Abriss-Wahn in der Schweiz
Deutlich mehr Häuser zerstört als angenommen

Eine Analyse zeigt, dass in der Schweiz jährlich bis zu 7000 Gebäude abgerissen werden. Das sind weit mehr als bisher angenommen. Die Abrisswelle hat schwerwiegende Folgen für Klima und soziale Strukturen.
Publiziert: 22.06.2024 um 19:02 Uhr
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Aktualisiert: 23.06.2024 um 09:44 Uhr
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In den vergangenen fünf Jahren wurden in der Schweiz durchschnittlich 18 Häuser pro Tag abgerissen.
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Tobias OchsenbeinRedaktor Politik

Jahrelang wurde die Zahl der jährlich abgerissenen Häuser in der Schweiz unterschätzt. Man ging von 3000 bis 5000 Gebäuden aus. Eine aktuelle Analyse des Recherchemagazins «Correctiv» zeigt jedoch ein anderes Bild.

Seit 2015 werden jährlich zwischen 5000 und 7000 Gebäude abgerissen – mit einem Höchststand von über 7000 Abbrüchen in den vergangenen Jahren. In den zurückliegenden fünf Jahren wurden damit durchschnittlich 18 Häuser pro Tag abgerissen. Insgesamt sind in den vergangenen 24 Jahren über 99'000 Gebäude in der Schweiz zerstört worden.

«Correctiv» stützt sich bei seinen Zahlen auf Daten des Eidgenössischen Gebäude- und Wohnungsregisters des Bundesamts für Statistik (BFS). Die wachsende Abrisswelle wirft zahlreiche Fragen auf, besonders hinsichtlich der Auswirkungen auf das Klima und die soziale Struktur.

Ältere, Arme und Ausländer werden verdrängt

Denn: Abrisse führen zu enormen CO₂-Emissionen und sozialer Verdrängung. Insbesondere in den Städten, wo der Wohnraum knapp ist, entstehen durch Abrisse und anschliessende Neubauten hauptsächlich teure Wohnungen. Die Folgen: Ärmere, ältere und Menschen mit Migrationshintergrund werden verdrängt, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können.

Die Recherche zeigt, dass vor allem Häuser aus den 1950er- und 1960er-Jahren abgerissen werden. Diese Gebäude bieten oft noch günstigeren Wohnraum, der schliesslich durch teurere Neubauten ersetzt wird. Investoren profitieren, weil sie die Differenz zwischen alten und neuen Mieteinnahmen maximieren können.

SP-Nationalrätin Jacqueline Badran (62) kritisiert diese Praxis scharf. «Dahinter steckt eine Bilanz-getriebene Logik, bei der es einzig um maximale Rendite geht», sagt sie «Correctiv». Abrisse würden häufig vor Ablauf des Lebenszyklus eines Gebäudes durchgeführt, um den Marktwert in die Höhe zu treiben. Die dadurch entstehenden höheren Mieten wirkten sich negativ auf die gesamte Volkswirtschaft aus.

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Abrisse für Baulobby alternativlos

Baubranche und Baulobby verteidigen die Abrisse als notwendig, insbesondere in verdichteten städtischen Gebieten. Etwa FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen (42). Er ist im Vorstand des Schweizerischen Baumeisterverbandes sowie von «Bauenschweiz» und argumentiert, dass es oft keine Alternative gebe, um den Wohnungsbedarf zu decken. «Es ist gut, Häuser abzureissen, die ihren Zenit überschritten haben», sagt er. Die Branche verneint zudem, dass es ihr primär um Profit gehe, und verweist auf die Investoren, Immobiliengesellschaften und Pensionskassen als Hauptprofiteure.

Auch die Behauptung, Neubauten seien klimatechnisch besser, wird von Experten im Artikel infrage gestellt. So rechnet der Schweizer Heimatschutz vor, dass Abriss und Neubau mehr Energie verbrauchen als der Betrieb eines Hauses über 50 Jahre.

Klar ist: Der Trend zum Abriss scheint ungebrochen, und ohne gesetzliche Änderungen wird sich daran in nächster Zeit wohl wenig ändern.

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