Kritik von SP-Integrationsexperten
Gewerkschaften machen Flüchtlingen das Leben schwer

80 Prozent der Flüchtlinge beziehen Sozialhilfe. Bei der Arbeitsintegration sind aber nicht nur Staat und Wirtschaft gefordert. Integrationsexperte Kurt Zubler kritisiert auch die Gewerkschaften. Sie beharrten zu oft auf Mindestlöhnen für Praktika.
Publiziert: 27.02.2017 um 22:26 Uhr
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Aktualisiert: 28.09.2018 um 16:06 Uhr
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Oft klemmen die Gewerkschaften: Eritreische Flüchtlinge in einem Integrationsprojekt in Lodano TI.
Joël Widmer

Die Zahl der Flüchtlinge in der Sozialhilfe ist zu hoch. Vor wenigen Tagen meldete das Bundesamt für Statistik, dass 2015 insgesamt 20'130 Flüchtlinge in der Zuständigkeit des Bundes Sozialhilfe bezogen hatten – das sind 80,8 Prozent aller Flüchtlinge! Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe forderte darum kürzlich eine Bildungs- und Integrationsoffensive von Staat und Wirtschaft. Nur so könne eine massive Kostensteigerung in der Sozialhilfe verhindert werden.

Integrationsexperten nehmen aber auch die Gewerkschaften in die Pflicht. Laut Kurt Zubler, Co-Präsident der Konferenz der Integrationsdelegierten, beharren diese bei Praktika zu stark auf den Mindestlöhnen. Für Flüchtlinge gebe es zwei Hinderungsgründe für eine Arbeitsstelle: fehlende Sprache und fehlende Arbeitserfahrung. «Darum sind Praktika für die Integration von Flüchtlingen zentral», sagt Zubler. So erhalte ein Flüchtling Arbeitserfahrung und ein Zeugnis.

Das Problem ist der GAV

Wenn man via Integrationsprogramme Praktikumsplätze suche, dann sagten Arbeitgeber laut Zubler oft: Man nehme den Flüchtling gern, könne aber mangels praktischer Erfahrung nicht den branchenüblichen Lohn zahlen. Dies vor allem in der Baubranche und im Gastgewerbe, die durch Gesamtarbeitsverträge (GAV) abgedeckt sind. Doch gerade diese Branchen mit ihren zum Teil niederschwelligen Jobs wären für erste Arbeitserfahrungen von Flüchtlingen wichtig.

Die Minimallöhne für GAV-Praktika seien für die Anstellung von Flüchtlingen jedoch oft noch zu hoch, sagt Zubler. In der Braubranche liegt der Mindestlohn für Hilfsarbeiter bei 4413 Franken, für Praktika im Gastgewerbe bei 2179 Franken. «Wir streiten uns hier oft mit Arbeitsämtern und Gewerkschaften», sagt Zubler, der für die SP im Schaffhauser Kantonsrat sitzt. Grundsätzlich seien gewerkschaftliche Massnahmen gegen Lohndumping sehr wichtig, auch für Flüchtlinge. «Es braucht aber für die erste Arbeitserfahrung von Flüchtlingen ein kontrolliertes, besonderes Angebot», fordert Zubler.

Gewerkschaften befürchten Lohndumping

Die grosse Gewerkschaft Unia will Flüchtlingspraktika nur in staatlich kontrollierten Programmen zulassen. Nico Lutz, Leiter der Unia-Sektion Bau, sagt: «In der Baubranche sind Praktika bis zu zwei Monate vom GAV ausgenommen.» Darüber hinaus brauche es ein klar definiertes Programm mit einem Ausbildungsanteil.

«Auf dem Bau über einen längeren Zeitraum angestellte Praktikanten, die voll produktiv sind, müssen hingegen den Mindestlohn für Hilfsarbeiter erhalten», so Lutz. Und nach zwei Monaten seien die meisten so weit, dass sie einen Hilfsarbeiterjob leisten könnten. Man wolle verhindern, dass die Leute bei Dumpinglöhnen voll produktiv eingesetzt würden. Die Unia und auch die Paritätischen Kommissionen würden zudem viel in Sprachkurse investieren, betont Lutz.

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Es fehlen unbürokratische Zugänge

Integrationsfachmann Zubler ist bezüglich der staatlichen Programme dennoch ernüchtert. Beim Aufbau von Integrationsprogrammen begegne man zahlreichen Hürden und Hindernissen. «Mal blocken die Gewerkschaften, mal die Arbeitsämter und nicht zuletzt der Bund», sagt er.

Den schwarzen Peter würden sich all diese Akteure untereinander zuschieben. Die Anforderungen an die Programme und damit die Kosten stiegen so stetig. Das Geld dafür existiere aber nicht. «Was fehlt, sind unbürokratische Zugänge und vernünftige Rahmenbedingungen für Praktika.» Es könne nicht sein, dass jeder Fall einzeln verhandelt werden müsse.

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