Polit-Phänomen Mario Fehr
Gefürchtet, geächtet – und trotzdem beliebt

Bei Linken verpönt, von Journalisten gefürchtet: Der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr ist umstritten – und trotzdem so beliebt wie kein anderer in der Zürcher Regierung. Wie geht das?
Publiziert: 13.02.2023 um 18:10 Uhr
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Aktualisiert: 14.02.2023 um 08:21 Uhr
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Gefragter Wahlsieger: Regierungsrat Mario Fehr (parteilos) machte ein Rekordergebnis bei den Wahlen am Sonntag.

Die linken Parteien haben ihn ignoriert, die Rechten vor ihm gewarnt. «Achtung: Mario Fehr ist ein Linker. Nicht wählen!», mahnte die SVP ihre Wählenden in Inseraten.

Die Zürcherinnen und Zürcher haben nicht darauf gehört. Mario Fehr (64), seit zwölf Jahren Sicherheits- und Sozialdirektor des Kantons Zürich, ist am Sonntag zum vierten Mal wiedergewählt worden – und zwar mit einem hervorragenden Ergebnis: Mit 193'000 Stimmen holte er – erneut – mit Abstand die meisten Stimmen. Sogar knapp 20'000 Stimmen mehr als vor vier Jahren. Und Fehr schaffte das, obwohl – oder gerade weil – er seit seinem Austritt aus der SP vor zwei Jahren keiner Partei mehr angehört.

«Er ist ein Phänomen»

In der Zürcher Politik nimmt man das Durchmarschieren Fehrs mit Be- und auch Verwunderung zur Kenntnis. «Mario Fehr ist ein Phänomen», sagt Beatrix Frey (56), Fraktionschefin der Zürcher FDP.

Als sozialliberaler SP-Politiker galt Fehr stets über die Parteigrenze hinweg als wählbar – eckte insbesondere mit seiner «Law and Order»-Politik aber in den eigenen Reihen an. Die Juso hatte 2015 gar eine Anzeige gegen den verhassten SP-Regierungsrat eingereicht.

Vollständiger Bruch mit der SP vermieden

Nicht nur dass er es sich nicht nehmen liess, regelmässig für die Matches seiner Lieblingsmannschaft Tottenham Hotspur nach London zu fliegen – Klimakrise hin oder her. Auch im Asylbereich zog er seine aus linker Sicht harte Linie unbeirrt durch, womit er sich bei den Bürgerlichen umso beliebter machte. Mitte 2021 trat er aus der SP aus. Die Begründung: Die Zürcher SP werde immer extremer. Das wolle er nicht mittragen.

Den vollständigen Bruch mit der Linken hat Fehr vermieden, indem er sich nach dem Austritt nicht einer anderen Partei angeschlossen hat – anders als beispielsweise die ehemalige SP-Nationalrätin Chantal Galladé (50, GLP). Selbst für SP-Anhänger ist der Abtrünnige damit noch immer wählbarer als stramm bürgerliche Kandidaten.

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Ehrgeizig und dünnhäutig

Ausserdem wird dem Ex-SP-Regierungsrat ein «unglaubliches politisches Gespür» attestiert. «Er weiss genau, was mehrheitsfähig ist und was nicht. Kritiker könnten auch sagen: Er lässt eine heisse Kartoffel lieber liegen, als dass er sich an ihr die Finger verbrennt», sagt FDP-Fraktionschefin Beatrix Frey. Dem stimmt der Zürcher SP-Co-Kantonalpräsident Andrea Daurù (43) zu. Heikle Geschäfte rühre er lieber nicht an, wirft er dem ehemaligen Parteimitglied vor. «Er befindet sich im Dauer-Wahlkampf.»

Zürcher Fussball- und Eishockeyklubs machen Wahlkampf für Mario Fehr

Der Jurist und ehemalige Berufsschullehrer ist sehr ehrgeizig, selbstbewusst – aber auch dünnhäutig. Wer es wagt, ihn zu kritisieren, muss damit rechnen, von ihm persönlich angerufen und zusammengestaucht zu werden. Seine Anrufe, die Rede ist von «Telefonterror», sind unter Journalisten und Politikern berüchtigt. Die Zusammenarbeit mit ihm könne unangenehm sein, sagt ein ehemaliges Fraktionsmitglied.

An jeder «Hundsverlochete»

Die Bevölkerung bekommt von dieser Seite kaum etwas mit. Fehr ist sehr gesellig, kumpelhaft und dadurch nahbar – wohl der Hauptgrund für seine Popularität. «Er geht an jede ‹Hundsverlochete› und fühlt sich dabei sichtlich wohl», sagt Beatrix Frey.

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Aber während andere Regierungsmitglieder bei solchen Terminen jeweils auf die Uhr schielen, gilt Fehr als einer der «Sesshaften». Besonders wenn es um den Sport geht, nimmt sich der Fussballfan gern Zeit.

«Ein sehr verlässlicher Wert»

Fehr selbst ist überzeugt, dass es der Leistungsausweis von ihm und seinem Team ist, der ihm die Wiederwahl so komfortabel gesichert hat. Nach zwölf Jahren in der Regierung sei er «ein sehr verlässlicher Wert», meint er. «Ganz offensichtlich sind die Menschen im Kanton der Meinung, dass wir unsere Sache nicht so ‹cheibe› schlecht gemacht haben.»

Tatsächlich, Kritik an Mario Fehrs Arbeit gab es in letzter Zeit kaum. Nach den vielen Jahren im Amt weiss die Zürcher Bevölkerung, was sie an ihm hat. Und ist damit offensichtlich zufrieden.

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