Darum gehts
- Bundesrat will aussergerichtlich Entschädigungen für Brandkatastrophe Crans-Montana regeln
- Kenneth Feinberg verteilte 7 Milliarden Dollar nach 9/11 in den USA
- Feinberg sprach durchschnittlich 1,5 Millionen Dollar pro Todesfall zu
Stirbt ein Mensch gewaltsam oder wird jemand schwer verletzt, stellt sich schnell die Schuldfrage. Und die Frage nach Geld: Wer zahlt, wer haftet?
Eine Frage ist zentral: Welchen Wert hat ein verlorenes oder geschädigtes Leben?
Normalerweise verhandeln Gerichte solche Fragen. Anwälte, Versicherungen und Behörden ringen um Summen und Verantwortlichkeiten. Das dauert oft Jahre, verschlingt Millionen und hinterlässt emotionale Wunden.
Bei der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS will der Bundesrat diesen Weg abkürzen. Mit einem runden Tisch, den Justizminister Beat Jans (61, SP) am Mittwoch vorstellte. Behörden, Anwälte der Beschuldigten und Betroffene sollen dort aussergerichtlich aushandeln, wer wie viel erhält.
Verliererin wäre die juristische Branche.
Ein Vorbild dafür gibt es in den USA. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stand das Land vor einer beispiellosen Aufgabe: Wie entschädigt man die Angehörigen der Opfer? Der Staat richtete einen Entschädigungsfonds ein. Nicht nur aus Mitgefühl. Man wollte verhindern, dass die Klagen Fluggesellschaften und Flughäfen in den Ruin treiben.
Wie bemisst man den Wert eines Lebens?
Es stellte sich eine ähnliche Frage wie jetzt nach Crans-Montana. Wie bemisst man den Wert eines Lebens? Antworten fand nicht ein runder Tisch, sondern ein Anwalt aus Boston: Kenneth Feinberg (80) wurde beauftragt, etwas Unmögliches zu tun, nämlich Leben in nackte Zahlen zu übersetzen.
Minutiös analysierte er jedes Schicksal und rechnete in Dollars und Cents. Jüngere erhielten mehr als Ältere, Verheiratete mehr als Alleinstehende, Top-Verdiener mehr als Hilfsarbeiter. Wer im Flugzeug sass, starb schneller und litt weniger als jene, die in den Türmen ausharrten, bis sie einstürzten.
Wer mehr verdiente, erhielt mehr
Im Schnitt sprach Feinberg rund 1,5 Millionen Dollar pro Todesfall zu, finanziert aus Steuergeldern. Die 25 bestverdienenden Opfer – Männer mit über zwei Millionen Dollar Jahreseinkommen – erhielten rund 6,3 Millionen Dollar. Die höchste Entschädigung, etwa acht Millionen Dollar, ging an einen Überlebenden mit schweren Verbrennungen.
Insgesamt verteilte Feinberg rund sieben Milliarden Dollar an Hinterbliebene von 2880 Todesopfern und an 2680 Verletzte. Wer das Geld annahm, verzichtete auf Klagen. Feinberg arbeitete unentgeltlich.
Feinberg studierte an der New York University Recht. Später arbeitete er als Berater von Senator Ted Kennedy. Seit den 1980er-Jahren war er als Opferanwalt tätig: Er vertrat Vietnamveteranen oder Familien, deren Kinder bei einem Schulmassaker ums Leben kamen. Sein Auftrag war stets der gleiche: Leid zu beziffern.
Die Schweiz braucht einen Feinberg
Nach 9/11 traf Feinberg über 1000 Familien. Dreizehn lehnten Geld kategorisch ab. Der Verlust eines Menschen, sagten sie ihm, lasse sich nicht bezahlen.
Jetzt braucht die Schweiz einen Feinberg, eine integre Person, die am runden Tisch das so Schwierige schaffen muss: einen von allen akzeptierten Modus zu finden, um den Wert eines verlorenen oder geschädigten Lebens festzusetzen.