Von der SRF-Journalistin zur Theaterchefin
«Ich will den Menschen nahe sein»

Seit einem Jahr führt Léa Spirig das künstlerische Zepter im Casinotheater Winterthur. Begegnung mit einer Gastgeberin, die den Sprung auf die andere Seite gewagt hat – und es nicht bereut.
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«Ich bin sehr bemüht, nicht über Köpfe hinweg zu entscheiden», sagt Léa Spirig.
Foto: Thomas Meier
Jovana Nikic (Text) und Thomas Meier (Fotos)

Ihr Auftreten: makellos. Ihr Stil: klar, ästhetisch. Wer allerdings glaubt, einer abgehobenen Managerin gegenüberzustehen, irrt. Wenn Léa Spirig (46) redet, bricht eine Herzlichkeit hervor, die den Raum sofort erhellt. Seit einem Jahr nun ist sie Kuratorin des Casinotheaters Winterthur, eines Hauses von nationaler Ausstrahlung.

Der neue Job bedeutete für die gebürtige Winterthurerin nicht nur eine Heimkehr, sondern auch eine intensive Verwandlung. Während sie früher als Journalistin über die Kulturszene berichtete, zuletzt als stellvertretende Leiterin des SRF-Magazins «Gesichter & Geschichten», steht sie nun selbst an den Schalthebeln. «Ich habe nach Jahren der Kulturberichterstattung gemerkt, dass ich wieder näher heranwill», sagt sie. Doch dieses «näher heran» bedeutete auch, sich der harten Realität der Betriebsführung zu stellen.

Sie will eine Chefin sein, die zuhört

Das erste Jahr war für sie darum auch eine Reise der Selbstbehauptung. Aus der Frau, die früher über Premieren schrieb, ist die Frau geworden, die sie ermöglicht. Sie hat dieses Jahr genutzt, um das «grosse Schiff», wie sie es nennt, nicht nur auf Kurs zu halten, sondern ihm auch ihre eigene Handschrift zu verleihen – ohne dabei die ehrwürdige Geschichte des Hauses zu übertönen.

Ihr Arbeitsstil ist geprägt von einer «Unterhaltung mit Haltung». Ihre Entscheidungen trifft sie wohlüberlegt. Ihre Führung ist keineswegs hierarchisch. Sie will eine Chefin sein, die zuhört – und zwar genau. «Ich bin sehr bemüht, nicht über Köpfe hinweg zu entscheiden», erklärt sie. Während sie im Hintergrund Budgets jongliert und Programme entwirft, versucht sie, nie das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: den Menschen.

Theater als Heilmittel

Sie ist präsent, ohne sich aufzudrängen. Man sieht sie am Freitagabend im Foyer, wie sie Gäste begrüsst, Hände schüttelt und Umarmungen verteilt. Der Umgang mit Menschen fällt ihr leicht – «ich will ihnen nahe sein. Mich interessieren die Menschen. Ich glaube, das ist das, was ich dem Theater geben kann».

Nach einem Jahr an der Spitze ist sie von ihrer Vision überzeugter denn je: In einer Zeit, in der Gräben in der Gesellschaft tiefer werden, sieht sie im Theater ein Heilmittel. Sie wählt ihre Künstlerinnen und Künstler nicht nur nach handwerklichem Können aus, sondern nach ihrer Fähigkeit, etwas Gemeinsames zu schaffen. Und den Saal dieses Hauses zu füllen, das ohne staatliche Subventionen auskommt.

Dragqueens auf die Bühne

Ihre Identität als lesbische Frau lässt Spirig mit unaufgeregter Selbstverständlichkeit in ihre Arbeit einfliessen. Es geht ihr nicht um eine politische Agenda, sondern um Sichtbarkeit und Fairness. Wenn sie Dragqueens auf die Bühne holt oder Stücke über Regenbogenfamilien programmiert, dann tut sie das mit der Überzeugung, dass gute Kunst universell ist. «Ich glaube nicht, dass man queer sein muss, um sich in diesem Stück wiederzufinden», sagt sie über die aktuelle Produktion «Vier werden Eltern», ein Stück von Roman Riklin (54) und Michael Elsener (40). Spirigs Ziel ist es, dass queere Inhalte mit den gleichen Ellen gemessen werden wie alle anderen.

Für Spirig ist Lachen im dunklen Saal der ultimative Akt von Solidarität. «Was gibt es Schöneres? Gerade wenn Menschen noch so unterschiedlich sind, gehen sie ins Theater und lachen über die gleiche Pointe. Das verbindet dann auch wieder.» Spirig ist die Brückenbauerin zwischen Tradition und Moderne, zwischen glattem Humor und der tiefgründigen Satire. «Ich mag es zu sehen, wie die Menschen das Theater mit neuen Gedankenanstössen verlassen.»

Mit ihrem Berater Viktor Giacobbo spiegelt sie Inhalte

In ihrem ersten Jahr ist sie achtsamer geworden – und noch entschlossener. Die schlaflosen Nächte sind vorbei, in denen sie über Budgets und die Verantwortung gegenüber der Geschichte des Hauses grübelte. Sie hat gelernt, dass sie nicht alles allein können muss, solange sie die richtigen Menschen um sich hat – wie ihren künstlerischen Berater Viktor Giacobbo (74), mit dem sie intensiv Inhalte spiegelt, und ihre Mitarbeiterin Léonie, die sich beide besser mit Betriebswirtschaft auskennen: «Es gab eine Zeit, in der ich aus Angst sogar von Zahlen träumte, das ist zum Glück nicht mehr so.» 

Auf die Frage, wo sie in der Zukunft stehen will, antwortet sie ohne Zögern: «Eigentlich genau hier. Das Theater ist unglaublich toll, wie es ist. Wir wollen das Theater bleiben, wo Künstler:innen ihre Premiere spielen wollen.» Sie ist die Frau, die das Casinotheater Winterthur nicht einfach nur verwaltet, sondern es mit Leben füllt. «Ich kann mir vorstellen, vielleicht mal in der Regie mitzuwirken, aber das ist Zukunftsmusik», sagt sie, wieder mit diesem herzlichen Lachen.

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