Heftige Kritik zum Impfstart: Impfstoff reicht nirgends hin(00:56)

Schweiz hat sich bei Bestellungen verzockt
Impfstoff reicht nirgends hin

Heute fällt der offizielle Startschuss für die grösste Impfaktion in der Geschichte der Schweiz. Doch die Impfungen reichen gerade einmal für 53'500 Personen. Eine Blamage, findet Ex-FDP-Präsident Philipp Müller. Er ist nicht der Einzige, der harte Kritik am Bund übt.
Publiziert: 04.01.2021 um 01:27 Uhr
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Aktualisiert: 12.01.2021 um 14:19 Uhr
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In Luzern werden nicht mehr als 50 Personen täglich geimpft.
Lea Hartmann und Ulrich Rotzinger

Ausgeschossen, und das vor dem offiziellen Start! Nachdem einige Kantone bereits vor Jahresende erste Corona-Impfungen durchführten, beginnt die grösste Impfaktion der Geschichte nun landesweit. Aber nur in homöopathischen Dosen.

Die 107’000 bislang gelieferten Corona-Impfdosen von Pfizer/Biontech reichen gerade einmal für 53’500 Personen – das sind 2,7 Prozent der Risikopersonen in der Schweiz. Ob die Dosen bereits aufgebraucht sind, ist unklar. Wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Anfrage bestätigt, soll es ein Impfmonitoring auf der Website des Bundes geben. Ob die aktuellen Zahlen dann täglich veröffentlicht werden, ist noch offen.

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Weitere Dosen sollen kommen – aber wann?

Unklar ist auch, wann die 250'000 weiteren Impfdosen bereitstehen. Sie sollen Anfang Januar kommen, hiess es, als Swissmedic am 19. Dezember die Zulassung des Biontech-Impfstoffs bekannt gab. Die Dosen müssten nun also da sein. Aber auch diese Lieferung reicht nur für 125'000 Personen. Zum Vergleich: In Israel, dem weltweiten Spitzenreiter in Sachen Impfungen, haben gut zwei Wochen nach Impfstart bereits über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung eine erste Dosis erhalten.

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In Luzern hingegen werden maximal 50 Personen pro Tag geimpft. Und in Zürich darf jeder Hausarzt gerade einmal drei Risikopatienten für die Impfung anmelden.

Derweil scheint in der Schweiz aber immerhin die Impfbereitschaft zu steigen. Laut einer Umfrage der Uni Zürich ist der Anteil der Impfwilligen nach der ersten Impfstoffzulassung durch Swissmedic von 41 auf 50 Prozent gestiegen, wie der «SonntagsBlick» berichtet.

«Das ist doch ein Witz!»

Das Schweizer Schneckentempo beim Impfen bringt den ehemaligen FDP-Präsidenten und alt Ständerat Philipp Müller (68) zum Rasen. «Es ist doch ein Witz, eine Impfkampagne zu lancieren, wenn man noch fast keine Impfdosen hat!», wettert er. Von einem Impfstart könne nicht die Rede sein. «Das, was der Bund jetzt tut, ist höchstens ein Pilotversuch.»

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Der Aargauer prophezeit: Sollte das BAG unter Gesundheitsminister Alain Berset (48) nicht noch etwas in der Hinterhand haben, ende das in einer Blamage. «Das Ganze erinnert mich an das Masken-Debakel – nur mit viel grösseren Konsequenzen», stellt Müller ernüchtert fest. Müller spielt auf die Tatsache an, dass der Bund lange steif und fest behauptet hatte, Masken nützten nichts – weil man nicht genügend auf Lager hatte, wie sich im Nachhinein zeigte.

Nur zwei Impfdosen pro Person

Auch ausgewiesene Fachpersonen können nur den Kopf schütteln. Man ist sich einig: Die Schweiz war bei der Impfstoff-Beschaffung viel zu zögerlich. Andere Staaten haben bis zu zehn Impfdosen pro Person beschafft – damit man breit aufgestellt ist, je nachdem, welches Vakzin zuerst die Zulassung erhält. Teilweise liess man sich auch Impfdosen bereits liefern, noch bevor der Impfstoff zugelassen war. Die Schweiz hingegen hat sich nur 15,8 Millionen Dosen gesichert – also rund zwei pro Person. «Das ist das absolute Minimum», sagte Thomas Cueni (67), Generaldirektor des Verbands der internationalen Arzneimittelproduzenten, jüngst im BLICK.

Die Schweiz wartete ab, bestellte zurückhaltend. Bund und Kantone wurden völlig überrumpelt, als der erste Impfstoff überraschend noch vor Ende Jahr von Swissmedic zugelassen wurde. Die nationale IT-Lösung zur Impfanmeldung ist noch nicht bereit, einige Kantone offensichtlich überfordert.

Schweiz hätte grösseres Risiko eingehen müssen

Das Vorgehen der Schweiz bei der Impfstoffbeschaffung sei unverständlich, sagt Andreas Faller (54), von 2010 bis 2012 Vizedirektor des BAG, zur «SonntagsZeitung». «Die Schweiz hätte ein gewisses Risiko eingehen und bei jedem Hersteller eine ausreichende Menge für die Gesamtbevölkerung bestellen müssen.» Das kostet zwar mehr, lohnt sich laut Faller aber allemal.

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Der ehemalige FDP-Präsident Müller ist ebenfalls der Meinung, dass der Bund mehr Geld hätte in die Hand nehmen müssen. «Angesichts der unzähligen Milliarden, die das Virus bereits gekostet hat, ist das doch ein Klacks», sagt er. «Und sparen zulasten der Gesundheit und dem Leben der Bevölkerung ist ohnehin daneben.»

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