Darum gehts
- Jürgen Habermas, deutscher Philosoph, starb am Wochenende im Alter von 96 Jahren
- Er prägte mit Theorien wie der deliberativen Demokratie politische Debatten weltweit
- 1950/51 studierte er in Zürich; Schweiz passt perfekt zu seinen Ideen
Als Jürgen Habermas 2008 in Ascona TI den «Europapreis für politische Kultur» der Hans-Ringier-Stiftung erhielt, passte der Ort zum Preisträger – und er passt heute noch. Nicht nur, weil hier ein deutscher Weltphilosoph geehrt wurde. Sondern weil kaum ein Land seine Ideen im politischen Alltag so sichtbar erprobt wie die Schweiz.
Der damalige deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel betonte in seiner Laudatio, Habermas habe gezeigt, dass Philosophie nicht im Elfenbeinturm bleiben müsse – sondern in die demokratische Öffentlichkeit gehöre. Geehrt wurde Habermas im Rahmen des «Dîner républicain» von Frank A. Meyer mit Bundesräten, europäischen Politikern und Intellektuellen.
Habermas ist am Wochenende im Alter von 96 Jahren gestorben.
Kaum ein anderer deutscher Philosoph hat die politische Theorie im 20. und frühen 21. Jahrhundert so geprägt wie Habermas. Seine Bücher über Demokratie, Öffentlichkeit und politische Vernunft wurden weltweit gelesen und diskutiert. Anders als viele akademische Philosophen blieb Habermas nie bloss Beobachter. Er griff in politische Debatten ein – über Europa, Krieg und Frieden oder die Rolle der Medien in der Demokratie.
Und manchmal auch – indirekt – über die Schweiz.
Ein Studienjahr in Zürich
Eine frühe Verbindung zur Schweiz entstand zu Beginn seines Studiums. 1950/51 verbrachte Habermas ein Jahr an der Universität Zürich. Er studierte dort Philosophie, Geschichte, Psychologie und Literatur.
Die Episode dauerte nicht lange. Doch sie markiert einen frühen Moment in der europäischen Laufbahn eines später weltbekannten Philosophen.
Demokratie als öffentliche Diskussion
Berühmt wurde Habermas vor allem durch seine Theorie der deliberativen Demokratie. Hinter dem akademisch sperrigen Begriff steckt im Kern eine einfache Idee: Demokratie lebt nicht nur vom Abstimmen, sondern vom Argumentieren.
Politische Entscheidungen sind dann legitim, wenn sie aus offener öffentlicher Diskussion entstehen. Bürger tauschen Argumente aus, prüfen Positionen und überzeugen sich im besten Fall gegenseitig. Politik ist für Habermas deshalb nicht nur Machtkampf, sondern ein Prozess der Verständigung.
Warum die Schweiz so gut zu Habermas passt
Darum taucht Habermas' Theorie oft im Zusammenhang mit der Schweiz auf.
Viele Elemente seiner Idee finden sich hier im politischen Alltag. In der direkten Demokratie stimmen Bürger nicht nur alle paar Jahre über Parteien ab. Sie entscheiden regelmässig über konkrete Sachfragen. Vor jeder Volksinitiative oder jedem Referendum entsteht eine breite Debatte. Parteien, Verbände, Medien und Bürger diskutieren monatelang über Argumente, Folgen und Alternativen.
Ganz unkritisch sah Habermas Volksabstimmungen allerdings nicht. Sie könnten komplizierte Fragen stark vereinfachen und seien anfällig für emotionale Kampagnen oder populistische Parolen, warnte er. Demokratie brauche deshalb mehr als Urnengänge: Sie brauche auch eine politische Kultur, die offene öffentliche Debatten ermöglicht.
Die Schweiz zeigt damit etwas, das Habermas sein ganzes Leben lang verteidigte: Demokratie beginnt nicht bei der Abstimmung, sondern bei der öffentlichen Debatte davor.