«Hier kann ich meine Auftritte machen»
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Interview aus dem Jahr 2024:Toni und Ruth Vescoli sind froh über ihre Gesundheit

Zu Besuch bei Mundart-Pionier Toni Vescoli auf Teneriffa
«Zusammen fehlt es uns an nichts»

Diamantenes Jubiläum! Auf der spanischen Insel Teneriffa, ihrer zweiten Heimat, feiern Mundart-Musikpionier Toni Vescoli und seine Frau Ruth ihren 60. Hochzeitstag. Was ist das Geheimnis ihrer grossen Liebe?
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«Ruthli gefällt mir wie am ersten Tag.» Toni Vescoli (83) und seine Frau Ruth (92) in Alcalá auf Teneriffa. Immer dabei: ihre Chihuahua-Hündin Pipa. «Wir halten uns jung, haben noch einiges vor.»
Foto: Fabienne Bühler

Darum gehts

  • Toni Vescoli und Ruth feiern diamantene Hochzeit auf Teneriffa
  • 1966 heirateten sie, trotz Zürcher Konkubinatsverbot und 250 Franken Busse
  • Seit 60 Jahren verliebt, verbringen sie vier Monate in Spanien
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Thomas KutscheraRedaktor bei Schweizer Illustrierte

«Amore mio! Ich ha dich so gärn, Ruthli», sagt Toni Vescoli (83) und nimmt seine Frau Ruth (92) zärtlich in die Arme. Die beiden umarmen sich. Die 92-Jährige schaut ihrem Toni tief in die Augen: «Du schenkst mir so viel Liebe! Das ist das Schönste, was es gibt. Das ist nicht selbstverständlich. Danke, Toni!»

Es ist 22 Grad, der Wind weht heftig, Toni wischt sich den Zopf mit seinen weissen Haaren aus dem Gesicht. «Toni ist noch immer ein schöner, attraktiver Mann. Er fasziniert mich seit 60 Jahren, ich begehre ihn noch heute. Vor allem seine Haare und Lippen gefallen mir.» Die beiden stehen auf der Dachterrasse ihrer Wohnung in Callao Salvaje, einem Küstenort im Süden der spanischen Insel Teneriffa. Ihr Blick schweift über die Palmen im Garten, hinunter auf den Atlantik. «Unser Paradies», sagt Ruth mit ihrer warmen Stimme, «gegen Mittag sieht man Delfine vorbeiziehen.» Toni reicht Ruth ein Glas Schaumwein. «Stossen wir an, Schätzli! Auf uns, auf unsere ewige Liebe.» Er lacht. «Auf weitere 60 Jahre!»

Bei den Rolling Stones

Ihre diamantene Hochzeit am 17. Januar feiern die Vescolis in ihrer zweiten Heimat, an der Wärme. Seit 1984 kommen der Musiker und Mundartsänger aus dem Zürcher Oberländer Dorf Wald und seine Frau jedes Jahr auf die Insel der Kanaren mit den schwarzen Sandstränden und dem milden Klima. Vier Monate im Jahr geniessen sie das Leben hier, im Herbst und von Anfang Januar bis Mitte März – seit 2007 in ihrer zweistöckigen Wohnung.

Landeinwärts ist der schneebedeckte Gipfel des Vulkans Teide zu sehen. Callao Salvaje heisst übersetzt wilder Kiesel. Das Geräusch, wenn die Wellen am Strand die Steine bewegen, habe ihnen vom ersten Mal an gefallen. Toni lacht. «Wir sind hier bei den Rolling Stones.» Mit seiner legendären Beat-Band Les Sauterelles spielte Vescoli, der gelernte Hochbauzeichner, im April 1967 im Hallenstadion Zürich als Vorgruppe der Stones.

Erstmals begegnet sind sich die beiden 1964, vor einer Jukebox in Zürich. «Sie müend d Rolling Stones wähle, Frölein», riet Toni der rothaarigen Frau. Ein Jahr später sehen sie sich wieder, bei einem Konzert der Sauterelles im Musiklokal Bagatelle in Zürich. Ruth fällt dem Frauenschwarm sofort auf, sie kommen ins Gespräch. «Ich war fasziniert von ihrer Energie. Eine so schöne Frau, alleinerziehend, voller Tatendrang.» Auch sie erinnert sich: «Ein Musiker, mit Brille und erst noch blond – das konnte ich mir nicht vorstellen! Doch mit Toni war es Liebe auf den ersten Blick.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Die beiden ziehen in eine Wohnung in Dietikon ZH. Dort tauchen eines Tages zwei Polizisten auf und fahren die Verliebten auf die Einwohnerkontrolle. Dort erfährt das Paar, es habe gegen das Zürcher Konkubinatsverbot verstossen, die beiden müssen 250 Franken Busse blechen. Um weitere Kosten zu sparen, geben sich Toni und Ruth am 17. Januar 1966 im Stadthaus Zürich das Jawort, Trauzeuge war Tonis Musikerkollege Hardy Hepp. Ruth bringt zwei Kinder in die Ehe. Das Hochzeitsmenü im Vegi-Restaurant: Rührei mit Tomatenragout. Zwei Jahre später bringt Ruth ihre gemeinsame Tochter Natalie auf die Welt. An deren Zeugung erinnert er sich gut: «Es war in unserem Auto auf einem Waldweg.» Im Radio lief «A Whiter Shade of Pale» von Procol Harum.

«Ich war Ruthli fast immer treu», erzählt Toni. Mitte der 1970er-Jahre habe er mal in einem Büro mit seiner Affäre telefoniert. Zeitgleich rief Ruth an – und weil die beiden Gespräche technisch irgendwie gekoppelt wurden, hört Ruth alles mit. «Das hat mich tief getroffen, ich verreiste nach Südfrankreich», erinnert sich Ruth. «Ein paar Tage später hat sich Toni entschuldigt. Daheim haben wir lang darüber gesprochen.» Toni: «Ruthli hat mir verziehen, ich habe die Affäre beendet. Ich wollte meine Liebste auf keinen Fall verlieren.» Noch heute bekommt Toni von weiblichen Fans Liebesbriefe. Sieht Ruth an seinen Konzerten Frauen, die Toni anhimmeln, freut sie sich insgeheim. «Nachher fährt er mit mir nach Hause.»

Sie seien verschiedene Charaktere, sagt Toni. «Doch wir ergänzen uns gut. Wir sind ein Leib und eine Seele, können uns aufeinander verlassen. Ruthli hat mir schon immer den Rücken gestärkt.» Seine Frau habe die grossen Ideen, er als Pragmatiker setze sie um. Ruth: «Durch Toni bin ich diplomatischer geworden, ich kann meine Impulsivität besser zügeln. Er entscheidet immer gut.» Sie zwickt ihrem Mann in die Seite: «De Toni esch en geile Cheib! Mit ihm kann man Rösser stehlen.» Er sei ein harmoniebedürftiger Mensch. «Doch durch Ruthli habe ich gelehrt, mir nicht immer auf der Nase herumtanzen zu lassen.» Das Geheimnis ihrer Liebe? «Toleranz, Respekt voreinander. Aufeinander eingehen, Danke sagen.» Wenn die beiden aneinander vorbeigehen, berühren sie sich – ein Kuss, ein Streicheln. Essen, schlafen, Ferien: «Wir machen fast alles gemeinsam, geben uns aber auch Freiraum. Streit hatten wir seit Jahren nicht mehr.» Verlässt er das Haus, lässt er ein Zettelchen liegen mit einer lieben, intimen Botschaft.

Immer zusammen ins Bett

Wichtig sind ihnen Rituale. Jeden Tag um zehn Uhr bringt Toni ihr Kafi und Gipfeli ans Bett. Dann liest sie Nachrichten auf dem Handy, geniesst den Blick aufs Meer, Toni erledigt Administratives, bereitet den Brunch vor. Ab 11.30 Uhr frühstücken die beiden, diskutieren, lachen. Nach dem Mittagsschlaf übt Toni in seinem Musikzimmer. Nach dem Znacht hören sie Musik, schauen «Schweiz aktuell», einen Krimi. «Wir gehen immer zusammen ins Bett» – daheim in Wald haben sie ein rundes –, «immer in Frieden, beim Einschlafen halten wir uns die Hände.»

Sie seien dankbar, noch so gut zwäg zu sein für ihr Alter, sagt Toni, Testament und Vorsorgeauftrag sind gemacht. «Wir leben gesund, haben gute Gene. Und nie exzessiv gelebt.» Auch wenn früher ein paar Hanfstauden im Garten standen. Polo Hofer habe sein Gras gelobt – es sei das beste, was er je geraucht habe.»

Toni nimmt Ruthlis Hand, die beiden schauen aufs Meer. «Wir sind glücklich. Jeder Tag mit dem anderen ist ein Geschenk. Dafür sind wir dankbar», sagt Toni. «Zusammen fehlt es uns an nichts, gäll?» Ruth nickt. «Mit dir fühle ich mich wohl und erfüllt. Das macht mich reich.»

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