Darum gehts
- Gianni Pontillo ist neuer Leadsänger der Rockband Nazareth seit 2025
- 90 Konzerte weltweit geplant
- 2027 plant Familie Pontillo Umzug nach Costa Rica für neues Leben
Schön, bist du wieder für ein paar Tage daheim und nicht auf Tour, Papa», sagt Marvin (5) und setzt sich zu Gianni Pontillo (48) ans Piano. Der Vater greift in die Tasten und intoniert die Ballade «Dream On» (Träume weiter), einen der Klassiker seiner Band Nazareth. Marvin strahlt und beginnt leidenschaftlich mitzusingen, den Text hat er lückenlos intus. Gianni Pontillo schmunzelt. «Marvin ist einer der grössten Nazareth-Fans. Viele unserer Songs kennt er in- und auswendig, ohne Zwang meinerseits. Auch im Auto will er immer diese Lieder hören, am liebsten von mir live. Oder er singt sie selbst.» Marvin reckt die Faust in die Luft wie ein Rockstar: «Die machen einfach schöne Musik. Und Papa gehört dazu!»
Gianni Pontillo muss nicht mehr weiterträumen. Seit Ende des vergangenen Jahres ist er der Leadsänger der weltbekannten schottischen Hardrock-Band Nazareth. «Schon als kleiner Bub sang ich leidenschaftlich gern», erzählt der im Kanton Baselland aufgewachsene Sohn einer italienischen Gastarbeiterfamilie. Der schweizerisch-italienische Doppelbürger wohnt noch heute dort – mit seiner Frau Ingrid (42) und dem gemeinsamen Sohn Marvin. Seine ersten Auftritte als Sänger hatte der Guns-N’-Roses-Fan im Alter von 15 Jahren mit der Schülerband Pure Yeast in der lokalen Turnhalle. Unter dem neuen Namen Pure Inc. legt die Hardrock-Formation dann für Jahre richtig los: Konzerte schweizweit, auch als Support von Gotthard, Europa-Tourneen mit Grössen wie Michael Schenker Group und Doro. Ab 2005 singt Pontillo auch bei der Band The Order, nach dem Tod von Gotthard-Sänger Steve Lee wird er heiss als Nachfolger gehandelt. Über Jahre ist er in «Das Zelt» engagiert: erst im All-Star-Projekt Slädu & Friends, später als Ersatz von Krokus-Sänger Marc Storace im «Rock Circus». 2019 holen ihn Victory an Bord: Mit der deutschen Heavy-Metal-Institution hatte der Baselbieter auch einen Auftritt am renommierten Wacken Open Air – vor 15 000 Zuschauern. Seinen Lebensunterhalt verdient er hauptsächlich bei seiner Arbeit als Kundendienst-Techniker: Der leutselige Baselbieter ist gelernter Heizungsmonteur.
Nach den Proben ein Guinness
Die Aufzeichnung von Giannis Performance am Wacken kommt Pete Agnew zu Ohren. Der 79-jährige Bassist ist der Bandleader von Nazareth – als einziges verbliebenes Gründungsmitglied der seit 1968 bestehenden Band. 25 Alben hat die legendäre Formation herausgebracht, 60 Millionen Tonträger verkauft. Begeistert von Giannis Stimme, lädt Agnew ihn am Telefon zu Sessions nach Schottland ein. «Nach den Proben gings ins Pub auf ein Guinness – Pete nimmt eins ohne, ich eins mit Alkohol», berichtet Pontillo. «Die Chemie zwischen der Band und mir stimmte sofort.»
Am 20. Dezember 2025 dann der Anruf, der Pontillos Leben verändert. «Du bist unser neuer Sänger», verkündete ihm Pete Agnew. Der Bandleader hat Sänger Carl Sentance aus der Band geschmissen. In den darauffolgenden Wochen übt Pontillo in einem Bandraum in Arlesheim BL die rund 20 Lieder ein, die er auf der diesjährigen Tour singen wird. Darunter die grossen Hits wie «Love Hurts» und «Bad, Bad Boy». «Die Texte kann ich mittlerweile gut auswendig.» Pete Agnew: «Giannis Stimme passt am besten zum originalen Naz-Sound.»
Zügeln nach Costa Rica
«Still Rockin’ Hard» heisst die diesjährige Tour von Nazareth: 90 Konzerte in Europa, den USA, Südamerika. Pontillo weiss: In Brasilien wollen die Fans unbedingt «Love Leads to Madness» hören. Auch in Russland ist Nazareth Kult – doch dort spielt die Band wegen des Kriegs gegen die Ukraine seit 2016 nicht mehr. Nach den Konzerten übernachtet die Band in Viersternehotels, dann gehts mit dem zweistöckigen Tourbus – mit Bar, Lounge und zwölf Schlafkojen – an den nächsten Auftrittsort. Jeden Tag hat Gianni via Facetime Kontakt mit Frau und Sohn.
Tourneestart war Ende Februar im tschechischen Brünn vor 1200 Fans in ausverkaufter Halle. «Die Fans haben mich als neuen Sänger begeistert gefeiert. In der Band verstehen wir uns wie in einer Familie. Wir sind Buddys», erzählt Pontillo, seine Frau sitzt neben ihm auf dem Stubensofa. Die Landschaftsarchitektin ist gebürtige Italienerin. 2013 war sie mit ihrem Cockerspaniel bei der italienischen TV-Anstalt Rai zu Gast. Gianni sah die Sendung daheim in Reinach, fand Ingrids Telefonnummer heraus, danach chatteten sie via Facetime. Ein Jahr später trafen sie sich in Rom an einem Konzert des Italo-Rockstars Vasco Rossi. Der Blitz schlug ein, 2017 heirateten die beiden auf dem Standesamt Arlesheim, mit Verwandten gefeiert wurde in Rom.
Anfang April gastierten Nazareth im Kursaal Bern, danach in einem Klub in Seewen SZ. Pontillo: «Die Stimmung war grossartig!» In Bern waren neben Ingrid und Marvin natürlich auch Giannis Vater Gennaro (75), seine Mutter Angela (67), Schwester Tiziana (42) und deren Mann Ivan dabei. Gennaro, pensionierter Kranführer, nach dem Konzert: «Das hät gfäget, Giannis Stimme ist der Hammer. Wir sind stolz auf ihn.»
Ist Pontillo nicht on the road, arbeitet er in seinem angestammten Beruf, gibt Konzerte mit seinen eigenen Bands (giannipontillo.com). «Von der Musik allein kann ich nicht leben.» 2027 werden Ingrid und er ihren lang gehegten Wunsch verwirklichen: Mit Marvin wandern sie nach Costa Rica aus, eröffnen ein Bed and Breakfast. «Dort ist das Leben günstiger. Und wir drei lieben die Sonne.» Bis nächstes Jahr heisst es: Dream on.