Gehörloser Viktor Buser hat Angst vor einem Ja zu No Billag
«Für uns würde eine Welt zusammenbrechen»

«Tageschau», «Kassensturz», Kinderprogramme: Die SRG untertitelt und übersetzt die Hälfte ihres Programms für Hörbehinderte. Jetzt fürchten sich Betroffene wie Viktor Buser vor einem Ja zu No Billag. Denn ohne Gebühren würde dieses Angebot wegfallen.
Publiziert: 07.02.2018 um 23:39 Uhr
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Aktualisiert: 12.09.2018 um 17:55 Uhr
Cinzia Venafro (Text), Stefan Bohrer (Fotos)

Viktor Buser (47) ist sauer. Er ist enttäuscht. Und er hat Angst. «Sind sich die No-Billag-Ja-Sager bewusst, was sie uns Hörbehinderten damit antun?», fragt der Basler. «Diese Initiative bedeutet in letzter Konsequenz den Ausschluss von Behinderten aus der Schweizer Gesellschaft. Das ist diskriminierend und verstösst gegen unsere Verfassung.»

Was macht die SRG denn für Viktor Buser, der bereits gehörlos auf die Welt kam? 30'000 Stunden TV-Programm untertiteln. Das ist die Hälfte der Sendezeit. Zudem hat sich die SRG verpflichtet, bis 2022 dieses Angebot auf 45'000 Stunden zu erhöhen – womit fast 80 Prozent des Programms mit Untertiteln versehen wäre.

Im letzten Jahr liess sich die SRG dies 9,5 Millionen Franken kosten, bis 2022 werden es 17 Millionen pro Jahr sein. «Da soll mir mal einer vorrechnen, wie sich das auf dem freien Markt finanzieren lässt», sagt Buser. «Das ist schlicht nicht möglich. Gerne würde ich das den Initianten ins Gesicht sagen.»

Seit Geburt ist Viktor Buser gehörlos.

Gebärden-Übersetzung hilft bei der Integration von Migranten

Der dreifache Vater, dessen jüngste Tochter ebenfalls gehörlos ist (dank Übersetzung in Gebärdensprache konnte sie das Guetnachtgschichtli auf SRF schauen), kümmert sich beim Schweizerischen Gehörlosenbund um die «gesellschaftliche Partizipation».

Er ist dafür zuständig, dass Hörbehinderte in der Schweiz aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. «Heute gibt es zwar im Internet schon viel mehr untertitelte Informationen, trotzdem brauchen wir Zugang zum Schweizer Fernsehen», erklärt er. «Dank den SRG-Sendungen können wir am Schweizer Alltag teilnehmen. Erst dadurch wissen wir, was läuft. Was die Schweiz denkt und fühlt. »

So gehören die Hauptausgabe der «Tagesschau», «10 vor 10» oder «SRF Meteo» zu Busers täglichem Medienkonsum. «Dass diese Sendungen in Gebärdensprache übersetzt werden, ist auch ein Signal der Wertschätzung uns gegenüber», sagt Viktor Buser. «Die Untertitel sind nicht nur für uns Gehörlose wichtig, sondern auch für die vielen schwerhörigen oder fremdsprachigen Einwohner der Schweiz. Sie helfen, diese Menschen hier zu integrieren!»

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Interview mit Gebärdensprache-Übersetzung: Politredaktorin Cinzia Venafro mit Viktor Buser im Gespräch.

«Für Hörbehinderte bricht bei einem Ja eine Welt zusammen»

Und so tingelt Buser derzeit durchs Land und wirbt für ein Nein am 4. März. Kommt die Initiative durch, fürchtet er einen gesellschaftlichen Rückschritt. «Als ich Kind war, gab es sozusagen keine Angebote für uns. Ich musste immer Krimis auf den deutschen Sendern gucken.»

Heute könne er wohl auch deswegen Krimis nicht ausstehen. «Ich wünsche mir aber sehr, dass künftig auch Sendungen wie ‹Landfrauenküche› oder ‹Schawinski› für uns zugänglich gemacht werden», sagt Buser.

Diese Gebärde hat Viktor Buser mit seinem Verband neu kreiert: «Nein zu No Billag».

«Aber zuerst hoffe ich so sehr, dass die Stimmbürger No Billag versenken. Ich übertreibe wirklich nicht, wenn ich sage: Für mich und viele andere Hörbehinderte bricht bei einer Annahme eine Welt zusammen.»

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