Die Schweiz ist sich einig
Mehr Lohn fürs Pflege-Personal!

Das Resultat der GFS-Umfrage ist eindeutig: Eine grosse Mehrheit findet, dass das Pflegepersonal höhere Löhne erhalten soll. Im Gegensatz dazu sind Bundesrat und Parlament gegen die Pflege-Initiative für bessere Arbeitsbedingungen. Daran ändert sich vorerst auch nichts.
Publiziert: 01.05.2020 um 20:52 Uhr
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Aktualisiert: 19.03.2021 um 09:14 Uhr
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Klatschen für die «Helden in Weiss»: Am 20. März bejubelte die Schweiz das Gesundheitspersonal.
Daniel Ballmer

Es war ein eindrückliches Zeichen der Solidarität auf Balkonen, Terrassen und auf den Strassen: Hunderttausende Schweizer applaudierten am 20. März und dankten damit dem Gesundheitspersonal für seinen unermüdlichen Einsatz in der Corona-Krise.

Bei vielen Ärztinnen und Pflegern löste die Aktion gemischte Gefühle aus. Zwar freut das Zeichen der Anerkennung und Dankbarkeit. Noch lieber aber wären den meisten bessere Arbeitsbedingungen, so wie sie die Pflege-Initiative fordert. Nur: Trotz der Pandemie hat das Volksbegehren im Parlament weiter einen schweren Stand – gerade bei Bürgerlichen.

Umfrage deutet auf gute Chancen an der Urne

Ganz anders sieht die Stimmung im Volk aus. Das zeigt eine Meinungsumfrage des Forschungsinstituts GFS Bern bei über 25 300 Personen. Befragt wurden Junge und Alte, Frauen und Männer, aus allen Landesteilen und aus sämtlichen politischen Lagern.

Das Resultat auf die Aussage «Pflegeberufe sollen mehr Lohn erhalten» ist eindeutig: Stolze 79 Prozent der Befragten sind «voll einverstanden» oder «eher einverstanden» damit. «Eher nicht einverstanden» oder sogar «überhaupt nicht einverstanden» sind lediglich 11 Prozent. Weitere 10 Prozent haben sich noch keine Meinung gebildet.

So tief sind die Löhne

Doch wie ist die Situation im Gesundheitsbereich wirklich? Dazu einige Beispiele: Im Kanton Bern verdient das Assistenz- und Hilfspersonal bei einem 100-Prozent-Pensum durchschnittlich 4557 Franken im Monat. Bei einer Fachfrau Gesundheit sind es 5406 und bei einer Pflegefachperson 6344 Franken. Eine Intensivpflege-Expertin erhält 6952 Franken. Das alles aber erst nach zehn Jahren Berufserfahrung. Eine sehr erfahrene Intensivpflegerin erhält inklusive dreizehnten Monatslohns somit gut 90 000 Franken im Jahr, Hilfspersonal aber keine 60 000 Franken.

Zum Vergleich: Ein Nationalrat kassiert etwa 140 000 Franken jährlich, ein Ständerat noch mehr. Und das Mandat in Bern ist nicht als Vollzeitstelle gedacht. Viele Parlamentarier haben daneben noch einen anderen Job oder ein bezahltes Verbandsmandat.

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Nur geringe Unterschiede zwischen politischen Lagern

Viele empfinden die Löhne im Gesundheitsbereich als zu tief. Bei den Wählern der verschiedenen politischen Lager lassen sich dabei nur geringe Unterschiede ausmachen: So sprechen sich in der Befragung die SVP-Wähler zu 69 Prozent für höhere Löhne bei Pflegeberufen aus, 16 Prozent sind dagegen. Bei den FDP-Wählern liegt die Zustimmung bei 67 Prozent. Hier sind 18 Prozent dagegen.

«Diese Zustimmung überrascht mich nicht», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel (62). «Vor Corona wäre sie möglicherweise nicht so deutlich, aber ebenfalls zugunsten des Pflegepersonals ausgefallen», so die Präsidentin der Gesundheitskommission. Dennoch ist sie weiter gegen die Pflege-Initiative und unterstützt den indirekten Gegenvorschlag.

Von den CVP-Wählern sprechen sich sogar 76 Prozent für höhere Pflegelöhne aus, 11 Prozent sind dagegen. Bei der GLP sind 80 Prozent dafür, 12 Prozent dagegen. Noch etwas deutlicher ist das Resultat bei Rot-Grün: Von den SP-Wählern sprechen sich 88 dafür und 7 Prozent dagegen aus. Und bei den Wählern der Grünen sind gleich 92 dafür und nur 4 Prozent dagegen.

«Man müsste noch höhere Prämien akzeptieren»

Fazit: Die Chancen der Pflege-Initiative an der Urne sind gut. FDP-Ständerat Damian Müller (35) lässt sich davon aber nicht ins Bockshorn jagen. «Eine Sache muss klar sein: Erhöht man die Löhne der Pflegefachleute, muss man entweder die Löhne anderer Fachleute im Gesundheitswesen senken oder akzeptieren, dass die Prämien noch stärker steigen», sagt er. Auch er unterstütze daher den Gegenvorschlag, der die Hauptanliegen der Initiative übernehme.

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Dem Berufsverband der Pflegefachkräfte (SBK) aber reicht der Gegenvorschlag nicht. Der Verband fordert Verbesserungen wie einen besseren Personalschlüssel für die Pflege, also mehr Personal, sowie Massnahmen bei den Arbeitsbedingungen, um den Beruf auch längerfristig attraktiv zu machen. Beides ist im Gegenvorschlag bisher nicht vorgesehen.

«Zahlen zeigen, dass Handlungsbedarf anerkannt wird»

«Im Hinblick auf die Abstimmung machen die Umfragezahlen natürlich Mut», sagt SBK-Geschäftsführerin Yvonne Ribi (43). «Sie zeigen auch, dass die Bevölkerung anerkennt, dass in der Pflege Handlungsbedarf besteht.» Gleichzeitig sei es ein Zeichen von Wertschätzung.

Der Personalverband erhofft sich, dass diese Wertschätzung und Solidarität über die Pandemie hinaus anhält, und ist überzeugt, dass das Parlament die Anliegen und Forderungen der Pflege nach der Corona-Krise besser verstehe. «Ich gehe davon aus, dass die Volksvertreter die Wertschätzung aus der Bevölkerung in ihre politischen Entscheide einfliessen lassen», sagt Ribi.

GFS-Co-Leiter Lukas Golder erklärt die Exklusiv-Umfrage für BLICK. Um 8 Uhr live auf Blick TV.

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