BAG-Chefin Anne Lévy über die Lehren aus der Pandemie, das Covid-Gesetz und die Grippe
«Wir haben aus der Pandemie viel gelernt»

Die Schweiz habe Lehren aus der Corona-Pandemie gezogen, findet Anne Lévy, Direktorin des Bundesamts für Gesundheit. Und sie kündigt für die nächsten Monate Frühwarnsysteme für Grippe, RSV und Zecken-Krankheiten an.
Publiziert: 13.05.2023 um 00:29 Uhr
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Aktualisiert: 13.05.2023 um 08:55 Uhr
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BAG-Direktorin Anne Lévy kündigt im Interview neue Früherkennungssysteme für ansteckende Krankheiten an.
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Sermîn FakiPolitikchefin

Frau Lévy, am 18. Juni stimmen wir zum dritten Mal über das Covid-19-Gesetz ab. Warum braucht es das noch? Der Bundesrat hat die Pandemie schliesslich für beendet erklärt.
Anne Lévy:
In der Schweiz haben wir seit längerem alle Beschränkungen aufgehoben und die Weltgesundheitsorganisation WHO hat nun den internationalen Gesundheitsnotstand und damit die Pandemie für beendet erklärt. Eine gute Nachricht! Aber das Virus ist noch da.

Das heisst?
Es ist wichtig, weiter vorbereitet zu sein, sollte es im Winter zu einer neuen Welle kommen, insbesondere hinsichtlich der besonders vulnerablen Menschen. Mit dem Covid-19-Gesetz haben wir erstens eine gesetzliche Grundlage, damit sie bei der Arbeit gut geschützt werden können – etwa mit Homeoffice. Zweitens stellt das Gesetz sicher, dass wir schnell an innovative Medikamente kommen, die bei neuen Virusmutationen helfen. Und drittens: Sollten andere Staaten wieder ein Zertifikat fürs Reisen verlangen, gibt uns das Gesetz die Möglichkeit, ein solches auszustellen.

Jetzt mal ehrlich: Wie dramatisch wäre ein Nein? Es geht ja nur um eine Verlängerung für sechs Monate.
Es ist einfach nicht sinnvoll, wenn hilfreiche Instrumente Ende Dezember, mitten in der Covid-Saison, auslaufen.

Naja, in der Not gäbe es ja noch Notrecht. Der Bundesrat macht nicht den Eindruck, als hätte er ein Problem damit, dazu zu greifen.
Man kann doch in der jetzigen Situation nicht zu Notrecht greifen! Nach drei Jahren Erfahrung mit Corona wissen wir, wie man sich vorzubereiten hat. Darum eben die Verlängerung des Gesetzes. Wir haben viel gelernt.

Seit drei Jahren wieder beim Bund

Anne Lévy (51) trat ihr Amt als Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG) am 1. Oktober 2020 an. Seit dem Abschluss ihres Studiums der Politikwissenschaften war sie in verschiedenen Positionen im Gesundheitswesen tätig – zuletzt als Geschäftsführerin der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel. Ihr Amt beim Bund ist eine Rückkehr: Bis 2009 leitete Lévy die BAG-Sektion Alkohol und Tabak.

Anne Lévy (51) trat ihr Amt als Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG) am 1. Oktober 2020 an. Seit dem Abschluss ihres Studiums der Politikwissenschaften war sie in verschiedenen Positionen im Gesundheitswesen tätig – zuletzt als Geschäftsführerin der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel. Ihr Amt beim Bund ist eine Rückkehr: Bis 2009 leitete Lévy die BAG-Sektion Alkohol und Tabak.

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Was haben wir denn gelernt?
Wir haben bei der Digitalisierung einen Schritt vorwärtsgemacht.

Wurde der Fax im BAG also abgeschafft?
Noch nicht, weil wir verpflichtet sind, Meldungen in jeder Form anzunehmen. Wir wollen künftig aber alles nur noch digital. Da muss die Schweiz noch zulegen. Das BAG hat aufgrund der Pandemie bereits vieles an die Hand genommen. Zum Beispiel das Covid-Dashboard. Die Meldungen über Covid-Infektionen, Hospitalisierungen und Impfungen laufen automatisch bei uns ein und werden dann auf anschauliche Weise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das ist ein gutes Frühwarnsystem, darum wollen wir es ausbauen.

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Wie?
Unser Ziel ist, dass wir die Meldesysteme, die wir mit Covid eingeführt haben, nun auf alle anderen meldepflichtigen Krankheiten ausdehnen. Das heisst: Ein Arzt oder ein Labor gibt eine Meldung einmal ein und damit steht sie den Gesundheitsbehörden, Spitälern, Ärztinnen und Ärzten und – anonymisiert natürlich – der Forschung und der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Und das klappt?
Es ist komplex. Aber im Herbst, pünktlich auf den Beginn der Grippe- und RSV-Saison, wird das Dashboard für diese beiden Viren parat sein. Im vergangenen Winter haben viele Kleinkinder RSV erwischt, mussten hospitalisiert werden. Ein besseres Frühwarnsystem dient der Bevölkerung sowie Ärztinnen und Ärzten und Spitälern zur Vorbereitung. Im kommenden Frühling erweitern wir das Dashboard mit Informationen zu Zeckenkrankheiten.

Bis im Herbst ist also jeder Hausarzt IT-mässig so aufgestellt, dass er einen Grippefall mit zwei Mausklicks melden kann?
Ganz so einfach ist es nicht, denn für die Digitalisierung ihrer Praxis sind Hausärzte- und Ärztinnen selbst verantwortlich. Es ist noch nicht alles standardisiert.

Aber das kann doch nicht sein!
Wir sind mit Kantonen, Ärzten, Labors und Spitälern daran, diese Prozesse zu digitalisieren. Ich bin zuversichtlich, dass das gelingt.

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Zu Beginn der Pandemie fehlte es an den einfachsten Dingen: Masken, Desinfektionsmittel, Teströhrli. Sind wir jetzt besser vorbereitet?
Alle ziehen die nötigen Lehren aus der Pandemie, gerade beim Covid-Gesetz geht es um Vorbeugung. Für die Pflichtlager ist das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung zuständig – da wird zum Beispiel das Monitoring verbessert. Und mit unserem individuellen Verhalten können wir alle dazu beitragen, dass sich Viren weniger verbreiten.

Sie meinen den persönlichen Vorrat an Masken und Desinfektionsmittel?
Handhygiene ist nie verkehrt, und eine Hausapotheke sollte man auch daheim haben.

Experten sagen, die nächste Pandemie kommt bestimmt. Nur weiss man noch nicht, wann und welcher Erreger. Womit rechnen Sie?
Die Glaskugel fehlt mir leider immer noch. Neben den bekannten Erregern mit Pandemiepotenzial wie Grippe und Covid kann es weitere geben, die wir noch nicht kennen. Mir machen im Moment aber multiresistente Keime grosse Sorgen. Sie führen dazu, dass Antibiotika manchmal nicht mehr anschlagen, etwa bei einer Blutvergiftung. Sollte ein besonders aggressiver Keim sich weltweit verbreiten, haben wir ein riesiges Problem.

Was macht der Bund dagegen?
Das laufende Programm setzt auf verschiedene Massnahmen in den Bereichen Mensch, Tier und Umwelt. Im Humanbereich ist es wichtig, den Verbrauch von Antibiotika zu reduzieren. Der falsche Gebrauch verschärft das Problem. Man sollte Antibiotika nur nehmen, wenn man sie braucht – also bei einer bakteriellen Infektion und nicht bei einer Erkältung – und nur genau so viel nehmen, wie verordnet. Der Rest gehört zurück in die Apotheke und nicht in den Kehricht. Wir verbessern zudem die Früherkennung: Das Abwassermonitoring, dank dem wir bereits Aufschluss erhalten über Covid-Viren, wollen wir auf Grippe und Antibiotikaresistenzen erweitern.

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Im Moment bereitet Corona den meisten Menschen keine Probleme: Das Virus zirkuliert, aber die Immunität der Bevölkerung scheint so hoch zu sein, dass es kaum Erkrankungen gibt. Wie lange hält das an?
Corona wird weiter zirkulieren, wie Grippe oder RSV. All diese sind für besonders vulnerable Menschen nicht harmlos. Für ältere Menschen oder Krebskranke kann eine Ansteckung sehr gefährlich sein. Darum wird auch weiterhin eine Impfung empfohlen.

Im Herbst lassen sich viele Menschen gegen Grippe impfen. Gehen Sie davon aus, dass jetzt jedes Jahr eine Covid-Impfung dazukommt?
Als Angebot kann ich mir das gut vorstellen. Für wen es eine ausdrückliche Empfehlung geben wird, ist eine andere Frage. Die Impfung hat sich bewährt, um schweren Erkrankungen vorzubeugen, und war entscheidend für die Bewältigung der Pandemie.

Werden Sie sich im Herbst gegen Covid impfen lassen?
Ich warte auf die Empfehlung der Fachpersonen und entscheide dann. Prinzipiell gilt: Eine Impfung ist immer dann sinnvoll, wenn sie weniger Risiko birgt als eine Erkrankung – das ist bei mir der Fall. Ausserdem bin ich sehr ungern krank. Was ich also impfen kann, impfe ich.

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