Cassis zur Corona-Pandemie
«Wie lange kann das noch gutgehen?»

Er ist der einzige Arzt in der Regierung. Trotzdem ist er seit Beginn der Corona-Pandemie wenig präsent. Doch auch ihn beschäftigt das Thema – Tag und Nacht, wie er sagt. Gegenüber CH-Media verrät er gar, dass ihn die Gedanken zum Virus manchmal aus dem Schlaf reissen.
Publiziert: 27.01.2021 um 10:48 Uhr
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Aktualisiert: 29.01.2021 um 22:27 Uhr
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Obwohl er ursprünglich Arzt ist, hat sich Aussenminister Ignazio Cassis bisher äusserst selten zur Corona-Pandemie geäussert.

«Es kommt vor, dass ich in der Nacht aufwache, weil das Thema so präsent ist.» Zum ersten Mal äussert sich Aussenminister Ignazio Cassis so persönlich zur Corona-Pandemie. Im Interview mit CH-Media gesteht der einzige Arzt in der Bundesregierung, dass ihn Ängste zur Corona-Krise nachts wachhalten.

Dazu gehört zum Beispiel die Sorge vor einer dritten Welle – denn wie gefährlich die Virusmutationen sind, sei noch unsicher. Die Mutationen seien auch der Grund, wieso man in die Freiheit der Menschen eingreifen und strengere Massnahmen verfügen musste, begründet der freisinnige Cassis den Lockdown. «In dieser Situation mussten wir den Schutz des Lebens allem voranstellen.»

Die strikten Massnahmen seien schlichtweg eine logische Reaktion auf veränderte Fakten, so Cassis, der lange für einen liberalen Weg plädiert hatte. Trotzdem seien diese Entscheidungen keinem der sieben Bundesräte leicht gefallen.

«Unsere Entscheide haben einen Preis»

Dass der Bundesrat für seinen Zickzack-Kurs kritisiert wird, stört den Aussenminister aber: «Es ist leicht zu kritisieren, wenn man keine Verantwortung trägt. Es ist leicht, grosse Worte zu schwingen, wenn diese kein Preisschild tragen», sagt er im Interview. Denn was der Bundesrat entscheide, das habe Folgen und einen Preis. «Letztlich geht es jetzt in der Politik um Leben und Tod.»

Arzt im Bundesrat

Ignazio Cassis kam 1961 in Sessa TI zur Welt. Der Arzt wurde 2007 in den Nationalrat gewählt und präsidierte ab 2015 die FDP-Bundeshausfraktion. Am 20. September 2017 wählte ihn die Vereinigte Bundesversammlung in den Bundesrat. Cassis steht dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) vor. Ihm stehen schwierige Monate bevor – denn als Aussenminister ist er verantwortlich für die Verhandlungen mit der EU über ein Rahmenabkommen.

Ignazio Cassis kam 1961 in Sessa TI zur Welt. Der Arzt wurde 2007 in den Nationalrat gewählt und präsidierte ab 2015 die FDP-Bundeshausfraktion. Am 20. September 2017 wählte ihn die Vereinigte Bundesversammlung in den Bundesrat. Cassis steht dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) vor. Ihm stehen schwierige Monate bevor – denn als Aussenminister ist er verantwortlich für die Verhandlungen mit der EU über ein Rahmenabkommen.

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Kein unbekanntes Terrain für einen Arzt. «Der Tod ist Teil des Lebens, das wird oft verdrängt», erklärt Cassis. Dass Menschen in Altersheimen sterben, sei nicht neu. «Neu ist, dass sie wegen des Coronavirus früher und in höherer Zahl sterben.» Diese verfrühten und unnötigen Todesfälle zu vermeiden, sei schon von Anfang an das Hauptziel des Bundesrats gewesen. Dafür definierte man bereits im März den Plan: «Jederzeit genügend Spitalkapazitäten haben!» Das sei bislang gut gelungen.

Trotzdem: Im internationalen Vergleich zur Übersterblichkeit schneidet die Schweiz schlecht ab. Das will Cassis so aber nicht bestätigen. «Das können wir zurzeit noch nicht so eindeutig sagen, das wäre nicht faktenbasiert», sagt er. Man werde erst am Ende der Krise bewerten können, ob die Massnahmen erfolgreich gewesen seien.

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«Wie lange kann das noch gutgehen?»

Ein Fazit erlaubt sich Cassis dafür zum Verhalten der Schweizerinnen und Schweizer – das ihn erstaunt. «Insgesamt verhalten sich die meisten Menschen trotz dieser extremen Situation mit massiven Eingriffen in die Freiheit sehr ruhig und vernünftig», lobt er.

Trotzdem wächst der Unmut: «Wie lange kann das gutgehen? Die Spannungen nehmen in einigen Ländern bereits zu», fragt Cassis.

Warum sich die Bundesräte geimpft haben?

Und nun hat der Bundesrat gleich selbst noch für Unmut in der Bevölkerung gesorgt, weil er sich vorab impfen liess – obwohl keiner im Bundesrat älter als 75 ist. «Es geht darum, die Krisenführung der Schweiz zu sichern», erklärt sich der Aussenminister. «Würden plötzlich vier Bundesräte krank und zwei davon wären nicht arbeitsfähig, wäre nicht einmal ihre Vertretung gesichert.» Für Cassis sei es daher enorm wichtig, dass die Führung in solchen Zeiten garantiert ist. (dbn)

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