EXPO
Wir, die einsamen Streber von Mailand

Unser Autor besuchte die Expo in Mailand. Er fand einen Ort zum Weglaufen: Den Schweizer Pavillon.
Publiziert: 17.05.2015 um 17:02 Uhr
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Aktualisiert: 05.10.2018 um 05:12 Uhr
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«Hat es genug für alle?», steht am Schweizer Pavillon an der Expo.
Von Peter Hossli (Text) und Pascal Mora (Fotos)

Sie redet perfekt in vier Sprachen. Den Mahnfinger erhebt die adrette Schweizerin in knalligen Buchstaben auf ihrem T-Shirt: «Gratis?», heisst es dort. Entscheidend ist das Fragezeichen. «Sie dürfen so viel mitnehmen, wie sie wollen», stellt sie den Besuchern des Schweizer Pavillons an der Expo 2015 in Mailand (I) frei.

Sie grinst und zeigt auf die mit Nescafé-Röhrchen gefüllten Kartons. Im Saal nebenan liegen gedörrte Apfelringli in den Schachteln. Einen Raum weiter wird Salz angeboten, im nächsten gibt es Wasser in Plastikbechern.

Jeder kann sich die Taschen füllen, und mancher tut es gierig. Gier aber – und das ist die Lektion – hat Konsequenzen. Denn die vier Türme des Schweizer Gebäudes sind aus jenen Boxen errichtet, die Äpfel, Salz, Kaffee und Becher halten. Sind sie leer, liegt das Haus flach. Folglich ist nichts gratis, gemahnt die Schweiz in Mailand. Und wirkt auf dem ansonsten entspannten Expo-Gelände wie ein oberlehrerhafter Fremdkörper. Als hätte die staatliche PR-Agentur Präsenz Schweiz als einzige die Vorgabe der Expo artig umgesetzt: Menschen nachhaltig zu ernähren.

Beamte statt Poeten

Andere Länder servieren Köstlichkeiten in atemberaubenden Häusern. Die Schweiz – eine Nation von Strebern – zeigt pädagogisch und freudlos wie die Welt zu retten wäre. 23,1 Millionen Franken kostet der Pavillon der Musterschüler. Nachdenken über ihren Konsum müssten hier die Besucher, verlangt Präsenz-Schweiz-Direktor Nicolas Bideau (45). Das Resultat: Aus jeder Ritze trieft pure Besserwisserei – und zwar aus lustloser Architektur, die an den Charme von Lagerhallen in Spreitenbach AG gemahnt.

Beamte statt Poeten gingen zu Werke. Sie pflanzten ein Wäldchen aus spindeldürren Birken, das mehr an Schweden denn an die Schweiz erinnert. Die Raclette-Öfen? Kalt. Drei Kühltruhen für Mövenpick-Glace? Leer. Die Installa­tion, welche die ab Juni 2016 kürzere Zugreise durch den Gotthard simuliert? «Fuori Servizio», ausser Betrieb. Das weisse Kreuz beim Eingang liegt auf einem roten Rechteck statt einem Quadrat. Auf einer Wandzeichnung zielt ein Tell-ähnlicher Kerl mit Pfeil und Bogen statt Armbrust auf Bub und Apfel. Ist es ein zu plump geratener Witz oder bloss ein Fehler?

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Auf der gleichen Zeichnung strotzt die Schweiz von politisch korrekter Selbstüberschätzung. Wir würden vornehmlich Fair-Trade-Sachen verspeisen, dazu Fleisch von glücklichen Kühen und Hühnern mit Auslauf. Niemand ist bei uns dick, alle sind fit. Die Kantinen servieren nur gesundes Essen. Und Kleinbauern sichern die Versorgung mit Lebensmitteln – dabei importieren wir vierzig Prozent aller Kalorien.

Ätzend abgedroschene Slogans berühren peinlich statt anzuregen: «Wir trinken Hahnenwasser.» – «Ein wenig Salz ist lebensnotwendig – zu viel ist ungesund.» – «Ein Apfel am Tag und dir bleibt der Gang zum Arzt erspart.»

Wohl deshalb ist fast nur Mundart im Schweizer Pavillon zu hören. Ausländische Besucher meiden den Ort, wo wenig Spass macht und überall krampfhaft Wissen vermittelt wird.

Cool sind andere

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Eine Nestlé-Ausstellung erklärt wie man sich gut ernährt. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) lässt Doktor spielen. Mit der App «Plant Doctor» lehrt sie Kleinbauern, wie diese Krankheiten bei Pflanzen verhindern. Und so eigenen Hunger mildern. Auf der Schweizer Bühne vermittelt eine Tessinerin wie man Schokolade herstellt.

Auf der Bühne der Deutschen aber rocken Musiker aus Berlin – und das wirkt cool. Sind Deutsche cooler als du, hast du ein Problem. Cooler als die Schweizer sind in Mailand fast alle. Die Brasilianer haben einen Urwald aufgestellt. Die Nudeln der Vietnamesen munden in Bambushütten. Die Italiener tischen aus jeder Region nur Himmlisches auf, mit ­einem Lächeln auf den Lippen. Eine Südtirolerin flirtet, serviert Brot mit Speck. Der tschechische Barkeeper schenkt schäumendes Pilsner aus, schwärmt vom «besten Bier der Welt».

WLAN funktioniert

Die Holländer haben etliche Imbisswagen vor ihren Pavillon parkiert. Sie bilden einen Dorfplatz voll mit fröhlichen Menschen. Sie sitzen auf Stühlen, die alle ein bisschen anders aussehen und deshalb charmant wirken. Man isst mit den Fingern. Saucen tropfen. Es ist ein Fest, direkt am breiten Boulevard, der das gesamte Expo-Gelände verbindet. Jeder sieht sofort: Richtig Spass bereitet der Besuch bei den Holländern.

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Einsam hingegen feiern die Schweizer. Ihre Beiz sieht von der Strasse keiner, sie liegt oben, hinten, versteckt. Der Saal ist dunkel, die Decke niedrig, das Personal hastig unfreundlich wie im Bahnhofbuffet irgendwo im Mittelland.

Jeder Stuhl ist gleich, und zwar gleich trist. Auf Tischen liegen Tischsets. Die Menükarte flimmert von iPads. Dabei gibt es nichts Unsinnlicheres als iGeräte auf einem Esstisch. Das Schweizer Expo-Restaurant? Ein Ort zum Aufstehen und Weglaufen.

Zumal nicht etwa ein origineller Wirt aus dem Toggenburg oder dem Zürcher Kreis 5 den Betrieb führt. Sondern die Palexpo aus Genf. Die verpflegt sonst Besucher des Autosalons und der Uhrenmesse – mit funktionalem Food. Das schmeckt ähnlich fade wie Kaffee aus Selecta-Automaten. Solches Mensa-Essen zieht in Mailand nicht. Die Beiz ist leer.

Dafür ist im Schweizer Pavillon das WLAN unverschlüsselt, schnell und kostenlos. Als wäre es wichtiger, dass die Besucher auf ihren iPhones surfen können – als dass sie sich von der realen Umgebung sinnlich berühren lassen.

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