Darum gehts
- Der 26-jährige Berner Jérôme Humm ist als Serienschauspieler bekannt
- In Bern hat er nun den früheren Technoclub Kapitel am Bollwerk beim HB übernommen
- Die Lage scheint ideal, doch gibt es in der Nähe gleich mehrere Konfliktherde
Das TV-Publikum kennt Jérôme Humm (26) aus den SRF-Serien «Neumatt» und «Seitentriebe», die beim Streaming-Dienst Play Suisse zu sehen sind. Doch der Berner Schauspieler ist auch Festivalveranstalter und Gastronom. Seit 100 Tagen führt er das «Bollwärk» beim Hauptbahnhof. Die Lage scheint auf den ersten Blick ideal. Mit der Reithalle und der Drogen-Anlaufstelle gibt es aber gleich zwei Problemherde.
Die nahe Vergangenheit des früheren Technoclubs Kapitel als Kulturort mit klarer Positionierung im Nahostkonflikt hallt auch noch nach. Humm lässt sich nicht unterkriegen. Er sagt gegenüber Blick: «Wir schreiben noch rote Zahlen, sind aber auf einem guten Weg.»
«Politisch äussern wir uns nicht»
Sein Konzept ist wagemutig. «Wir sind kein klassischer Club und kein herkömmliches Restaurant. Sondern ein Ort, an dem alles möglich ist. Wir haben keine Zielgruppe und möchte keine Exklusivität.» Die Schlussphase des Vorgängerlokals sei noch spürbar. «Aktuell ist es ein Abtasten zwischen uns und früheren Gästen. Unsere Antwort: Alle sind willkommen, die keine Schranken kennen. Politisch äussern wir uns nicht.»
Der Mut für seine optimistische Sichtweise ist biografisch begründet. Mit 16 litt Humm an Lymphdrüsenkrebs im Endstadium. «Seither sehe ich die Welt anders an. Vieles, was uns wichtig erscheint, ist banal.» Angst bestimme das Leben vieler Menschen. «Wer einmal dem Tod in die Augen geschaut hat, setzt die Prioritäten fortan anders.»
Dass er als Schauspieler erkannt wird, taxiert er als Geschäftsvorteil. «Bekannt zu sein, kann aber auch Neid oder sogar Hass auslösen. Nicht alle Menschen mögen mich. Es gibt Leute, die mit meiner direkten Art nicht klarkommen», sagt Humm. Offensichtlich kann er damit aber gut leben. «Ich habe schon vieles ausprobiert, kann aber nichts richtig. Ich versuche einfach immer, möglichst fähige Leute mit ins Boot zu holen. Und ich möchte mir keine Grenzen setzen, jedenfalls nicht im Kopf.»
Fachkräftemangel kennt Humm nicht
Kulinarisch setzen Humm und sein Team auf eine Mischung aus gesunden Gerichten wie Bowls, aber auch auf Pinsa, Pastagerichte und Sandwiches. Zu erstaunlich tiefen Preisen. «Alle sollen sich bei uns das Essen leisten können. Dafür verzichten wir zum Beispiel auf den Tischservice.»
Vom Fachkräftemangel spüre er wenig. «Wenn du gute Löhne zahlst und einen verträglichen Führungsstil pflegst, ist es keine Hexerei, fähige Leute zu finden. Ich habe noch nie ein so gutes Arbeitsklima erlebt.» Im Clubbereich arbeitet Humm mit externen Veranstaltern. Mitte März gibt es die erste Ü40-Party. Und am 1. März einen Brunch-Rave. Daneben stehen Pingpong-Abende, Speed-Datings und bald auch Comedy-Anlässe auf dem Programm.
Im Bezug auf das kriselnde Ausgeh-Geschäft könne man nicht alles auf den angeblich schrumpfenden Markt schieben. «Veranstalter müssen vermehrt auch Angebote kreieren, die ihre Kundinnen und Kunden wirklich wollen», sagt Humm.
Entscheidend sei in erster Linie die positive Energie. «Wir schauen beim Party-Einlass nicht auf die Kleider, sondern auf die Gemütslage der Leute und haben einen hohen Frauenanteil. Und wir sind uns auch der Verantwortung für den Schutz unserer Gäste bewusst. Wenn es sein muss, werfen wir auch Leute raus. Drogenkonsum wird hier nicht akzeptiert.»
Das habe bisher gut funktioniert, sei aber bei dem Standort ein wiederkehrendes Thema. «Die Abhängigen suchen auch nach ihrem Platz. Für dieses Dilemma gibt es leider keine einfachen Lösungen.»
Humm plant eigene TV-Serie
Die Schauspielerei hat Humm nicht aufgegeben. «Ich habe alle Anfragen, die nach ‹Seitentriebe› und ‹Neumatt› kamen, abgelehnt. Nicht weil ich die Lust an der Sache verloren hätte, sondern weil ich mit einem bekannten Schweizer Künstler aus der Musikbranche mit dem Schreiben einer eigenen Serie beschäftigt war», verrät Humm gegenüber Blick.
«Aktuell sind wir an der Finanzierung und Entwicklung. Ich bin Produzent und Serienentwickler, spiele aber auch selber mit.» Thematisch ist die Serie weit weg von Humms bisherigen TV-Engagements. «Wir erzählen die Schweiz, die niemand gerne zeigt: ein wohlhabendes Land, in dem materieller Überfluss nicht vor innerer Orientierungslosigkeit schützt.»