Herr Pfister, am Weltwirtschaftsforum drehte sich alles um US-Präsident Donald Trump. Ihr Eindruck?
Eines muss man Trump attestieren: Sein Verhalten wirkt wie ein Brennglas. In Davos spielte sich dank ihm ein fünftägiges Theater ab, in dem man sehr gut gesehen hat, wie es heute in der Welt zu- und hergeht, wie die Rollenverteilungen sind.
Welche Rolle spielt das Gastgeberland Schweiz?
Wir wollen vier Dinge gleichzeitig, die zusammen nicht mehr aufgehen. Wir möchten neutral sein. Das ist der erste Punkt. Zweitens möchten wir immer moralisch auf der richtigen Seite stehen. Wir verstehen uns immer noch als sogenannten interesselosen Platz für Gute Dienste, für Konferenzen und so weiter. Wir stellen gerne die Hotels zur Verfügung und meinen, dass uns dadurch eine besondere Rolle zusteht. Und viertens möchten wir mit der ganzen Welt Geschäfte machen, insbesondere auch mit Waffen. Das alles widerspricht sich, und die Widersprüche werden offensichtlich in Zeiten wie diesen.
Die Eidgenossenschaft in den Wirren der Weltpolitik.
Es hat bereits angefangen, als wir in den Sicherheitsrat gegangen sind. Die Grossmächte fordern auch von uns Entscheidungen. Damit kommen wir nicht zurecht. Trump scheint die Schweiz relativ egal zu sein. Er behauptet, dass es uns ohne Amerika gar nicht gäbe. Dabei waren wir doch alle so nett gewesen mit ihm, wir haben ihm Goldbarren und anderes mitgebracht. Plötzlich hadern wir mit unserem Selbstverständnis. Wir haben immer gemeint, dass man uns mag und deshalb in Frieden lässt. Das ist aber nicht mehr überall der Fall. Als Reaktion arbeiten sich gewisse Kreise an ihrem einfachsten vermeintlichen Gegner ab: an der EU.
Am WEF sagte Bundespräsident Guy Parmelin zu Donald Trump: «Davos ohne Sie wäre nicht wirklich Davos.» Das Land diskutiert über diesen Satz. Das Ganze hat schon fast Dürrenmatt-Dimensionen. Wie sehen Sie das?
Es ist interessant, das verflixte Bundespräsidium. Letztes Jahr hat Karin Keller-Sutter nach der Münchner Sicherheitskonferenz die Rede von J. D. Vance gelobt und heftige Kritik geerntet. In den letzten vier Jahren hatten wir Bundespräsidenten, die, kaum im Amt, exponiert und umstritten waren. Alain Berset hatte seine Affäre. Viola Amherd hatte ihre Mühen. Jetzt passiert Parmelin auch so ein ziemlich unglücklicher Satz, der an ihm kleben bleiben wird. Wenn er mit seinem Satz recht hätte, disqualifizierte er ja auch das WEF,
das der Bundesrat ja unbedingt in Davos behalten will.
Es war letztlich eine Schmeichelei.
Eine unnötige Schmeichelei. Aber das sagt sich leicht von aussen. Ich fand schon damals, dass man Frau Keller-Sutter wegen ihres Telefonats mit Trump enorm unrecht tut. Als man in der Schweiz und in den USA merkte, dass Trump der Schweiz hohe Zölle anhängen wollte, schob man die Schuld einfach ihr zu, weil sie am Telefon von Trump vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. So waren die Verhandlungsdelegationen beidseits des Atlantiks fein raus. Aus meiner Sicht zog sie zu Unrecht einen Schuh voll raus, weil sie die Souveränität der Schweiz und die Institutionen auch vor Trump zu verteidigen wagte.
Man könnte Parmelins Äusserung auch als pragmatisch loben, als diplomatischen Versuch, gegenüber einer Supermacht möglichst viele Optionen offenzuhalten. Was wäre denn die Alternative gewesen? Ein Kräftemessen mit Trump?
Nein, aber man muss ihm ja auch nicht sagen, dass das WEF nur dank ihm so sei. Mir ist natürlich klar: Wie man so unter den Scheinwerfern der Öffentlichkeit live auf Trump reagieren muss, ist wirklich sehr, sehr schwierig. Entscheidend ist, was man nachher daraus macht. Ich frage mich zum Beispiel, ob man den Zolldeal mit ihm wirklich vorwärtstreiben soll.
Es gibt eine Deadline im März. Niemand will doch, dass dann wieder der 39-Prozent-Hammer zuschlägt.
Sind Sie denn sicher, dass der Zollhammer nicht zurückkommt, selbst wenn Trump seinen Deal hat? Man kann es auch anders sehen: Wir haben ja jetzt tiefere Zölle, also belassen wir es mal dabei. Denn die Willkür wird auch nicht enden, wenn das Parlament und das Volk dereinst Ja gesagt haben. Vielleicht sollten wir es einmal mit dieser Taktik versuchen. Ich weiss, dass man innenpolitisch enorm unter Druck kommt. Aber wir haben die direkte Demokratie, und wenn Sie heute die Schweizerinnen und Schweizer fragen würden, ob sie einen solchen Deal mit Trump wollen, würde eine Mehrheit im Moment wohl Nein sagen. Ich habe die Position von Swatch-Chef Nick Hayek sehr nachvollziehen können und teile sie weitgehend. Der Druck auf den Bundesrat allerdings ist riesig. Die Industrie liegt der Regierung verständlicherweise in den Ohren und verlangt, alles zu tun, um die Zölle zu senken.
Wünschen Sie sich vom Bundesrat mehr Rückgrat?
Ja. Der Bundesrat täte gut daran, die Amerikaner immer wieder daran zu erinnern, dass bei uns die Institutionen sehr, sehr wichtig sind und dass man sich nicht erpressen lässt.