Den Namen deiner Mutter, deine Hobbys, dein Sündenregister
Was wissen die SBB alles über uns? Blick verlangte Auskunft!

Die SBB sitzen auf einem grossen Datenschatz. Die Bahnen wissen nicht nur, was für ein Abo man als Kind hatte, sondern unter Umständen auch, welche Hobbys man hat.
Publiziert: 23.08.2023 um 00:11 Uhr
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Aktualisiert: 23.08.2023 um 06:31 Uhr
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Die SBB wissen viel über ihre Kundinnen und Kunden.

Wer Zug fährt, hinterlässt eine Datenspur. Die SBB wissen längst nicht nur, wer welches Abo besitzt. Von Millionen von Swisspass-Kundinnen und -Kunden führen die Bundesbahnen ein Kundendossier. Mehr Personen dürfte nur die Steuerverwaltung in ihren Registern haben.

Doch was sind das für Daten, die die SBB über dich sammeln? Auf Anfrage muss das Unternehmen Einblick in die eigene Akte geben. Die Anzahl Gesuche ist laut den SBB in den letzten Jahren gestiegen. Auch die beiden Blick-Redaktorinnen Lea Hartmann und Milena Kälin haben bei den SBB Einsicht verlangt – und nach einigen Wochen Wartezeit je ein mehrere Dutzend Seiten langes Dossier erhalten.

Ein Blick in die Unterlagen offenbart die eine oder andere Überraschung:

1

Deine erste Juniorkarte

Von der allerersten Juniorkarte bis zum aktuellen Halbtax: In der Vergangenheit speicherten die SBB in ihrer Datenbank sämtliche Abos, die man je gelöst hat. Und das egal, wie lange der Kauf her ist. Ersichtlich ist unter anderem, wo das Abo gekauft wurde und wie viel es damals gekostet hat. Auch alle Tickets, die man über die App oder online gekauft hat, wurden gespeichert. Die SBB sagen, sie behalten diese Daten, um ihre Kunden «optimal zu beraten». Und damit man allenfalls eine Rückerstattung geltend machen könne. Allerdings bräuchte es dafür nur die Daten des vergangenen Jahres – ein Jahr nach dem letzten Gültigkeitstag des Abos läuft die Frist für Rückerstattungen ab. Wegen des neuen Datenschutzgesetzes müssen die SBB nun aber sowieso einen Teil der Daten löschen.

2

Die letzten Kontrollen

Die SBB wissen, wann du in welchem Zug kontrolliert worden bist – sofern du den Swisspass auf dem Handy aktiviert hast. Gespeichert werden die Kontrolldaten während 30 Tagen in einer Datenbank. Früher hatten die SBB die Kontrollen der letzten drei Monate gespeichert, doch dann schritt der Eidgenössische Datenschützer ein. Wie das Konsumentenmagazin «Saldo» berichtete, mussten die SBB die Datenbank 2016 löschen, führten sie 2018 aber – als der Swisspass auf dem Handy kam – mit kürzerer Speicherfrist wieder ein. Dies aufgrund der Missbrauchsgefahr. Durch die gespeicherten Kontrolldaten erkenne das System Missbräuche, begründet David Bucher, Projektleiter Datenschutz bei den SBB.

3

Wie wertvoll du für die SBB bist

Würde sich statt dem Halbtax ein GA lohnen? Diese Frage lässt sich mit einem Blick in die SBB-Daten beantworten. Bei Halbtax-Kundinnen und -Kunden wird ein sogenannter Score errechnet. Je näher dieser bei 1 liegt, desto höher schätzen die SBB das Interesse an einem GA ein. Damit können die SBB für das GA ganz gezielt Eigenwerbung machen. Das gilt aber nur für Kunden, die ihre Daten für Marketingzwecke freigegeben haben.  

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Kunden erfahren unter dieser Bedingung auch, wie gut ihr Wohnort ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen ist. Man wird einer sogenannten ÖV-Güteklasse zugeordnet. Güteklasse A bedeutet, dass man bestens angeschlossen ist, D am schlechtesten. Weiter teilen die SBB ihre Kundinnen und Kunden je nach Alter, Abo und Klasse, in der sie fahren, einem Kundenwertsegment zu. Blick-Redaktorin Milena Kälin gehört demzufolge zu den «Ungebundenen». Das bedeutet: Man ist preisbewusst und eher viel mit dem ÖV unterwegs. 

Die Kategorisierungen dienen dazu, den Kunden möglichst auf sie zugeschnittene Werbung zu schicken. 

4

Dein Sündenregister

Gespeichert werden auch deine Bussen. Dieser Vermerk wird nach zwei Jahren wieder gelöscht – solange man nicht wiederholt ohne gültiges Billett fährt. Wer einmal kein Ticket hat, zahlt eine Busse von 90 Franken. Beim zweiten Mal wirds teurer. Die SBB können auch weitere Strafmassnahmen ergreifen – das kommt aber auf die Umstände drauf an. 

5

Eltern und E-Bikes

Die SBB wissen unter Umständen sogar, wie deine Eltern heissen – oder zumindest ein Elternteil. Dies, wenn die Eltern einst für einen eine Juniorkarte gelöst haben. Auch auf Hobbys lassen sich Rückschlüsse ziehen. So enthält das Kundendossier Daten zu gemieteten Velos, Autos oder gekauften Skipässen, sofern man den Swisspass für diese Dienste verwendet.

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Von wie vielen Kunden die SBB insgesamt über Daten verfügen, will das Unternehmen auf mehrfache Nachfrage nicht bekannt geben. Zu den Stammkunden mit GA oder Halbtax zählen knapp 3,4 Millionen Menschen. 

Wer nicht will, dass die SBB so viel über einen wissen, kann online die Löschung der Daten beantragen. Das geht ganz einfach online. Einzig Informationen zu gültigen Abonnementen und Billetts bleiben gespeichert. Man muss sich dann aber auch damit einverstanden erklären, dass man keinen Anspruch mehr auf Rückerstattung hat bei abgelaufenen Abos und Tickets. Zudem wird das Swisspass-Login gelöscht, falls man eines besitzt. 

Wer nicht mehr will, dass die SBB seine Daten zu Marketingzwecken verwenden, kann die Einwilligung dazu beispielsweise online, in der App oder telefonisch widerrufen. 

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