beine stellt. So etwas ist kein zweites Mal möglich.»

Globale Krise, nationale Lösungen

Ausgerechnet eine globale Krise verpasst der Globalisierung einen Dämpfer. Die Staaten schotten sich ab, jeder hat seine eigene Strategie zur Bekämpfung des Virus. Die Pandemie akzentuiert, was schon vorher zu beobachten war: ein Wiedererstarken des Nationalismus.

Anders gesagt: In Krisenzeiten ist sich jeder selbst der Nächste. «Man vergisst leicht, dass wir alle im gleichen Boot sitzen», sagt Historiker Hirschi. In Zukunft, hofft er, spannt Europa auch in Ausnahmesituationen besser zusammen.

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Es ist nicht die einzige Hoffnung. Die Welt nach Corona, sie wird anders sein. Vielleicht auch ein bisschen besser. Ökonom Brunetti stellt mit Blick auf die Vergangenheit jedenfalls fest: «Meist sind Gesellschaft und Wirtschaft widerstandsfähiger, als man meint.»

1968, 1989 und 2001

Immer wieder haben Ereignisse den Lauf der Welt verändert – von der Erfindung der Dampfmaschine bis zum Zweiten Weltkrieg. Das sind die letzten Jahre, die Geschichte geschrieben haben:

1968 ist zum Symbol für Jugend- und Bürgerrechtsbewegungen geworden. Auch wenn diese teils deutlich älter sind: In diesem Jahr waren die Unruhen auf dem Höhepunkt – mit den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und der Ermordung von Martin Luther King in den USA, mit den Mai-Unruhen in Frankreich und der Studentenbewegung in Deutschland. Das Jahr wirkte nachhaltig – etwa durch eine neue Sexualmoral, neuen Geschlechterrollen und der Erweckung der Zivilgesellschaft als politischem Akteur.

Die Welt im wahrsten Sinne des Wortes verändert hat auch 1989. Mit dem Fall der Mauer wurde nicht nur Deutschland wiedervereinigt. Die bipolare Weltordnung zwischen den Grossmächten Sowjetunion und USA gehörte der Vergangenheit an. Und Europa wuchs näher zusammen.

Jeder, der älter als 30 Jahre ist, weiss noch genau, was er am 11. September 2001 getan hat, als zwei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers in New York (USA) flogen. Der Anschlag gilt heute als Inbegriff des islamistischen Terrors. Und der ist immer noch präsent. Versetzte damals Al Kaida die Welt in Angst und Schrecken, sind es heute der IS und Boko Haram. Und 9/11 löst in Afghanistan und im Irak zwei blutige Kriege aus, deren Folgen noch heute spürbar sind. (sf)

Am 11. September 2001 verfolgte die Welt live die Terroranschläge von New York.
Keystone

Immer wieder haben Ereignisse den Lauf der Welt verändert – von der Erfindung der Dampfmaschine bis zum Zweiten Weltkrieg. Das sind die letzten Jahre, die Geschichte geschrieben haben:

1968 ist zum Symbol für Jugend- und Bürgerrechtsbewegungen geworden. Auch wenn diese teils deutlich älter sind: In diesem Jahr waren die Unruhen auf dem Höhepunkt – mit den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und der Ermordung von Martin Luther King in den USA, mit den Mai-Unruhen in Frankreich und der Studentenbewegung in Deutschland. Das Jahr wirkte nachhaltig – etwa durch eine neue Sexualmoral, neuen Geschlechterrollen und der Erweckung der Zivilgesellschaft als politischem Akteur.

Die Welt im wahrsten Sinne des Wortes verändert hat auch 1989. Mit dem Fall der Mauer wurde nicht nur Deutschland wiedervereinigt. Die bipolare Weltordnung zwischen den Grossmächten Sowjetunion und USA gehörte der Vergangenheit an. Und Europa wuchs näher zusammen.

Jeder, der älter als 30 Jahre ist, weiss noch genau, was er am 11. September 2001 getan hat, als zwei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers in New York (USA) flogen. Der Anschlag gilt heute als Inbegriff des islamistischen Terrors. Und der ist immer noch präsent. Versetzte damals Al Kaida die Welt in Angst und Schrecken, sind es heute der IS und Boko Haram. Und 9/11 löst in Afghanistan und im Irak zwei blutige Kriege aus, deren Folgen noch heute spürbar sind. (sf)

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